> > > > > 07.02.2007
Donnerstag, 2. Dezember 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Choreografien von Fokine, Tetley, und Kylían

Drei Teile, zwei Pausen, fast himmlisch

‘Himmlisch weiß’ ist der Titel des neuen Ballettabends in Dresden. Drei Choreografien, die in anderen spannenderen Kombinationen zwischen Juni 1996 und Juni 2006 in der Direktion Vladimir Dereviankos ins Repertoire gekommen sind, hat der neue Ballettdirektor Aaron S. Watkin als Wiederaufnahmen und Neueinstudierungen zusammengestellt.
Der Abend beginnt mit ‘Chopiniana’, von Watkin selbst, zusammen mit Yelena Evteeva, in der St. Petersburger Fassung von 1907, für die Dresdner Company eingerichtet. Die einstmals sicher berühmte und bedeutsame Choreografie von Michail Fokine, die noch einmal schönheitstrunken und in ästhetischer Vollendung den Abschied vom klassisch-romantischen Ballett zelebriert und vorsichtige Schritte in die aufkommende Moderne wagt, wirkt jetzt aber seltsam und fremd.

Zum Himmel noch weit

Auf der leeren Bühne, vor hellblauem Horizont die drei Ballerinen, der Danseur noble und die Damen des Corps de ballet, bis auf den Herrn, auch ganz in Weiß. Eine Huldigung an das romantische Ballett, die den Schwebezustand der Tänzerinnen in langen Tutus feiert. Eine Handlung gibt es nicht, eine Abfolge von Ensembleszenen, Variationen der Solistinnen und des Solisten, Pas de deux und Pas de trois, umrahmt von Gruppenarrangements, die in ihrer Künstlichkeit kaum zu übertreffen sein dürften. Fokine mutet den Tänzerinnen ausnahmslos zu, kraft makelloser Technik und einem Höchstmaß an neutraler Präsenz, den Zustand eines äußerst empfindlichen und zerbrechlichen Geflechts aus kunstvoll verwobenen Linien entstehen zu lassen. Der Choreograf bevorzugt zarte Bewegungen, besondere Anmut in den Haltungen der Arme. Zwanzig Dresdner Tänzerinnen mit den kleinen Flügelchen der nur noch halbirdischen, den Luftgeistern verwandten, Geschöpfen, geben eine Probe der hohen klassischen Kultur des Ensembles. In den lyrischen oder brillanten Variationen glänzen zunächst das exzellente Solopaar Natalia Sologub und Raphael Coumes-Marquet, sowie die Ballerinen Olga Melnikowa und Britt Juleen, denen es ausnahmslos gelingt, ihren Parts ein schönes Maß an persönlicher Ausstrahlung zu geben.


Von einem himmlischen Beginn des Abends möchte ich dennoch nicht sprechen, zumal er zunächst mit eher höllischen Klängen aus der Tiefe des Orchestergrabens begann. Die Musik zu diesem Ballett ist eine Folge von instrumentierten Klavierstücken Frédéric Chopins von Alexander Glasunow, Maurice Keller und anderen Komponisten. Meisterwerke sind diese Instrumentalfassungen sicher nicht. Etwas mehr Liebe und Zuneigung, als die Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von Dieter Rossberg ihnen zukommen ließen, hätten sie schon um des Gesamteindruckes willen verdient.

Dem Himmel ein Stück näher

Himmlischer wurde der zweite Teil. Farbiger auch. Glen Tetleys Choreografie ‘Voluntaries’ zum Konzert für Orgel, Pauken und Streicher von Francis Poulenc wurde im Dezember 1973 mit dem Stuttgarter Ballett uraufgeführt. Gewidmet war das Stück der kraftvollen Tanzpoesie John Cranco, dem Schöpfer des Stuttgarter Ballettwunders, der im Juni 1973 verstorben war. Tetley, dessen Arbeiten weltweit das moderne Ballett beeinflusst haben, starb vor wenigen Tagen, kurz vor seinem 81. Geburtstag. Aaron S. Watkin versteht die Dresdner Wiederaufnahme von ‘Volontaries’, einer der wichtigsten Arbeiten Tetleys, im Rahmen des Ballettabends ‘Himmlisch weiß’ als eine Ehrung für den Künstler, den er für einen der größten Choreografen des 20. Jahrhunderts hält.    

                       
Das Konzert von Poulenc ist die spannende Abfolge einer farbreichen Klangreise in einem fortreißenden Satz. Dem einleitendem Andante folgt ein hochstrebendes Allegro giocoso, dem sich ein gläsern, durchsichtiges Andante anschließt. Einem aufgeregten, unruhigen, von fiebernden Suchbewegungen durchzogenen Allegro schließt sich eine sehr ruhige, meditative Passage an, der wiederum Bewegung, aber ohne Nervosität folgt, bevor mit der Rückkehr zum erhabenen Eingangsthema das Werk ausklingt. Diese Musik fordert den Tanz geradezu heraus. Großes Glück bedeutet die Besetzung dieser Choreografie in Dresden, deren Anforderungen enorm sind. Immer wieder gibt es vertrackte Bewegungskombinationen, körperliche Verbindungen, versetzte Korrespondenzen und vor allem große und sehr eindrückliche, in die Höhe des Raumes weisende Hebungen. Olga Melnikowa und Dresdens ehemals erster Solist Ivan Korneev, jetzt als gern gesehener Gast, zusammen mit Bridget Breiner, Dmitry Semionov und Raphael Coumes-Marquet lassen die Herzen der Ballettfans hoch schlagen. Da stellt sich schon so etwas wie ein himmlisches Gefühl ein, wenn es dem ganzen Ensemble mit weiteren dreizehn Tänzerinnen und Tänzern gelingt mit hohem Maß an Perfektion so etwas wie eine Mischung aus akademischer Strenge, erhabener Schönheit und charmanter Spiritualität zu vermitteln.
Mit dem Solisten Joachim Dalitz an der Orgel lieferte die Staatskapelle eine engagiertere Leistung als zuvor, der berühmte Funke sprang auch hier nicht über, zudem bleibt der Orgelklang seltsam dumpf.

Im Himmel ist gut Lachen

Nach der zweiten Pause, das kürzeste Stück des Abends, ‘Sechs Tänze’ von Wolfgang Amadeus Mozart ( Sechs Deutsche Tänze, KV 571), dazu die im besten Sinne himmlische Choreografie, von Jirí Kylían. Vier Paare und fünf ‘Megastars’ stürzen, stolpern, fallen und springen jubelnd in die Höhe, geraten aneinander um gleich darauf miteinander und gegeneinander anzutanzen, zu zweit, zu dritt, allein und mit allen. Sie zerren aneinander, reißen sich los um dem oder der Nächsten in die Arme oder anheim zu fallen. In feiner Ironie lässt Kylían die Perücken seiner Protagonisten stauben, weil er sicher sein kann, auf dieser Superchoreografie liegt auch zehn Jahre nach ihrer Entstehung noch kein Körnchen Staub. Jetzt bricht der himmlische Humor auf der ehrwürdigen Bühne der Semperoper aus, es sind die Späße aus dem großen Können und der Lust mit der sich die Tänzerinnen und Tänzer dem übermütigen Geist Mozarts hingeben. Einfach himmlisch dieses Finale.

Fazit:
Drei Teile, kein Ganzes. Drei Höhepunkte der Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts, durchgehend großartig getanzt, leider nicht entsprechend in der musikalischen Wiedergabe. Empfehlenswert auf jeden Fall, nicht nur für Ballettfans.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett: Ballettabend "Himmlisch Weiss"

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Frédéric Chopin, Wolfgang Amadeus Mozart, Francis Poulenc

Mitwirkende: Kiri Kylián (Choreographie), Dieter Rossberg (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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