> > > > > 20.03.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ariadne auf Naxos - Dresdner Strauss Festtage

Auch Götter sind nicht mehr das, was sie mal waren

Zwar besingt die liebreizende Zerbinetta in ihrer großen Arie, mit Bravur, koloraturenverziert und in verinnerlichtem Parlando, dass es ihr scheinen will, dass zuweilen jeder Mann als ein Gott gegangen käme. In der Oper ‘Ariadne auf Naxos’ dem funkelndsten und facettenreichsten Werk von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gibt es etliche Männer aber ein Gott ist nur einer. Im Vorspiel noch schlicht Tenor genannt betritt er in der Oper als Gott Bacchus persönlich die Insel Naxos und erlöst durch Liebe die trauende verlassene Ariadne zu neuem Leben.
Wir wissen alle nicht wie Götter aussehen, wir wissen erst recht nicht, wie sie singen. Es geht die Mähr dass Richard Strauss Tenöre nicht mochte, also schrieb er ihnen mörderische Partien. Die des Bacchus ist so eine. Alfons Eberz singt sie in der Dresdner Festtagsaufführung und es unterlaufen ihm einige Töne, die auf keinen Fall zu den göttlichen gezählt werden können.


Er ist kein Gott, Andreas Schmidt ist auch weit entfernt, durch Gesang oder Spiel so zu wirken, ist aber so etwas wie eine Vaterfigur, der Musiklehrer, der im philosophisch-parlierenden Vorspiel mit seinem Schützling, dem Komponisten das Unmögliche angeht, nämlich nicht das Satyrspiel von der ungetreuen Zerbinetta der Tragödie von der Ariadne folgen zu lassen, sondern beide Werke zugleich zu spielen. Wir wohnen an diesem Abend der Erfindung der Performance bei, was Regisseur Marco Arturo Marelli bewogen haben muss das Ganze erst in die hinteren und dann in die vorderen Räume einer als Ausstellungsraum genutzten Investruine aus Beton zu verlegen. Wahrscheinlich ist daher eine so große Schar von Statistinnen und Statisten aufgeboten, die dann als Schickeria sich für Göttinnen und Götter halten sollen, aber über übliche Klischeehaltungen nicht hinauskommen.

Wenn die Inszenierung nicht so entsetzlich alberne Dinge von ihnen verlangen würde, dann könnten die Herren des Dresdner Ensembles in ihren witzigen Partien aus der Commedia schon ganz göttlich daher kommen. Gesanglich ist da viel Schönes zu vernehmen von Christoph Pohl, Gerald Hupach, André Eckert und Timothy Oliver als Harlekin, Scaramuccio, Truffaldin und Brighella.


Die Aufführung gehört aber insgesamt zu den bisher glanzvollsten und erfreulichsten des zehntägigen Straussfestes. Das liegt an drei wunderbaren Damen, einem gut aufgelegten Orchester mit diesmal nur 36 Stimmen und einem Dirigenten, der sich mit großer Lust sowohl dem Pathos als auch der kichernden Komik hingibt. Da strahlt und glänz am Ende so vieles, dass kleine Patzer aus Eifer und überschäumender Musizierlust wahrhaft marginal sind. Der Dirigent ist Wolfgang Rennert, die Damen sind Anne Schwanewilms als Ariadne, Marlis Petersen als Zerbinetta und Sophie Koch als Komponist. Ihr gilt der stärkste Beifall. Ihre Leistung an diesem Abend ist phänomenal, zart und verletzlich, dramatisch ungestüm kann sie sein, eine empfindsame Seele, eine schöne Stimme. Ziemlich irdisch, sehr menschlich und vielleicht ein wenig göttlich.


Anne Schwanewilms ist eine Sängerin und Darstellerin der Ariadne, wie man sie selten erlebt. Keine holen Gesten, keine aufgeheizte und lautstarke Pseudodramatik, empfindsam und gesanglich bleibt sie noch da, wo Strauss ihr wirklich Heroinentöne gibt. Manchmal freilich verschwimmen Konturen, leidet die Klarheit der Diktion.
Marlis Petersen ist der flinke Charme eigen, genau jene Beweglichkeit, die Gabe, das Gleichgewicht zwischen dem Heiterem und dem Ernsten zu halten. So beschert sie uns eine Zerbinetta, die in vielerlei Hinsicht, was Kunst des Gesanges und authentischer Präsenz angeht, Maßstäbe setzt. Kleine Wermutstropfen in freudiger Überfülle sind minimale Intonationstrübungen in den sehr hohen Lagen. Also, ein Abend der Frauen, der wunderbaren, der göttlichen, der Zauberinnen.  


Dresdner Festtage - Richard Strauss
Szenenfoto "Ariadne auf Naxos", Inszenierung und Bühnenbild: Marco Arturo Marelli Szenenfoto "Ariadne auf Naxos", Inszenierung und Bühnenbild: Marco Arturo Marelli Szenenfoto "Ariadne auf Naxos", Inszenierung und Bühnenbild: Marco Arturo Marelli

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresdner Festtage - Richard Strauss: Richard Strauss, Ariadne auf Naxos

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Wolfgang Rennert (Dirigent), Marco Arturo Marelli (Inszenierung), Marlis Petersen (Solist Gesang), Anne Schwanewilms (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), André Eckert (Solist Gesang), Gerald Hupach (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang), Andreas Schmidt (Solist Gesang), Sophie Koch (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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