> > > > > 05.10.2006
Sonntag, 14. August 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Nadja Michael debütiert als Verdis Lady Macbeth

Gelungener Verdi in Dresden

Vor einem Jahr feierte Philipp Himmelmanns Inszenierung von Verdis genialischen Oper „Macbeth“ an der Dresdner Semperoper eine umjubelte Premiere. In der Ausstattung von Johannes Leiackers nüchternem, vieltürigem Einheitsraum der Möglichkeiten werden mit Assoziationen an unsere Fernsehwirklichkeit Szenen der Machtausübung und -erhaltung durchgespielt: sexuelle und militärische Macht, deren administrative Verwaltung, ihre Zentralen und ihre Repräsentation. Das ist nicht neu, aber konsequent durchgeführt. Himmelmanns Regie zeigt die Spirale der Macht als Folge der Einnahme von Machtinstanzen und kommt damit Verdi und der Shakespeare-Vorlage recht nahe. 

Rollendebüt

Nun, ein Jahr später, gibt es eine neue Besetzungen in den Hauptpartien und einen neuen Dirigenten. Das Hauptinteresse galt dabei sicherlich dem Rollen-Debüt Nadja Michael als Lady Macbeth. Sie erprobt seit einiger Zeit europaweit die Möglichkeiten ihrer Stimme im Sopranfach, ja, hat sich inzwischen offiziell ganz von ihren erfolgreichen Mezzo-Partien verabschiedet. Partien mit ganz unterschiedlichen Anforderungen gehörten dabei bislang zum Probierfeld. Unterschiedlich auch der Grad des Gelingens. Einer fulminanten Cassandra in Berlioz’ „Troyens“ (Leipzig 2003) und einer aufsehen erregenden Marietta in Korngolds „Toter Stadt“ (Amsterdam 2005), folgten „Tosca“ (St. Gallen und Wien 2005), die Fidelio-Leonore (Oslo 2006) und zuletzt Lehárs „Lustige Witwe“ (Berlin 2006), die, neben viel Gelungenem, auch Defizite deutlich machten.

Verdis Lady Macbeth ist eine Partie mit großer Interpretations-Tradition. Der Charakter der Partie und die umfangreiche Tessitura erlauben die Anlage großer, expressiver Ausbrüche, bis hin zu schrillen, hysterischen Passagen, aber auch feinste Differenzierungen und breit angelegte Steigerungsstrukturen. Nadja Michael gelingen in ihrem Debüt vor allem die dramatischen Passagen, die sie mit einer großen Intensität in der Tongebung zu gestalten versteht. Die Höhe bereitet ihr im Forte und auch im Mezzoforte-Bereich keinerlei Probleme, sicher ist die Attacke und der Tonansatz. Verbunden mit ihrer attraktiven Bühnenerscheinung und schauspielerischer Präsenz setzt das starke Akzente. Probleme bereiten ihr hingegen die Anlage weiter legato-Passagen, die rechte Dimension der Steigerungen (Brindisi) und Pianoschattierungen (Schlafwandel-Szene). Hier ist einiges noch zu grob gefasst, fehlen die Differenzierungen. Aber auch der Höhenansatz im Piano ist nicht sicher und führt schnell zu unsauberer Intonation. Trotz allem wird man von einem gelungenem, wegweisendem Rollendebüt sprechen können, das mit zunehmender Rollenerfahrung auch stilistische Feinheiten schärfen wird. Im April nächsten Jahres wird man das bei einer weiteren 'Macbeth'-Serie in Dresden überprüfen können.

Etwas, das allerdings -  besonders im Italienischen - eklatant störed wirkt und einmal angesprochen werden muss, da es zur Gesamtwirkung gehört, ist der bekannte starke Sprachfehler Nadja Michaeles, der immer wieder lispelähnliche Zischlaute hervorbringt und die Artikulation stört. Das fragmentiert die Phrasierungen und beeinträchtigt die Stimmfärbungen immer wieder aufs Heftigste. Hier gälte es dringend Abhilfe zu schaffen.

Herausragende Sänger

Mit Franz Grundheber (der nächstes Jahr seinen 70.Geburtstag feiern kann!) stand einer der immer noch führenden Charakter-Baritone unserer Zeit auf der Bühne. Seine souveräne Technik, die Flexibilität der immer noch sicher geführten und klar fokussierten Stimme ermöglichen ihm ein Rollenporträt von durchdringender Größe. Vor wenigen Moaten noch in Hamburg als Simon Boccanegra gefeiert, lief er auch in Dresden zu großer Form auf. Er beherrscht das gerade für den Ausdruck bei Verdi so wichtige Mezzavoce, spannt herrliche, intensive Legato-Bögen, variiert effektsicher in Tempo und Dynamik und vergisst dabei nie, dass es sich um Belcanto handelt. Nur wenige Baritone dieses Fachs sind derzeit in der Lage technisch so sicher und in der Gestaltung so ausdrucksstark Verdi zu singen. Das ist emotionsstark, gewinnt tragische Größe und brennende Intensität.

Wookyung Kim glänzte als Macduff abermals mit überwältigender Fülle und Schönheit seines stilistisch so sicher geführten Materials. Eine große Karriere dürfte ihm gewiss sein – bereits diese Saison wird er an der New Yorker Met als Alfredo in Verdis ‚Traviata’ debütieren. Auch Georg Zeppenfeld (Banco) wird mit seinem fülligen, emotionalen Bass, den er so sicher und ausdrucksstark zu führen weiß, seinen Weg machen. Sie beide stehen exemplarisch für die mittlerweile so hervorragenden Dresdner Ensemblearbeit.

Alexander Joel, künftiger Chef in Braunschweig, führte die Staatskapelle und den glänzend disponierten, klangmächtigen Chor sicher und nicht ohne Effekt durch die Partitur. Er war den Sängern ein zuverlässiger Begleiter, der wusste, wann es eigene Akzente zu setzen gilt und wann es klug Zurückhaltung zu üben ratsam ist. Zudem bewies Alexander Joel trotz mancher vorsichtigen Zurückhaltung im Tempo ein sicheres Gespür für Verdis Final-Architekturen und sorgte insgesamt für eine sichere, geschlossene, das Publikum zu viel Applaus hinreißende Repertoire-Vorstellung. Schön wieder Verdi in dieser Qualität in Dresden hören zu können.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Verdi: Macbeth: Insz.: P. Himmelmann; Dirigent: A.Joel

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Alexander Joel (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Nadja Michael (Solist Gesang), Franz Grundheber (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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