> > > > > 14.10.2006
Dienstag, 9. August 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Verdis „Otello“ in der Semperoper

Flaute auf der Bühne, Entrüstungssturm im Publikum

Da wollte die Werbung punkten. ‘Sturmwarnung’ verheißt das Banner an der Vorverkaufskasse der Dresdner Semperoper. Man erfährt noch dass ‘Nemirova’ Otello inszeniert, dass es sich um eine Oper von Giuseppe Verdi handelt, ist nicht so wichtig. Vorausgesetzt, man weiß, dass Nemirova mit Vornamen Vera heißt, eine Regisseurin ist, mit 34 Jahren zu den jungen Vertreterinnen des Faches gehört und gut im Geschäft ist, kriegt man schon in Dresden zusammen, was gemeint ist.

Verschmelzung von Drama und Musik im Kammerspiel

Die Oper nach Shakespeares gleichnamiger Tragödie beginnt mit einem Sturm, einer mächtigen Chorszene. Obwohl in dieser Oper der Chor gar nicht so viel zu tun hat, und im letzten Akt nicht mehr auftritt, hat sich die Meinung durchgesetzt, es handle sich um eine ‘Choroper’. In Wirklichkeit hat Verdi mit seinem vorletzten Werk ein subtiles Kammerspiel geschaffen, befreit von mancherlei Nebenhandlungssträngen der Vorlage von 1604, ist seine Erfolgsoper von 1887 die subtile Musikalisierung eines Dreieckskonfliktes einsamer Menschen, auf Zypern, Ende des 15. Jahrhunderts.

Otello, der fremde Maure, siegreicher Flottenbefehlshaber Venedigs im Kampf gegen die Türken und Desdemona, seine Frau aus venezianischem Geschlecht, die den Leidenden aus Mitleid liebt, und Jago der Fähnrich in Otellos Diensten und beider Gegenspieler, Intrigant und Verderber, ein einsamer Nihilist voll tödlichen Selbsthasses.

Verdis Oper ist eine Verschmelzung von Drama und Musik, die Singstimmen bleiben im Vordergrund gegenüber dem Orchester. Die vielfältigen Nuancen des Stückes finden in Verdis Musik spannungsreiche und berührende Entsprechungen. Die Musik ist es auch hier, die mehr zu sagen hat als der Text, die klingenden Emotionen sind in ihren Gültigkeiten zeitlos und ihre Aktualität erweist sich durch den Ton der Wahrheit ihrer Interpreten und nicht so sehr durch zeitgeistgemäße optische Vergegenwärtigungen. Schon Shakespeare sah seine Form der Tragödie nicht als moralische Rechenaufgabe, stellte den Schicksalszwang gegen die Kalkulierbarkeit und provozierte beim Zuschauer somit stärker die Nachfühlbarkeit dessen was geschieht, aber eben nach den Regeln der Kunst.

Brachialer Aktualisierungsversuch

Mit ihrer Dresdner Inszenierung will die Regisseurin Vera Nemirova aktualisieren. Sie holt den Sturm der ersten Szene, in der die Zyprioten bangen, ob Otello im Kampf gegen die Gewalten der Natur und der türkischen Feinde bestehen kann, so sehr in medial nachprüfbare Aktualität, dass die bühnenmäßige Ausführung den im Kopf vorhandenen Bildvergleichen gegenüber das Nachsehen haben muss. Die Regisseurin, der Bühnenbildner Johannes Leiacker und Kostümbildnerin Frauke Schernau zitieren die Tsunamikatastrophe von 2004.
Hilfsdecken, Notverpflegung, Schockerfahrungen, Unvernunft, in einem Urlaubsparadies auf Zypern, werden Thailändisch überformt und sollen Ausgang und Folie für das folgende Geschehen sein. Die Musik dauert aber wesentlich länger als die wenigen Momentaufnahmen, bzw. Abbildungsmuster, die die Regisseurin von so fleißigen wie außerordentlich disziplinierten Chorsängerinnen und Chorsängern, Tänzerinnen, Tänzern und Mitgliedern der Statisterie realisieren lassen kann. So stellt sich rasch Leerlauf ungewollter Wiederholungen ein, geraten viele Bewegungen zu puren Beschäftigungen und die auf Ansage zu produzierenden Befindlichkeiten geraten erst komisch, verflachen dann zunehmend, gerinnen zu mechanischem Selbstlauf und stellen sich am Ende gar in unangenehme Konkurrenz zur musikalischen Form. Musikalisch zündend gerät dieser Anfang nicht. Die Koordination zwischen Bühne und Orchester ist gefährdet, am Ende ist Ablenkung durch die nicht bewältigte Szene und die nicht zu realisierenden Aktualisierungsidee das vorherrschende Ergebnis.

Hinzu kommen Seitenhiebe und böse Blicke auf Massentourismus, Pauschalvergnügungen á lá ‘Ballermann’ und kabarettistische Persiflagen weltumspannender Wellnessideologien. So, und da, wo knackige Pos in Bermudas und Bikinihöschen stecken, Seniorenbeine aus Hotpants ragen, gesoffen, gesurft und geknutscht wird, da schlägt Otello mit der venezianischen Flotte die Türken und entscheidet über die Zukunft Venedigs. Da ist er ein Außenseiter, was man unschwer erkennt, denn er ist mit seinem langen Mantel mitten im Sommer, wo andere fast nichts anhaben, recht komisch gekleidet. Desdemona, seine Gattin, ist obwohl ihr ein langes schwarzes Abendkleid wirklich gut steht, in exotische Opernfolklore gewickelt, als belegte sie anstelle von Wellnesskuren hier gerade einen Selbsterfahrungskurs für interkulturelle Beziehungen. Überhaupt, machen die Beiden hier Urlaub, gehört ihnen gar die Hotelanlage, deren Betonruine nicht ganz klar erkennen lässt, ob neu gebaut wird, oder Investruinen vermarktet werden?

Ideen gehen aus

Aber bald schon sind die inszenatorischen Ideen aufgebraucht, dann bleiben nur die Kostüme und das Ambiente aus Beton. Die Sänger stehen wieder wie gewohnt an der Rampe, der Chor bildet brave Begrenzungen nach hinten und zu den Seiten, singt und winkt vor allem oft und ausführlich von den notvoll gesicherten Balkonen und Terrassen der Hotels für Billigreisende.                                        
Einmal noch wird es komisch, wenn es um das Indiz für die Eifersucht Otellos geht, das bewusste Taschentuch nämlich, dann regnet es selbiges in unzähligen Kopien, eine deutungsweisende Idee, und wenn Otello vor Wut und Verzweiflung heiß läuft, dann erfüllt ein großer Getränkekühlschrank seinen einzigen Zweck, darin stellt Jago den Otello erst mal kalt. Ideen muss man haben.

Schon eine dümpelnde Touristengruppe vor dem Zwischenvorhang zum zweiten Akt erhielt sarkastische Lacher und die Aufforderung aus dem Publikum, doch lieber baden zu gehen., Am Ende gab es für die Regisseurin lautstarke und eindeutige Ablehnungsbekundungen. Sie lächelte.

Jubel und Bravi für die Solisten.

Zu erleben war eine musikalische Widergabe des Werkes, die hohe Anerkennung verdient. An gesanglichen Höhepunkten ist diese Aufführung nicht gerade arm. Das bringt viel Glück vor allem, aber ein paar Zweifel auch. Andrzej Dobler singt den Jago. Schön gerundet sind seine vornehmlich weichen Töne. Der finstere Fiesling ist er nicht, eher ein unbeholfener Intrigant. Aber weht aus seinem negativen Credo wirklich der eisige Hauch des Nihilismus? Ist er nicht doch eine Kunstfigur, der die scheinbare Natürlichkeit des netten Nachbarn namens Jago abträglich ist?

Otello muss kein Mohr sein, Außenseitertum, Identitätsverlust, Kompensierung durch Korrektheit und Ordnungsfanatismus haben viele Varianten. Stephen Gould tritt mit gebietendem, heldischem Ton auf. Er bleibt ein zerbrechlicher Held, bewährt sich in der Fragilität einer weit dimensionierten Tenorpartie, zarte Lyrismen und ungestüme Ausbrüche vereint er. Anja Harteros als Desdemona, frei von jeder Künstelei, ist musikalisch und persönlich leuchtender Mittelpunkt des Geschehens. Sie gibt ihrer Liebe aus Mitleid Töne, die wahrhaft erschauern lassen. Ihr klarer Gesang ist voller Wärme, in der Führung ihrer Stimme, in den Phrasierungen, in Pianopassagen und Ausbrüchen, stehen ihr vollendete Techniken zu Gebot.

Zu den hoch geschätzten und willkommenen Gästen kommen Elisabeth Wilke, Wookyung Kim, Timothy Oliver, Jacques-Greg Belobo und Jürgen Commichau als Emilia, Cassio, Rodrigo, Lodovico und Montano aus dem Ensemble des Hauses. Sie alle geben ihren Partien Präsenz und Kraft, werden zurecht in den herzlichen Beifall und Jubel für das ganze Ensemble eingeschlossen.

Der Dresdner Opernchor kann seine gewohnte Opulenz nicht in vollem und gewohntem Maß entfalten. Wie prächtig die Sängerinnen und Sänger dieses von Matthias Brauer betreuten Ensembles sein können stellten sie gerade im italienischen Fach zuletzt in der Macbeth-Inszenierung mit Daniele Gatti am Pult unter Beweis.

Massimo Zanetti und die Musiker der Staatskapelle fanden bei der aktuellen Otello-Produktion erst im Laufe des Abends besser zusammen. Aus anfänglicher Zurücknahme erwuchs bis zum erschütternden Finale immer intensivere Melodik. Anja Harteros ist für alle acht Aufführungen der Saison angekündigt, Clifton Forbis und Alexey Markov werden im nächsten Jahr die Partien des Otello und des Jago übernehmen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: Premiere: Giuseppe Verdi „Otello“

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Massimo Zanetti (Dirigent), Vera Nemirova (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Elisabeth Wilke (Solist Gesang), Stephen Gould (Solist Gesang), Jürgen Commichau (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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