> > > > > 15.04.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Berlioz für Augen und Kopf an der Semperoper

Faust - Eine Jahrhundertrevue

Ein Theaterspektakel, sinnlich, abwechslungsreich, gehaltvoll und reich an opulenten Bilderwelten, so präsentiert sich die jüngste Premiere der Dresdner Semperoper. Mit Hector Berlioz’ legende dramatique „La damnation de Faust“ setzt das Haus eine Reihe erfreulich anspruchsvoller Produktionen fort, die eine kontroverse Aufnahme durch das Publikum nicht scheuen und gerade auch dadurch zur Auseinandersetzung anregen.

Stringent und zielgerichtet

Berlioz’ „Faust“, eine immer noch moderne Mischung aus Kantate, Oratorium, Sinfonik und opernnahen Szenen, führt seit jeher ein Doppelleben. Im Konzertsaal begegnet man diesem musikalisch kraftvollen Werk voll suggestiver Klangwelten, das sich Goethes „Faust“ nur orientierenden, nicht aber adaptierenden zur Vorlage genommen hat, ebenso wie auf der Opernbühne. Eine Herausforderung - gelten die 20 Szenen allgemein hin doch als Bruchstücke ohne klare Dramaturgie. Zu den großen Erkenntnissen der Dresdner Neuproduktion gehört jedoch, dass dem keineswegs so ist, dass Berlioz’ Text von enormer Stringenz und Zielgerichtetheit ist. Der international renommierte britische Regisseur Keith Warner hat das mit seinem großen Produktionsteam überzeugend gezeigt. Sein dramaturgischer Coup: er wechselt die Perspektive. er macht den stets als geistesgeschichtlichen Meilenstein diskutierten „Faust“-Text zum Spiegel der (Geistes-)geschichte des 20. Jahrhunderts.

Faust und das 20. Jahrhundert

In einer Art Zeittunnel – optisch ebenso eine Reminiszenz an Roland Emerichs „Stargate“ wie an Götz Friedrichs berühmte „Ring“-Inszenierung – begleiten wir den alten Faust durch die Wirren des letzten Jahrhunderts (Bühne: David Fielding). Dieser Tunnel, der als Symbol vielfältige Bezüge zwischen wissenschaftlicher Versuchsanordnung und Glücksspiel zulässt, wird im Gang durch Kriege, Wirtschaftswunder, Amerikanisierung zum Brennglas von Ideologien, Hoffnungen und Enttäuschungen eines ganzen Jahrhunderts. Was Faust als Traum, als Wahn, als Chimäre erlebt, wird befehligt vom Prinzip des Bösen, vom Krebsgeschwür des Jahrhunderts, das seinem destruktiven Ziel unaufhaltsam entgegensteuert: Méphistophélès. Er befehligt die papiernen Kulissen eines Welttheaters, das Blütenträume und Identifikationen von Marlene Dietrich bis J. F. Kennedy bereithält. Angebote, die immer auch für den Zeitgeist stehen. Passiv bleibt die Masse Mensch, uniform gekleidete Arbeiter, wie sie die Soziologen beschreiben. Oder aber sie sind choreographierter Ausdruck Unmündiger.

Was sich nach und nach zur Revue eines Traumes fügt, greift das Schlagwort von der „Jagd nach Glück“, mit dem das Jahrhundert – etwa in einem Romantitel Heinrich Manns - begann, auf. Marguerite bleibt ebenso Illusion des Glücks für Faust, wie die Utopie der reinen Natur, der unschuldigen Schöpfung. Keith Warners Faust-Figur hat immer wieder Bezüge zu Thomas Manns gesellschaftsanalytischem Zeitroman „Doktor Faustus“ und wie dieser endet er in der Nervenheilanstalt. Alleine dieser Aspekt von Warners Lesart mit ihren reichhaltigen Interpretationsangeboten würde für weitreichende Diskurse Anlass geben. Wie Manns Faustus-Figur, erlebt Warners Faust das Teuflische im Wahn, wie bei Mann wird das Panoptikum der Zeitgeschichte zur Reise durch Erkenntnisprozesse. Faust, der Anti-Held, der für den Menschen des 20. Jahrhunderts steht, der Ideen folgt, die stets in den Abgrund führen. Ein Träumer, mit Gespinsten und Ideologien durchs 20. Jahrhundert ziehend, die Jagd nach Liebe, die Jagd nach Glück im Sinn, doch als Egoist, der nur im Augenblick lebt und die Konsequenzen seines Handelns nicht bedenkt, der Prototyp des Scheiterns des 20. Jahrhunderts. Hans Castorp, der am Ende von Thomas Manns „Zauberberg“ 1914 in den Wirren des Ersten Weltkrieges verschwindet, auch er, der sich stets verliert, könnte dieser Faust sein.

Keith Warners Faust ist ein „Teil von Euch“, wie er selbst im Akt der Selbsterkenntnis sagt, er ist Teil der Schöpfung, er wird bei Keith Warner zum personifizierten Scheitern des 20. Jahrhunderts, das in höllischen Gefilden endet. Apotheose und Höllenfahrt, sie sind kaum noch zu trennen. Abgrund oder Erhebung? Wie interpretiert ein von weißen Kittelmenschen Beaufsichtigter das? Die Diagnose jedenfalls, die Keith Warner mit seiner furiosen Inszenierung stellt, sie wiederholt das Schlagwort von der „Krankheit des Jahrhunderts“, mit dem Max Nordau – einst Aufsehen erregend – schon das 19. Jahrhundert belegt hatte.

Spuren der Moderne und Idiomatisches

Die interpretatorische Gewalt der Produktion, die reichen Bildwelten, die sie in der zeitreisenden Kostümrevue Emma Ryotts begleiten, die ergänzenden Videokommentare des Teams von Brust TV Ltd., die – freilich nicht immer überzeugenden - Choreografien Nora Sitges-Sardàs und Claudi Bombardòs, sowie das kongeniale Licht von Jan Seeger, sie machen es der musikalischen Seite der Aufführung nicht einfach. Und tatsächlich, Marc Albrecht enttäuscht am Pult der Sächsischen Staatskapelle. Er folgt den Spuren der Moderne in Berlioz’ Partitur und verliert dabei Prägnanz, Illustration und sinnliches Erleben der Musik aus den Augen. Anfängliche Koordinationsprobleme mögen noch einer Premierennervosität zuzuschreiben sein. Fehlende Transparenz und Differenzierung in Tutti-Stellen hingegen, die aus Steigerungen bloße Klangballungen machen, bleiben unverständlich. Erst in der zweiten Hälfte des Abends, wenn es Lyrischer wird, gewinnt das Dirigat an Zugriff und Durchsichtigkeit. Doch selten gelingt es die filigran instrumentierte Partitur in ihren schillernden Farben, ihren federnden Rhythmen und weit ausholenden Linien aufzufächern. Das Orchester gewinnt nur selten an Prägnanz oder federnder Laszivität, wird nicht der kommentierende Akteur, den man aus anderen Interpretationen der Partitur kennt. Das ändert nichts an der immer noch grandiosen Klangkultur und den wunderbaren Soli (Englischhorn!) des Orchesters, das für diese romantische Partitur ebenso wie der gewaltige Chor prädestiniert ist.

Vinson Cole ist ein Faust der sich der sich stilistisch einer französischen Gesangsschule verschrieben hat, die in ihrer lyrischen Tonformung, dem Einsatz der voix mixte, den zarten Couleurs, den feinen Abstufungen, den hellen Ausbrüchen überzeugender nicht sein könnte. Überraschend idiomatisch auch der Méphistophélès von Kristinn Sigmundsson, dessen Palette zwischen Ironie und Triumph der Stimme, mit festem Kern und zupackendem Bassbariton mitreißt. Sophie Koch versteht die Marguerite als dramatische Figur, gestaltet in ihrer letzen großen Arie („D'amour l'ardente flamme“) eine sich überzeugend intensivierende Szene, anstatt die feinen und feinsten Pianoabstufungen zu suchen, die viele ihrer Rollenvorgängerinnen fanden. Technisch ist sie über jeden Zweifel erhaben, spinnt weite, strömende Lyrismen, genießt das Spiel mit den Stimmfarben, ist stets präsent und vermag der Rolle eine herbe, lustvolle Sinnlichkeit zu verleihen. Ein gefeiertes Sängerensemble, ergänzt durch Jacques-Greg Belobos etwas zurückhaltenden Brander und die engelsgleiche Stimme aus der Höhe von Lydia Teuscher.

Ein großer Abend an der Semperoper, der große Begeisterung hervorrief, einzelne Teile des Dresdner Publikums mit neuen Sichtweisen aber auch bis an die Grenzen forderte. Man kann es nicht oft genug sagen: So muss lebendiges Musiktheater sein!


Berlioz: La damnation de Faust
Berlioz' "La damnation de Faust" an der Semperoper Berlioz' "La damnation de Faust" an der Semperoper Berlioz' "La damnation de Faust" an der Semperoper

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Berlioz: La damnation de Faust: Premiere

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Hector Berlioz

Mitwirkende: Marc Albrecht (Dirigent), Keith Warner (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Vinson Cole (Solist Gesang), Sophie Koch (Solist Gesang), Kristinn Sigmundsson (Solist Gesang), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang), Lydia Teuscher (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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