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Mittwoch, 20. März 2019

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Evgeny Kissin, Copyright: Johann Sebastian Hänel/DG

Evgeny Kissin, © Johann Sebastian Hänel/DG

Evgeny Kissin in München

Pianistische Pyrotechnik

Maßgeblich mit gefördert durch Herbert von Karajan, wurde Evgeny Kissin in jungen Jahren ausgiebig als ‚Wunderkind‘ gefeiert. Was man mit diesem überstrapazierten Begriff anfangen will, mag jeder für sich selbst entscheiden. Kissin jedenfalls ist das gelungen, was etlichen derart apostrophierten Talenten am Ende doch verwehrt bleibt: Er hat eine Weltkarriere eingeschlagen und sich als leuchtender Fixstern dauerhaft am Klavierfirmament etabliert.

Wie angegossen

Schon in Chopins drei 'Nocturnes' op. 55/1, 37/2 und 62/2 zeigt sich Kissins vollendete Meisterschaft. Wie angegossen sitzende Artikulation und Phrasierungseleganz treffen auf schier unbegrenzte Ausdrucksmittel. Mit untrüglichem Instinkt für stimmliche Konturen auf der einen und ungefilterte Emotionen auf der anderen Seite formt er perfekt ausformulierte Phrasen. Exemplarisch taucht er am Sonntagabend in der Münchner Philharmonie am Gasteig das letzte dieser drei ‚Nachtstücke‘ in eine Atmosphäre aus impulsiver Leidenschaft und sehnsuchtsvoller Wärme. Immer wieder erstaunt es, wie Kissin das nahezu Unmögliche gelungen ist, sein Niveau trotz schon immer herausragender Fähigkeiten beständig weiter zu verbessern. Wohl nicht zuletzt wegen einer reflektierenden Auszeit, die er sich vor Jahren vorübergehend genommen hatte, sind es vor allem klangliche Parameter, an denen er seither kontinuierlich gearbeitet hat. Als eines dieser Hauptmerkmale ist besonders auffallend, dass sein Anschlagsvolumen in tiefen Registern noch weicher und voller klingt als früher. Verhältnismäßig selten im Konzertsaal anzutreffen ist Schumanns f-Moll-Sonate op. 14. Noch dazu entstehungsgeschichtlich und aufführungspraktisch inkohärent, wählt Kissin eine Kombination aus den beiden existierenden Fassungen. Das überzeugt nicht nur konzeptionell, sondern vor allem auch in der Ausführung. Im 'Allegro brillante' ist die Satzbezeichnung spielfreudig sprudelndes Programm. Vollgriffige Kraftentfaltung im Scherzo, warmherzige Kantilenen im explizit Clara zugeeigneten Variationssatz und ein funkelndes 'Prestissimo possibile', dessen Vortragsdirektive ideal auf Kissins überragende Technik zugeschnitten ist, sind allerbeste Werbung für eine häufigere Aufführung dieses Werks.

Auf ‚Klangwolke sieben‘

Nach der Pause folgt eine Auswahl aus Debussys 'Préludes' (Heft I und II). In 'Danseuses de Delphes' und 'La fille aux cheveux de lin' visualisiert Kissin die programmatischen Inhalte musikalisch und lässt die Zuhörer gleichsam auf ‚Klangwolke sieben‘ schweben. Komplexe Schichtungen laufen bei ihm – wie anderweitig oft genug zu erleben – niemals Gefahr, in unsauberem Pedalgebrauch zu zerließen. Ein anderes Stück des ersten Bands heißt übersetzt: ‚Klänge und Düfte erfüllen die Abendluft‘. Dieses steht wohlgemerkt nicht auf Kissins Programm – der Titel beschreibt aber perfekt die sinnliche Wirkung, die von seinem Spiel ausgeht. Gleichermaßen veranschaulichende Farbgebung wie Virtuosität sind in 'Ce qu‘a vu le vent d`Ouest' oder 'Générale Lavine' gefragt – beiden Faktoren wird Kissin auf atemberaubende Weise gerecht. Die individuell deskriptiven Charaktere all dieser Stücke hievt er auf eine Anschlagsebene, die mit der legendären Interpretation Arturo Benedetti Michelangelis buchstäblich spielend mithalten kann. Für die pianistische ‚Pyrotechnik‘, die Kissin im abschließenden 'Feuerwerk' ('Feux d‘artifice‘) zündet, müsste man im Programmheft als musikalischem ‚Beipackzettel‘ fast schon Warnhinweise abdrucken. Auch Skrjabins Fis-Dur-Sonate op. 30 entlockt er Farben und stimmliche Formen, die außer ihm höchstens noch eine Handvoll anderer Kollegen aus dem Flügel herausholen können. Als Zugaben bedankt er sich beim Publikum mit Schumanns 'Träumerei', Debussys 'Golliwogg‘s Cakewalk' aus der Sammlung 'Children‘s Corner' und Chopins 'Grande valse brillante' As-Dur op. 34/1 – unter Kissins Händen jede davon ein echtes Juwel.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Evgeny Kissin: Chopin, Schumann, Debussy, Scriabin

Ort: Gasteig,

Werke von: Frédéric Chopin, Robert Schumann, Claude Debussy, Alexander Skrjabin

Mitwirkende: Evgeny Kissin (Solist Instr.)

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