> > > > > 17.06.2018
Montag, 25. Juni 2018

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Anna Netrebko (Lady Macbeth), Ensemble, Copyright: Bernd Uhlig

Anna Netrebko (Lady Macbeth), Ensemble, © Bernd Uhlig

Verdis 'Macbeth' als existentielles Drama

So viel Intensität ist selten

Giuseppes Verdis Oper mit Weltstar-Besetzung in der Berliner Staatsoper Unter den Linden Plácido Domingo in der düsteren Titelrolle mit Anna Netrebko als Lady Macbeth.

Es ist eine von Männern dominierte Gesellschaft, in der Lady Macbeth an der Seite eines zaudernden, feigen Mannes eine Ehe führt, die von negativen Abhängigkeiten bestimmt wird. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn es da nicht um Macht ginge. Regisseur Harry Kupfer führt eine Gesellschaft vor, die von einer brutalen Soldateska beherrscht wird. Das ist leider noch immer aktuell, darauf muss man nicht mit erhobenem Zeigefinger hinweisen. Konsequent reduziert Kupfer das Drama um den schottischen König Macbeth und seiner dominierenden Gemahlin auf den existentiellen Konflikt.

Die Hexenscharen werden zum drückenden Gewissen von Macbeth. Aber all das geschieht, wie auch die Morde, unspektakulär, gerade so, wie es eben die heutigen Medien auch präsentieren. Man sitzt genüsslich im Sessel und schaut sich die Schrecken der Welt an. Natürlich hat man vieles davon schon in anderen Inszenierungen gesehen, aber selten mit dieser Eindringlichkeit. Und Harry Kupfer ist ja nun in der Tat ein alter Hase, der weiß, wie Theater funktioniert, und ihm war auch klar, dass diese Sichtweise nur mit exzellenten Sängern funktionieren kann. Nur so ist es möglich, den Konflikt dort austragen zu lassen, wo er stattfindet, und das ist bei Verdi die Musik und eben nicht die Bühne, so widersprüchlich das erscheinen mag. Hans Schavernoch entwarf hierzu passend eine dunkel gehaltene, zweigeteilte Bühne, die von einem Schwarz-Weiß-Kontrast dominiert wurde. Videos (Thomas Reimer) mit zerfallenen Schlössern, brennenden Kriegs- und Ölfeldern, Feuerbrünsten usw. liefen im Hintergrund ab und Olaf Freese (Licht) sorgte für subtil ausgeleuchtete Stimmungen.

Ernster, großer Verdi

Das homogene und nahezu ideale Solisten-Ensemble verbindet sich mit Daniel Barenboims intensiver, persönlich geprägter Werksicht, dem im brennenden Schwarz des in Extremsituationen ausgeglühten Nachtstückes. Barenboim spannt weite Bögen in  wie zu erwarten  durchweg ruhiger Tempogestaltung. Kaum Theaterdonner, dafür, in stetigem Pulsieren, genau entwickelte innere Dramatik. Hörbar werden Verdische Instrumentationswunder. Anna Netrebko bot schauspielerisch wie musikalisch eine mitreißende Interpretation. Von der ersten Arie an hat sie ihre Rolle doppelgleisig angelegt. Als die von einem festen Willen geleitete Herrschernatur, die auch stimmlich über ihre Umwelt (Chorszene!) zu triumphieren weiß, und als leidendes, zerbrechliches Opfer. Den absoluten vokalen Höhepunkt setzt Anna Netrebko mit ihrer unbeschreiblich subtilen, in ihren Ausdrucksnuancen bis an die Grenzen des Vokalen gehenden, erschütternd realistischen Interpretation der Nachtwandelszene im vierten Akt. Verdi hat hier Shakespeares humanistisch-aufgeklärte Denkweise übernommen, verifiziert durch den Arzt (Dominic Barberi), der die Lady nicht als blutrünstiges Wesen zeigt, sondern als seelisch kranken Menschen. Placido Domingo singt mit souveräner Ausstrahlung die Titelrolle klug und mit stichhaltigem, den Ausbruch aus dem Belcanto nicht scheuenden fatalistischen Espressivo. Mit seinen 77 Jahren hat er sich längst von tenoraler Strahlkraft entfernt und nähert sich seiner Rolle passend vom Baritonalen. Wahrlich ein Glückfall. So bekommen seine Gesangspartien von der ersten Mordszene bis zu seiner sinnlos gewordenen Befreiung aus seiner Mörderexistenz eine bohrende und gleichzeitig brüchige Eindringlichkeit.

Auch das restliche Ensemble ist mit Fabio Sartori (Macduff), Kwangchul Youn (Banquo), Florian Hoffmann (Malcolm), Evelin Novak (Kammerfrau), Jan Martiník (Mörder, Erscheinung) exzellent besetzt. Die Staatskapelle Berlin agierte tadellos, ebenso der Staatsopernchor. Harry Kupfer und Daniel Barenboim lieferten ein Exempel für eine bemerkenswerte, musikalisch bedeutende Sichtweise, die nur aus dem Grunde so exzellent gelingen kann, weil bei beiden ein großer Erfahrungsschatz vorliegt. Natürlich kann man bei manchen Sichtweisen anderer Ansicht sein. Dem Duo Barenboim/Kupfer ist eine faszinierende Reise zum Zentrum dieser Oper gelungen. So viel Intensität ist selten. Der Premierenapplaus auch auf dem Bebelplatz, wo im Rahmen von 'Staatsoper für alle' auf einer großen Leinwand die Inszenierung live übertragen wurde, war zu Recht frenetisch.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Macbeth: Melodramma in vier Akten von Giuseppe Verdi

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Staatskapelle Berlin (Orchester), Harry Kupfer (Regie), Plácido Domingo (Solist Gesang), Anna Netrebko (Solist Gesang)

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