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Freitag, 21. September 2018

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Chefdirigent Robin Ticciati leitet das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin im Rahmen des Musikfests, Copyright: Kai Bienert

Chefdirigent Robin Ticciati leitet das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin im Rahmen des Musikfests, © Kai Bienert

Ticciati und Felicity Lott mit Debussy-Spektakel

Saint Sébastien in post-säkularen Zeiten

Wir leben hier in Deutschland zwar in einem säkularen Land, aber nicht in einem laizistischen wie Frankreich. Es gibt bei uns keine strikte Trennung von Staat und Religion. Als an keinen Gott glaubender und nicht an Religion interessierter Mensch und Musikkritiker muss ich feststellen, dass mir auf allen Sendern und Kanälen Diskussionen rund um Religion_en begegnen, ja mehr noch, dass ich mich teils dafür rechtfertigen muss, dass ich eigentlich mit all diesen Debatten nichts zu tun haben will. Schon gar nicht, wenn mir andere Menschen erklären wollen, welches Verhalten meinerseits zu Erlösung führen könnte – und welches nicht. Die Liste ist lang und hat teils nicht mit dem Grundgesetz zu tun, an das ich mich im Zweifelsfall lieber halten würde.

Religion ist Teil von aktuellen Antidiskriminierungsstreiterein, von Rassismusdiskussionen, aber auch Teil von Forderungen einer neuen Welle von Feministinnen, die in Religion und strikten religiösen Verhaltensregeln ihre eigene Handlungsmacht sehen, Verschleierung und mögliche Unterwerfung inklusive. Das behandelt beispielsweise Prof. Dr. Ulrike Auga in ihrer Veranstaltungsreihe ‚Queer-feministisches Leben und Futurität‘ im Schwulen Museum, wo es diese Woche darum geht: ‚Sex und Säkularismus. Zur post-säkularen Agency (Handlungsmacht) und der neuen Rolle der Religion in den öffentlichen Sphären.‘

'Le martyre de Saint Sébastien'

Vor dem Hintergrund dieser vielschichtigen Diskussionen – die besonders in der queeren und linken Szene derzeit mit größter Heftigkeit geführt werden – war es spannend, das Konzert des Deutschen Symphonie Orchesters unter Chefdirigent Robin Ticciati zu besuchen. Denn: Da standen gleich zwei Werke auf dem Programm, in denen es um Religion und religiösen Wahn geht sowie um die Suche und Sehnsucht nach göttlicher Ekstase und Erlösung. Die Rede ist von Wagners Bühnenweihfestspiel 'Parsifal' und Debussys Mysterienspiel 'Le martyre de Saint Sébastien' nach einem Text von Gabriele D’Annunzio. Von Wagners letztem Werk gab es das Vorspiel und eine Suite mit Musik aus dem dritten Aufzug zu hören, die Claudio Abbado 2003 erstellt hat; als Pendant zu Vorspiel und Liebestod aus 'Tristan'. Statt Sopransolo ist hier großer Chor zu hören, erst die Herren mit kruden Titurel-Texten, dann der komplette Rundfunkchor Berlin mit den Schlussklängen ‚Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!‘ (Einstudierung: Michael Alber). Dem folgte nach der Pause dann der nicht minder krude (auf 50 Minuten statt fünf Stunden) zusammengestrichene D’Annunzio-Text mit ähnlichen Erlösungs- und Heilsphrasen, vorgetragen von Dame Felicity Lott als Sprecherin, dem Chor und den vorzüglichen Solistinnen Erin Morley als hochschwangere Heilige Jungfrau sowie Anna Stéphany und Katharina Magiera.

Expansion des Klanges

Mit dem Wagner könnte sich Ticciati – quasi nebenbei – im Berliner Wagner-Business als neuer Spitzenkandidat empfehlen, als Ablösung für die in die Jahre gekommenen Lokalmatadore Daniel Barenboim und Donald Runnicles, die sich dieses Repertoire groß auf ihre Fahnen geschrieben haben. Ticciati spielt das 'Parsifal'-Vorspiel mit viel Gefühl und auch schönen Portamenti der Streicher, aber er schafft es nicht, das hypnotische Aufleuchten der Klänge umzusetzen, dieses Glühen des Erlösungsmotivs, das sich wie ein Lichtstrahl erhebt. Hier sind die schillernden Streicherakkordbrechungen eher zu erahnen statt tatsächlich prägnant zu hören, der magische Sog stellt sich nur bedingt ein. Und bei der 3.-Akt-Suite sorgen zwar die weit im Raum verteilten Chöre für Expansion des Klanges, aber den ultimativen Erlösungs-Kick für Ungläubige bieten sie kaum. Da steckt noch mehr an Möglichkeiten drin, die Robin Ticciati hoffentlich in Zukunft ausloten wird. Denn Berlin kann einen sympathischen jungen Wagner-Dirigenten zur Stabübergabe brauchen – für Gastauftritte an der Deutschen Oper Berlin oder der Staatsoper Berlin. (Sir Simon Rattle hat mehrfach vorgeführt, wie gut das funktionieren kann.)

Beim ‚Sebastian‘ von Debussy war es mir ein großes Vergnügen, Felicity Lott wiederzusehen, die ich zuletzt als Offenbachs Großherzogin von Gerolstein in Paris live erlebt hatte. In dieser reinen Sprechrolle war sie in rotem, durchsichtigem Mantel eine majestätische Erscheinung, quasi die Hohepriesterin dieser Märtyrergeschichte vom unfassbar schönen Hauptmann aus dem Libanon, der sich im Jahr 288 n. Chr. für seinen Glauben nackt an einen Baum fesseln ließ und dann von Pfeilen durchbohrt wurde. Und obwohl Lott eine ausdrucksstarke Sprechstimme hat, wenn sie abwechselnd in die Rolle vom Heiligen Sebastian und von Jesus schlüpft, so besteht sie keinen Vergleich zu den sprachlichen Möglichkeiten, die eine große französische Schauspielerin zur Verfügung hätte, um dieses himmelschreiende Pathos irgendwie erträglich und spannend zu machen.

Homoerotische Komponente

Bei der Uraufführung in Paris spielte 1911 Ida Rubinstein einen androgynen Sebastian. Felicity Lott ist sicher vieles, aber nicht androgyn und kein irgendwie knabenhaftes Wesen. Bedenkt man die homoerotische Komponente des Stoffes, wäre es auch interessant gewesen, einen jungen französischen Schauspieler als Erzähler zu haben. Aber: Mit der Pop-Art-Lichtregie machte Felicity Lott trotzdem großen Effekt, ebenso Ticciati mit dem Orchester, das von zarten Lilien-Passagen bis zu orientalischen Tanzrhythmen ein großes Spektrum an Klangfarben aufblitzen ließ. Und zwischendurch auch in die Vollen langen konnte für die Rauscheffekte, die Debussy nicht unähnlich zu Wagner komponierte.

Alles in allem war dieser Abend auch für Nichtgläubige ein Spektakel aus Licht, Klang, Sprache und Gesang, das nicht nur nach Erlösung suchte, sondern dem Publikum auch ganz konkret die Chance bot, ein selten aufgeführtes Werk wie 'Le martyre de Saint Sébastien' und die Abbado-Fassung vom 3. 'Parsifal'-Aufzug zu hören. Die darin enthaltenen Texte machen in post-säkularen Zeiten deutlich, wie konstruiert Religion ist, wie ‚fake‘ und wie gefährlich, besonders wenn sie kombiniert mit Musik von Wagner oder Debussy daherkommt, die die rationale Hirnhälfte ausschaltet. Insofern war es positiv, dass Ticciati und Lott die religiöse Überhöhung fast mit einem Offenbach‘schen Augenzwinkern präsentierten, mit kritischer Distanz und ohne vollkommene Hingabe. Denn als Parodie auf den Postsäkularismus funktionierte dieser bonbonbunte Doppelabend prima. Der Applaus am Ende war begeistert, die randvolle Philharmonie belegte, dass es ein neugieriges Publikum in Berlin gibt, das gern Neues entdeckt!

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Wagner/Debussy mit Robin Ticciati: Musikfest Berlin

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Richard Wagner, Claude Debussy

Mitwirkende: Robin Ticciati (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester)

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