> > > > > 31.08.2006
Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Der 19jährige Lionel Bringuier in Dresden

Jugendliche Emphase

Er ist 19 Jahre alt, hat vor gut einem Jahr den Internationalen Dirigierwettbewerb in Besançon gewonnen, bereits das Orchestre National und Capitole de Toulouse und das Helsinki Philharmonic dirigiert. Zu seinen Konzerten der Saison 2006/07 gehören Programme mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra und dem Kölner Gürzenich-Orchester. Im Dezember wird er „Chef Associé“ des Orchestre de Bretagne. Dies sind nur einige Highlights aus der Bilderbuchkarriere des 1986 in Nizza geborenen Lionel Bringuier.

Nach Robin Ticciati und Gustavo Dudamel ist er der bislang jüngste Dirigent in der Geschichte der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Das ist Talentförderung auf höchstem Niveau, aber auch ein Signal für die Erkenntnis, dass die bloße Bewahrung der Tradition ein Sackgasse ist. Neue Ideen, frischer Wind, jugendliche Sichtweisen, haben noch selten geschadet.

Präzision und Transparenz

Werke von Bizet, Mozart und Strawinsky hatte Bringuier für sein Dresden-Debüt im Rahmen der sogenannten Aufführungsabende der Staatskapelle, ausgewählt. Mit festen, selbstbewußten Schlägen beginnt er die Auswahl aus George Bizets beiden „Arlésienne“-Suiten. Fast schon kratzige Töne gewinnt er den Streichern im einleitenden Unisono ab. Mit klaren Crescendi und Tempoverschärfungen in den Variationen des Themas entstehen plastisch Kontraste von kammermusikalischem Zusammenspiel und fast martialischer Bestimmtheit. Mittel-, Neben- und Hauptsstimmen hält er in idealer Balance und kreeirt dichte Stimmungen. Das Ganze atmet die nötige französische légèreté, verbreitet Farben eines mediterranen Flairs. Schnell wird deutlich, dass es sich hier nicht um eine Wiedergabe in Wunschkonzert-Manier handelt, sondern um präzise geformte Skizzen und emotionale Miniaturen. Die atmosphärisch dichten Sätze der Suiten zeugen von ihrer ursprünglichen Theatralität, zeichnen in wenigen Figuren Dramatik, Volkstümlichkeit oder Entrücktheit. Die melodischen Einfälle blitzen auf, bekommen Zeit sich zu entwickeln und werden mit einer breiten Ausdruckpalette präsentiert. Bringuier gelingt es dem Orchester phasenweise extrem konzentrierte Pianoabstufungen abzugewinnen und sie, etwa in der Streicherstudie am Ende der ersten Auswahl, in immer noch filigranere Gefilde zu zwingen. Doch Bringuier kennt auch die tänzerisch flinken, scharf konturierten Episoden, die er in der Farandole der 2. Suite zu einem vergnüglich lärmenden Finale voller Überschwang zu führen versteht. Gerade in ihrer stilistischen Vielfältigkeit ist diese „Arlésienne“-Auswahl ein ideales Dirigentenstück. Lionel Bringuier hat diese Chance geschickt und mit souveränem Auftreten genutzt.

W. A. Mozarts bekanntes Hornkonzert in Es-Dur KV 495, mit dem Solohornisten Robert Langbein, folgte. Mit unruhigen, fast fiebrigen Streicherfiguren geht Bringuier die Introduktion an, sieht sie nicht als bloße Konventionsfloskel der Konzertform, sondern spürt in ihr das dramatische Potential auf. Dabei bleibt sein Mozart, wie im gesamten Konzert, traditionell im Klangbild. Seine Ansätze konzentrieren sich mehr auf die Binnensteigerungen, das Miteinander-Musizieren, die Transparenz des Klanges und den Dialog mit dem Solisten. Dieser, Robert Langbein, läßt gleich bei seinem ersten klaren Ansatz aufhorchen. Seine deutlich fokusierte Tongebung ist leuchtend und hat eine angenehme Bodenhaftung, dabei bleibt seine Gestaltung frei von allen Manierismen; Phrasierungen erheben sich mit makelloser Reinheit. Technisch brilliert er mit dynamischen Feinheiten, sauberen Trillern und zarten Piani, deren Entwicklung aus dem Decrescendo heraus alleine schon atemberaubend ist. Langbeins Kadenzen geraten zudem spannungsvoll und spieltechnisch souverän. Vorzüglich im munteren Zusammenspiel mit dem Orchester gelingt schließlich der Finalsatz.

Mit feiner Hand

Als Schlußstück dann Igor Strawinskys „Feuervogel“-Suite von 1919. Bringuiers Interpretation setzt ganz auf seine Fähigkeiten der Farbgebung und der transparenten Schichtung musikalischer Strukturen. Mit ‚feiner Hand’ strukturiert er die thematischen Parzellen und kontrolliert das dynamische Sektrum, dem er nie die Aufmerksamkeitshoheit überläßt. Wunderbar gelingen die Passagen konzertierender Soli im „Reigen der Prinzessin“, mit großer Vehemenz und rhythmischer Präzision der „Höllentanz des Königs“. Das komplexe Zusammenwirken von Rhythmus, Dynamik und Tempo, das Bringuier inszeniert, und das auch im Forte noch vollends durchhörbar bleibt, ist hier auf dem Höhepunkt des Abends. Kontrastreich in der Anlage und konzentriert in der Umsetzung, mit großer Ruhe und Umsicht dann das „Wiegenlied“, bevor im Spiel mit den architektonisch übersichtlichen homogenen Steigerungen und Zurücknahmen das fulminanten Finale zum glanzvollen Schlußpunkt wird.

Viel Beifall, für ein großes Talent, dem man die richtigen Berater an seiner Seite wünscht, um ein vorschnelles ‚Verheizen’ zu vermeiden. Die Ansätze, mit denen Bringuier Eigenes aus einer traditionellen Orchestersprache (durchaus französischer Prägung) heraus entwickelt, sind alles andere als Kopien. Man darf gespannt sein, wie sich das in den nächsten Jahren weiter Konturieren wird. Ein großes Kompliment aber auch an die traditionsreiche Staatskapelle, die sich auf dieses Wagnis so offensichtlich engagiert und wohl auch fasziniert eingelassen hat.

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Kritik von Uwe Schneider



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1. Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle: Dirigent: Lionel Bringuier

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Georges Bizet, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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