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Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Sir Colin Davis und die Sächsische Staatskapelle

Zu Gast bei Freunden

Vor 25 Jahren stand Colin Davis zum ersten Mal am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Damals, so erzählt er heute, kam er in die DDR für ein Konzert und Plattenaufnahmen (die damals eingespielten Mozart-Sinfonien lohnen noch heute das Anhören) und war sofort vom Klang des Orchesters begeistert. Ein Bild im Programmheft zeigt den Dirigenten mit dem Konzertmeister Peter Mirring bei der Probe zu jenem ersten Konzert 1981. Heute, nach dem letzten von drei Konzerten zum 25-jährigen Kapelljubiläum von Sir Colin Davis, wurde Peter Mirring nach dem letzten Takt des Orchesters in dieser Saison zusammen mit zwei weiteren Kollegen (dem Cellisten Friedrich Milatz und dem Hornisten Hartmut Schergaut) in den Ruhestand verabschiedet. Das Publikum dankte seinen Musikern, die gerade noch einmal ein denkwürdiges Konzert mitgestaltet hatten, mit stehenden Ovationen.

Beethovens Klarheit

Auf dem Programm des Jubiläumskonzertes: Beethovens C-Dur Messe und Dvoraks 6. Sinfonie von 1880. Erstaunlicherweise war die Beethoven-Messe eine Erstaufführung für die Staatskapelle, die das Werk bislang noch nicht gespielt hatte. Davis lies in seiner Interpretation gar nicht erst den Verdacht eines experimentellen Werkes aufkommen, als das die Zeitgenossen diese Messe empfanden und ihr zunächst keinen großen Erfolg gewährten. In der Dresdner Aufführung dominierte eine klare, sinfonische Struktur, formale Geschlossenheit und ein deutlich auf die Wiener Klassik verweisendes Klangideal. Ein zarter, fast schleichender Choreinstieg ins ‚Kyrie’ wurde mit Bedacht über das einsetzende Orchester und die klar exponierten Solistenstimmen gesteigert. Davis’ Grundtempi waren eher zurückhaltend, gewähren der Klangentfaltung von Streichern und Holzbläsern ausreichend Raum, mündeten immer wieder im wohl ausbalancierten Zusammenklang. Erst mit dem Einsetzen des ‚Gloria’ wurde das Klangbild lebendiger, die dynamischen Sprünge markanter.

Davis, der Staatskapelle und den vier Solisten (Ute Selbig, Christa Mayer, Werner Güra und Georg Zeppenfeld) gelang im Konzertsaal eine Verbindung von Glanz, Transparenz und Spiritualität, die in der halligen Akustik eines Kirchenraums kaum denkbar wäre. Ute Selbig begann zwar mit etwas schneidendem, reifen Sopran, doch überzeugte sie dann im Solistenquartett des ‚Sanctus’ mit zarter Stimmgebung. Christa Mayer konnte nach einer beachtlichen Saison am Haus noch einmal die natürliche Durchsetzungskraft ihres Mezzosoprans demonstrieren (‘Qui tollis peccata mundi’). Werner Güra gestaltetet kultiviert und zuverlässig, mit manch bemerkenswerter Phrase (‘et homo factus est’), Georg Zeppenfeld, mittlerweile der wichtigste Baß am Hause, gelangen vor allem im Credo herrliche, bassfüllige Akzente (‘Et resurrexit’).

All das stand im beständigen Dialog mit der spannungsvollen Leitung Davis’, der die rhythmische Struktur der Partitur mit federnden Bewegungen immer wieder zur impulsgebenden Kraft machte und den Streichern immer wieder die Führungsrolle zuspielte, wie zu Beginn des ‚Gloria’ oder im Zusammenhalt des augenscheinlich kleinteilig konzipierten ‚Credo’. Der Chor der Sächsischen Staatsoper war wieder bestens disponiert, mit bemerkenswert leuchtenden Sopranen und großer Deutlichkeit in den fungierten Teilen (Schluß des ‚Credo’). Zudem kraftvoll in der Tongebung und mit großer Tragfähigkeit in der weit schwingenden Melodie der präzise intonierten a capella Eröffnung des ‚Sanctus’. Ergreifend geriet schließlich das verhaltene ‚Agnus Dei’ mit seinem intimen Ausklang, der den Bogen zu den eröffnenden Baßstimmen des ‚Kyrie’ schloß.

Dvorak furioso

Nach der Pause dann eine von Musizierfreude und Beschwingtheit geprägte Interpretation von Dvoraks leider zu selten in den Konzertsälen zu findenden 6. Sinfonie, für die sich Davis regelmäßig einsetzt. Das immer wieder folkloristisch inspirierte Werk Dvoraks war von den ersten Takten und ihren dialogisierenden Gegenstimmen an in beständiger Bewegung, entwickelte unter der Leitung des auf seinem Podest immer wieder tänzelnden Sirs mitreißenden Schwung. Große Aufmerksamkeit widmet Davis’ dabei den einzelnen Instrumentalgruppen, die er mit lockerer Zeichengebung zum Mitspielen geradezu einzuladen schien. Diese reagierten mit klarer, fast kammermusikalischer Charakteristik ihrer Einsätze und Soli. So entsteht große Übersichtlichkeit und geht keine Stimme im romantischen Orchesterapparat unter. Mit großer Detailliebe wurden die einzelnen Passagen geformt, blieben selbst leiseste Streichertöne unter dem Spiel der Bläser präsent (Allegro), wurden dynamische Kontraste zum energiegebenden Impuls (im Furiant des Scherzo).

Vielleicht war das Adagio etwas zu langsam im Duktus und entbehrte etwas seines fließenden Charakters, doch die Klangnoblesse der Dresdner Streicher, die so besonders in den Vordergrund trat, mag diese Tempowahl rechtfertigen. Zudem erhöht das die Kontrastschärfe zu den immer wieder spontan wirkenden Akzenten Davis’, wie den Beschleunigungen in der Coda des Allegro oder dem furiosen, fast schon derben Auffahren des Scherzos und den feinen dynamischen Variationen in der Wiederholung des Furiants. Das Finale dann ein echtes ‚Allegro con spirito’, mit klugem, mitreißendem Steigerungsaufbau, effektvollen retardierenden Momenten und der alles zusammenhaltenden Streicherbewegung, die sich schließlich zum rhythmisch akzentuierten Höhepunkt schraubte und mit einem strahlenden Final-Tutti die verdienten Bravostürme auslöste. Ein großes Konzert zu einem großen Jubiläum!

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Kritik von Uwe Schneider



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12. Sinfoniekonzert des Sächsischen Staatskapelle: Colin Davis

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Ludwig van Beethoven, Antonín Dvorák

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Sir Colin Davis (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Ute Selbig (Solist Gesang), Werner Güra (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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