> > > > > 26.05.2006
Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Nadja Michael, die ganz andere Liedsängerin

Ein Weltstar greift nach den Sternen

Wie hoch die Sterne selbst für einen Weltstar hängen können, und wie sehr ein Weltstar sich beim Griff danach dermaßen verrenken kann, dass am Ende die Sterne am Himmel bleiben, der Star aber unten bleibt, demonstrierte eine Veranstaltung der Semperoper in der Reihe mit Liederabenden unter dem Titel ‘Weltstars in der Semperoper’.

Nadja Michael, die in letzter Zeit ihre Stimme kräftig in die Höhe getrieben hat und dabei ist, mit Vehemenz das Repertoire der dramatischen Soprane zu erobern sang zwar, am Klavier begleitet von Ugo D´Orazio, Lieder, einen Liederabend aber wollte sie nicht geben, vielmehr wurde ‘Der ganz andere Liederabend’ unter dem Titel ‘Orlando Misterioso’ angekündigt. Zur Aufführung kamen Richard Wagners sehr selten zu hörendes Lied ‘Les adieux de Marie Stuart’, WWV 61, eine Bravurarie aus der Belcantokiste, aus Robert Schumanns op. 135, ‘Fünf Gedichte der Maria Stuart’, aus op. 67 ‘Drei Lieder der Ophelia’ von Richard Strauss. Vor der Pause noch Hugo Wolfs Goethelieder Nr. 5 - 9 und ‘Lieder eines fahrenden Gesellen’ von Gustav Mahler im zweiten Teil, mit ‘Morgen!’ von Richard Strauss als Abschluss. Keine Zugaben.

Salopp gesagt, es ist ein Liederabend im Kostüm. Die Sängerin bedient sich der Figur des Orlando und will verschiedene Gestalten und Persönlichkeiten annehmen. Sie will sich häuten und verwandeln, von der statuarischen, majestätischen Königin Maria Stuart im Lied Richard Wagners zur gebrochenen Todeskandidatin der Kompositionen Robert Schumanns, in den Wahn der Ophelialieder von Richard Strauss, in die romantische Sehnsuchtsgestalt der Mignon mit ihrer in den Himmel projizierten Überwindung der Geschlechtergrenzen im Tone Hugo Wolfs, zum Fahrenden Gesellen Gustav Mahlers, um am Ende Haut und Maske abzureißen, zu verschwinden, aus dem Off mit Richard Strauss um Sonnenschein zu bitten und im schicken Abendkleid als Nadja Michael den Applaus des Publikums entgegenzunehmen.

Im Programmheft werden die Verkleidungen ‘dichte Bildersprache’ genannt und dazu wird geraunt: ‘Alle Sinne werden im archaischen Unterbewussten angesprochen und somit wird ein geistiges Durchdringen, Hinterfragen ohne vordergründige Intellektualität alleine durch das Gefangensein im Moment in Gang gesetzt.’ Eigentlich aber passiert nicht viel mehr als dass die Sängerin beständig ihr Kostüm verändert, dazu die eine oder andere Perücke trägt. Oft illustriert sie mit Gesten was ohnehin gesungen wird. Ophelia balanciert, wenn sie als Mignon vom Fernweh singt zieht sie Stiefel an, Mahlers Geselle hat einen kahlrasierten Schädel und fläzt sich – Achtung, ich spiele einen Kerl! – breitbeinig zum Pianisten auf die Bank.
Wer die Wahrheit sucht kann irren, und selbst ein künstlerischer Irrweg könnte interessant und spannend sein. Aber leider ist die sich selbst inszenierende Nadja Michael im Lichtdesign von Tomski Binsert samt Co-Regisseurin Marie Helle auf einem inzwischen breit ausgetretenen Pfad gelandet.

Dass sie eine so exzellente wie expressive, atemberaubende Opernsängerin sein kann, hat sie immer wieder mit verblüffenden, furiosen Leistungen unter Beweis gestellt. Dass sie auch als Liedsängerin eine bedeutende Rolle spielt, konnte sie an diesem Abend in Dresden nur bedingt vermitteln. Oft ist der Ton rau. Mit Hochdruck erzielt sie zwar Effekte, aber Geschmeidigkeit und ebenmäßiger Fluss der Stimme, die Rundung des Tones, leichte Höhen, helles Strahlen auch oder die satte Tiefe gelingen selten. Die Artikulation ist verzerrt, von Textverständlichkeit keine Spur.
Vielleicht sollte selbst ein Weltstar einfach bei seinen Sternen bleiben. Und die scheinen für Nadja Michael immer noch am Opernhimmel zu strahlen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Weltstars in der Semperoper: Liederabend Nadja Michael

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner, Robert Schumann, Hugo Wolf, Gustav Mahler, Richard Strauss

Mitwirkende: Nadja Michael (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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