> > > > > 28.08.2022
Donnerstag, 8. Dezember 2022

Dirigent Klaus Mäkelä, Copyright: Marco Borggreve

Dirigent Klaus Mäkelä, © Marco Borggreve

Klaus Mäkelä und das Concertgebouworkest in Berlin

Thor lässt grüßen!

In Berlin geht es von einem Musikfestival nahtlos über zum nächsten: Kaum dass Young Euro Classic vorbei ist, wo sich Nachwuchsmusiker aus aller Welt die Klinke in die Hand drückten und zeigten, wie divers die Zukunft der Klassik aufgestellt sein kann (in Bezug auf Mitwirkende und Programme), kommen jetzt zum Musikfest die berühmtesten Orchester der Welt in die Hauptstadt.

Sie wollen ihrerseits „Diversität“ demonstrieren, zumindest sagte das Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) in ihrer Rede beim Empfang nach dem Eröffnungskonzert am Sonntagabend. Roth betonte den Diversity-Aspekt mehrmals. Sie nannte auch ein paar Beispiele, wie beim Musikfest 2022 solche Diversität (ihrer Meinung nach) umgesetzt werde: Zur Eröffnung gab es ein Stück von einer Komponistin, nämlich Kaija Saariahos dreisätzige „Orion“-Tondichtung aus dem Jahr 2002. Außerdem wies Roth darauf hin, dass am 1. September das Philadelphia Orchestra unter Yannik Nézet-Séguin die 1. Symphonie von Florence Price (1887-1953) spielen werde, also von einer Frau und einer Afro-Amerikanerin, wie Roth betonte. Ferner sei ein rituelles Begräbnisstück aus Asien im weiteren Festivalprogramm. Dann übergab die Ministerin das Mikrofon an den neuen Intendanten – einen weißen reifen Cis-Mann, der sich beim bisherigen Leiter des Musikfests bedankte, ebenfalls ein weißer reifer Cis-Mann. Im Foyer der Philharmonie, beim Empfang, den der niederländische Botschafter (weiß und männlich) ausgerichtet hat, war während der Reden weit und breit keine Person of Color zu sehen. Und im Concertgebouworkest, das zuvor im Großen Saal bejubelt worden war mit Saariaho und Mahlers 6. Symphonie unter dem neuen Shooting-Star-Dirigenten Klaus Mäkelä war auch kein einziger „schwarzer“ Musiker zu erkennen. Dafür ist die Intendantin der Berliner Philharmoniker eine Frau, ebenfalls weiß. Auch sie hielt eine Begrüßungsrede beim Empfang. Wäre nicht bei Young Euro Classic so eindrücklich gezeigt worden, dass Diversity auch anders geht, als nur wohlsituierte weiße Frauen auf die Posten zu hieven, die vormals gleichfalls wohlsituierte weiße Männer innehatten (und immer noch innehaben), wäre mir das vermutlich gar nicht so krass aufgefallen. Bei Young Euro Classic wurde auch bei der Programmgestaltung von Orchestern aus den USA und Großbritannien bezeigt, wie musikalische Diversität aussehen kann, die über die „Genderfrage“ hinausgeht. Von all dem war bei Claudia Roth nicht die Rede. Stattdessen betonte sie, neben ihrer Diversity-Lobeshymne, wie großartig es sei, dass auch das Odessa Philharmonic Orchestra nach Berlin zum Musikfest komme, um Musik ukrainischer Komponisten vorzustellen. Der künstlerische Leiter des Musikfests, Winrich Hopp, kam vor dem Eröffnungskonzert auf's Podium, vergaß sich vorzustellen (als wüssten alle sowieso, wer er sei) und erklärte, die Einladung der Musiker aus Odessa sei eine Last-minute-Entscheidung gewesen – bei der man dann aber festbestellen musste, dass man dafür gar kein Geld habe. Jedoch habe ein Anruf bei der Kulturstaatsministerin das Problem gelöst, so Hopp. So funktioniert Kulturpolitik in Krisenzeiten.

Zum eigentlichen Eröffnungskonzertprogramm sagte Hopp nicht viel. So dass das Concertgebouworkest unter Mäkelä (Roth nannte sie „Klaus und Band“) für sich sprechen konnte. Und das tat es auch. Vor der Pause zog „Orion“ seine kosmischen Kreise mit Klangeffekten, die man aus SciFi-Filmen kennt. Das war spannend zu hören, lieferte (für mich) aber nur einen beschränkten Mehrwert, also Aha-Momente, die nicht Gustav Holst oder John Williams wirkungsvoller geliefert hätten.

Nach der Pause dann Mahler mit Maximalbesetzung. Die „Tragische“ begann mit dem marschartigen Schicksalsmotiv und wurde von Mäkelä wirkungsvoll und mit Gespür für Drama gestaltet. Er setzte das „Andante moderato“ an zweite Stelle (gefolgt vom Scherzo, statt umgekehrt). Statt diesen langen langsamen Satz als großen Einsamkeitsgesang-mit-Kuhglocken verklärt ausspielen zu lassen, wie das andere berühmte Interpreten getan haben, wirkte das Andante fast wie eine Fortsetzung des dramatischen ersten Satzes. Und das Scherzo dann wiederum kaum stilistisch „anders“ als der Rest. Alles war ziemlich ohrenbetäubend laut, und mir persönlich fehlte zwischendurch jene Innigkeit, die zeigt, dass hier jemand auch schwelgen kann in den leisen Passagen.

Trotzdem war es eine imponierende Leistung, die das Concertgebouworkest mit seinem designierten neuen Chef ablieferte. Und Mäkelä in sehr ungewöhnlichen Dirigierposen am Pult zu sehen, die mich wegen der Körperhaltung wiederholt an Bunthorne aus dem Gilbert-&-Sullivan-Stück „Patience“ erinnerten, war faszinierend. Von Anfang bis Ende.

Eine dynamisch abgestuftere Herangehensweise an die Sechste als Gesamtwerk hätte dem Stück nicht geschadet. Mehr Schmelz im Adagio auch nicht. Dafür sorgten die Herren am Schlagwerk mit den gigantischen Hammerschlägen im Finale („Allegro energico“) für Showmomente der Sonderklasse. Thor lässt grüßen, könnte man sagen. Und selbstredend ist eine Mahler-Aufführung mit solchen Orchestermassen ungeheuer beeindruckend. Das Publikum tobte jedenfalls im Anschluss.

Das eigentliche Hauptstadtdebüt Mäkeläs wird dann im April 2023 mit den Berliner Philharmonikern an gleicher Stelle stattfinden. Ob der Dirigent dann wieder Musik seiner Landsmännin Saariaho im Gepäck haben wird, muss man abwarten. Wie er sich mit den Planern bei den Philharmonikern auf eine Diversity-Diskussion einlässt (oder auch nicht) ebenfalls.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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