> > > > > 27.08.2022
Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Renée Fleming, Copyright: Martin Walz

Renée Fleming, © Martin Walz

Renée Fleming mit den „Vier letzten Liedern“

Mit bronzefarbenem Glitzer

Dass ein Weltstar wie Renée Fleming mit 63 Jahren noch einmal über den Atlantik jettet, um im Konzerthaus Berlin mit dem Konzerthausorchester sein spätes Debüt zu geben, ist bemerkenswert. Die gefeierte US-Sopranistin hat wirklich schon überall und mit jedem gesungen, vor der Queen, beim Superbowl, am Broadway … und jetzt eben mit dem legendären Ex-DDR-Klangkörper, dem seit 2019 Dirigent Christoph Eschenbach vorsteht. Seiner jahrzehntelangen Freundschaft mit Fleming ist es zweifellos zu verdanken, dass sie kam, sah, und ja: siegte!

In ein fast wie Plastik wirkendes Paillettenkleid in Bronze gehüllt (mit schwarzer Gazeschleppe) trat Fleming vors Publikum, wirkte strahlend und zeitlos jung, lächelte wissend um ihre eigene Berühmtheit, und fing an die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss zu singen.

Das sind bekanntlich Lieder, mit denen ein Sopran sich zu wahrhaft ekstatischen Höhenflügen aufschwingen und den Hörer mit „Gleiß und Zier“ überwältigen kann. Es sind auch Lieder, die von vielen heißgeliebt werden, woran die wundervollen Texte von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff einen wesentlichen Anteil haben. Sopranistinnen, die die Textzeilen maximal auskosten und ausdeuten können, haben sich mit diesen vier Liedern in die ewigen Jagdgründe der Schallplattengeschichte eingeschrieben. (Wir wissen alle, wer gemeint ist, oder?)

Was bei der Interpretation von Renée Fleming in Berlin auffiel, war die mit klar fokussierter Luxusstimme präsentierte Majestät dieser Lieder. So, wie sie das sang, war es ein feierliches Hochamt, bei dem die hochgelegenen Passagen souverän über der anbetenden Menge im Saal ausgeschüttet wurden. Mit klarer Aussprache, aber ohne echte Textinterpretation.

Das hätte ein Ereignis sein können. Dass es das (leider) nicht war, lag am Dirigenten. Der 82-Jährige wählte für alle vier Lieder derart langsame Tempi, dass man fast fürchten musste, er würde am Pult einschlafen. Von vorwärtsdrängendem Rauschen bei „Frühling“ war keine Spur, die Klangflüge am Ende von „Beim Schlafengehen“ blieben quasi auf der Stelle stehen, statt ins „Zauberreich der Nacht“ zu entführen. Und nur beim letzten Lied, „Im Abendrot“, war das Tempo einigermaßen passend zum Inhalt der Worte.

War dieses Rentner-Tempo ein Wunsch von Fleming? Wollte Eschenbach damit die Zeit anhalten und jede Sekunde mit seinem Star maximal auskosten? Jedenfalls war die Folge dieser Langsamkeit, dass die Spannungsbögen der Lieder in sich zusammenbrachen. Ja, auch Jessye Norman auf der berühmten Kurt-Masur-Aufnahme nimmt Teile der Lieder extrem langsam. Aber anders als Norman verfügt Fleming nicht über die Klangreserven, um in der Langsamkeit das Volumen so aufzudrehen, dass dieser Interpretationsansatz überrumpeln könnte. Andere, wie Herbert von Karajan etwa, haben ihre Solistinnen mit zielgerichteterem Drive wie auf einer Welle durch die Lieder getragen. Und ihnen die Chance gegeben, die gefürchteten Passagen mit Sinn fürs Risiko anzugehen, bei denen man mitzittert.

Von all dem war bei Fleming/Eschenbach nichts zu spüren. Vom Klangfarbenspiel, das der greise Strauss hier prachtvoll ausbreitet, auch nicht. Die Solo-Passage der Konzertmeisterin war ein Traum, ebenso das Horn-Solo (bei „September“). Aber sonst wirkte das Ganze auf mich wie eine verschenkte Gelegenheit. Und das war wirklich schade, denn wann hat man jemanden vom Format einer Renée Fleming in Berlin zu Gast? (Sehr selten.)

Das Publikum reagierte verhalten enthusiastisch. Vor allem dankbar, die vielgeliebte Sopranistin in der Hauptstadt live erleben zu dürfen. Eine ältere Frau überreichte Fleming eine Tüte mit Geschenken. Ein Orchestermitglied überreichte Blumen. Zugaben gab es keine. Dafür schritt Fleming mit leicht humpelndem Glanz im funkelnden Bronzekleid von der Bühne und lächelte ein letztes Mal in den Saal. Und war dann weg. Vielleicht für immer, zumindest was Berlin betrifft.

Weil ich vom Dirigenten so enttäuscht war, überlegte ich kurz, ob ich in der Pause gehen sollte. Denn eine 5. Symphonie von Mahler in Slow Motion und ohne Energie ist nichts, was ich unbedingt hören will. Ich bin froh, dass ich nicht gegangen bin. Denn die Mahler-Aufführung war dann überraschenderweise: sensationell!

Von den ersten Tönen an, die der erste Trompeter mit einer silbrigen Souveränität herausschleuderte, war das eine Aufführung der Sonderklasse. Lag das daran, dass dieses Orchester viel Erfahrung mit anderen Mahler-Dirigenten wie Kurt Sanderling gesammelt hat? War das die Leistung Eschenbachs, der plötzlich aus seiner Strauss-Lethargie erwacht war? Ich weiß es nicht. Jedenfalls spielten die Musiker diese berühmte Symphonie so nuancenreich, dass ich vom ersten bis zum letzten krachenden Paukenschlag-Takt gebannt zuhörte.

Neben dem Solo-Trompeter war die gesamte Blechbläser- und speziell Hörnergruppe ein Ereignis. Auch die Holzbläser steuerten Momente bei, die Weltklasseformat hatten. Und von tiefer Liebe zu dieser Musik zeugten. Dazu die Streicher, bis ins letzte Detail den Anweisungen des Komponisten folgend. Und ein junger Mann an der Pauke, der wieder und wieder mit Wucht dazwischenfuhr und dem Stück Adrenalinstöße verpasste.

Nach dem letzten Takt des Rondo-Finales explodierte der Saal mit begeistertem Applaus. Also genau das, was nach den „Vier letzten Liedern“ nicht passierte. Ob der Überwältigungseffekt dieser Aufführung in der Radioübertragung des RBB auch spürbar war? Ich hoffe es. Es war jedenfalls ein cis-Moll-Klangabenteuer, das selbst die berühmteren Konkurrenzklangkörper in der Hauptstadt in die Schranken weist. Zur Erinnerung: Parallel eröffneten die Berliner Philharmoniker ihre Saison mit Mahlers 7., gefolgt von Mahlers 6. mit dem Concertgebouworkest aus Amsterdam, zur Eröffnung des Musikfests Berlin. Da wollten die Konzerthausmusiker wohl klarstellen, dass man sie in puncto Mahler nicht vergessen darf. Und das sollte man definitiv nicht.

Übrigens: Eschenbach verabscheidet sich Ende dieser Spielzeit als Chefdirigent; ihm folgt eine junge Frau, Joana Mallwitz. Wen die als Gaststars zu Freundschaftsdiensten herbeizaubern kann, darf man gespannt abwarten.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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