> > > > > 24.04.2006
Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Lohengrin“ an der Semperoper

Erstklassiger Wagner

Eine kleine Serie von drei ‘Lohengrin’-Vorstellungen bringt derzeit, wie fast jedes Jahr, Christine Mielitz’ Inszenierung von 1983 auf die Bühne der Dresdner Semperoper zurück. 91 Aufführungen hat das beschauliche Spektakel in der Ausstattung von Peter Heilein mittlerweile hinter sich und was damals aktuelle scheinen mochte, die Verlegung der Handlung in die Entstehungszeit des Werkes, sieht heute nur mehr nach beliebigem Arrangement aus. Ein bißchen unbeholfen wirken die beständigen Positionswechsel des Chores, von dem immer wieder Grüppchen von links nach rechts und von rechts nach links über die Bühne ziehen müssen. An verschiedenen Uniformen, Bürgerkleidung des 19. Jahrhunderts, an reichem Königsgewand und ähnlichem mehr, wurde damals nicht gespart. Irgendwie, so ahnt man, sollten hier Stände und politisches Geschehen abgebildet werden (so wie es nach Herz’ Leipziger Ring und Chereaus Bayreuther Pendant) Anfang der 1980er Jahre Mode geworden war. Allein der Mielitz-Produktion fehlt jegliche Verbindlichkeit, sie bleibt in der Ausstattung, die alles und nichts bedeuten könnte, stecken. Mag sein, dass das 1983 in der DDR anders gewirkt hat, heute ist es lediglich eine Produktion, in der man problemlos jeden gastierenden Sänger schnell einweisen kann. Eine Produktion fürs Repertoire, die nicht stört, die aber auch nicht herausragt.

Starke Sängerbesetzung

Doch das Hauptinteresse an diesem Abend galt ohnehin der musikalischen Seite. Stephen Gould sang seinen ersten Dresdner Lohengrin. Und was für einen! Mit vorbildlicher Textverständlichkeit gibt er den Schwanenritter, als wäre das eine der einfachsten Partien der Opernliteratur. Mit großer Leichtigkeit scheint die Tonentwicklung zu funktionieren, Goulds baritonales Fundament ist eine sicher Stütze für die Ausbrüche am Ende des 2. Aktes und im großen Duett des Brautgemachs (‘Höchstes Vertrau’n’) . Dabei Entwickelt die Stimme die nötige Strahlkraft, um in den Ensembles dominant zu bleiben. Die Gralserzählung und der anschließende Abschied gelingen mit großer Differenzierung in der Phrasierung und der dynamischen Gestaltung. Fast spielerisch scheint Gould die einzelnen Töne mit großem Atem auszukosten, setzt Pianoabstufungen in den Höhen und vergisst über all dem die inhaltliche Interpretation nicht. Ein Lohengrin der aller ersten Kategorie, der an die Tradition der wirklich großen Wagnertenöre anknüpft. So bestätigt Gould abermals seine herausragende Stellung unter den Heldentenören – nicht nur seiner Generation. Auf seinen Otello und seinen Peter Grimes, die er nächstes Jahr in Dresdner Premieren singen wird, darf man schon jetzt gespannt sein.

Ein so starker Lohengrin, bedarf auch einer erstklassigen Elsa als Gegenpart. Und die war Martina Serafin in allen Belangen. Von den reinen, klar tragenden leisen Tönen ihrer Traumerzählung zu Beginn, über die eindringlich-dramatischen Ausbrüche in der Konfrontation mit Ortrud vor dem Münster bis hin zur Brautgemachsszene, mit den wunderbar vom Lyrischen ins Dramatische gesteigerten Phrasierungen, beeindruckte sie auf ganzer Linie. Ihr fester Stimmsitz und die gleichzeitige Agilität in der Stimmführung erlauben ihr ebenso mannigfache Farbschattierungen, wie ihre Fähigkeit zu feinen dynamischen Abstufungen. Zudem ist die Stimme kräftig genug um in den Ensembles die angemessene Führungsrolle zu übernehmen. Grandios ihre Spitzen im Finale des ersten Aktes und ihre Präsenz in der Szene vor dem Münster.

Die Ortrud von Janice Baird blieb dagegen blass. Ihr fehlen genau jene Fähigkeiten der differenzierten Stimmgestaltung. Ohne wirklichen Fokus klingt das alles, zum Einen weil sie sich von Vokal zu Vokal schlängelt (und kaum Konsonanten zu kennen scheint), zum Anderen aber, weil ihr der entscheidende Furor in den Ausbrüchen fehlt. Schlüsselszenen der Partie, wie der ‘Entweihte Götter’-Ausbruch im 2. Akt oder die beiden Konfrontation mit Elsa im selben Akt, bleiben so ohne den nötigen Nachdruck. Auch wenn ihre Stimme ohne unangenehme Begleiterscheinungen daherkommt und die Baird mit den Notenwerten kaum Probleme kennt, so öffnet sich das obere Register doch nicht, blüht nicht auf, kennt keinen Nachdruck. Das stilistisch beschränkte Ausdrucksrepertoire der Baird und die letztlich vor allem in der Mittellage zu kleine Stimme, machte diese Ortud zum ungewohnt blassen Charakter.

Ganz anders der Telramund Hans-Joachim Ketelsens, der mit großem, deutlich vernehmbarem Heldenbariton den Schurken gibt und trotz kleinerer Unsauberkeiten einen souverän gestalteten Charakter entwickelt. Genau Artikulation ist auch bei ihm eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie eine technisch sichere, variable Gestaltung einzelner Phrasen. Kurt Rydl, der vielbeschäftigte, singt nach wie vor einen imposanten König Heinrich, dem man im zunehmenden Vibrato und der manchmal erkämpften Höhe stimmlich aber auch schon mal die Verschleißerscheinungen der letzten Jahre anhört. Markus Butter, aus dem Ensemble des Hauses, lässt als Heerrufer mit sicher gesetzten Tönen aufhorchen und macht neugierig auf seinen Wolfram, den er in wenigen Wochen zum ersten Mal in Dresden singen wird. Der Staatsopernchor trägt zum hervorragenden Gesamteindruck der Aufführung maßgeblich bei. Klar die Strukturierung der einzelnen Stimmgruppen, mit strahlenden, in diesem Werk so bedeutsamen Tenören, kraftvoll die Klangentwicklung in den großen Tabelaus und mit präzisen Abstufungen in den leiseren Passagen.

Am Pult der klangprächtig spielenden Sächsischen Staatskapelle stand mit Klauspeter Seibel ein souveräner Leiter in guter Kapellmeistertradition. Sehr bemüht, den Sängern Gehör zu verschaffen, nahm er das Orchester immer wieder zurück, manchmal – in den rezitativischen Passagen – klang das gar als wolle er nicht stören, doch sein konsequent den musikalischen Fluss bedienende Leitung stand letztendlich ganz im Dienste des Musik-Dramas. Ein paar Akzente mehr hätten sicher nicht geschadet, das Wunder der Schwan-Erscheinung, der Jubel des ersten Finales oder der Überschwang des Vorspiels zum letzten Akt, hätte im Orchester ruhig etwas aufwendiger und farbenreicher inszeniert werden können. Andererseits sorgte Seibel für einen sicheren Abend, hatte kleinere Koordinationsprobleme immer wieder schnell im Griff und baute zu Recht auf den wunderbaren Klang der ‚Dresdner Wunderharfe’, als die Richard Wagner selbst das Orchester einst bezeichnet hatte.

Am Ende stand viel Jubel, vor allem für Gould und Serafin. Eine ‘Lohengrin’-Aufführung dieser Klasse als Repertoirevorstellung können derzeit sicherlich nur wenige Häuser bieten. Bedenkt man, was für erstklassige Abende es in der Summe diese Spielzeit an der Semperoper bereits gegeben hat, so kann man mit Bestimmtheit feststellen, dass das Haus tatsächlich wieder auf dem Weg in die allererste Reihe europäischer Opernhäuser ist.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Wagner: Lohengrin:

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Stephen Gould (Solist Gesang), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Kurt Rydl (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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