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Dienstag, 29. November 2022

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Szenenfoto, Copyright: Brinkhoff Moegenburg

Szenenfoto, © Brinkhoff Moegenburg

Zum Spielzeitauftakt wird an der Staatsoper Hamburg ein Klassiker der Opernliteratur neu produziert

„Ist alles so schön bunt hier!“

Der für seine oft grotesk-komischen Inszenierungen gefeierte Regisseur Herbert Fritsch inszeniert „Carmen“ von Georges Bizet. Die musikalische Leitung übernimmt Yoel Gamzou. Das könnte spannend werden!

Und in der Tat, musikalisch war es das auch. Noel Gamzou strukturiert das Klangbild mit profunder, selten zu hörender Präzision. Er erlaubt Sängern und Orchester nichts, was nicht in den Noten steht. Seine musikalische Imagination des Szenischen, des Dramatischen ist musikalisch überzeugend, die Tempi stimmen metronomisch und dramatisch. Sie schmiegen sich dem komponierten Atem der Leidenschaft dieser Musik an und stehen nicht rechthaberisch-stramm im rhythmischen Geschirr. Und was der Agogik recht, ist der Dynamik billig, daraus resultieren Differenzierungen und Akzente in plastischer Analogie zur Handlungserzählung. 

Das steht im Widerspruch zu der Herangehensweise von Herbert Fritsch, bei der man eine sinnfällige Inszenierungsidee schmerzlich vermisst. Er entwirft eine in sich geschlossene zeitlose, aber auch belanglose Welt mit goldenen Vorhängen und kunstvoll bemalten Prospekten. 

Daran kann auch eine überlebensgroße Marienstatue, ein riesenhaftes Kreuz, eine Gebirgslandschaft im Stile des Puppentheaters nichts ändern. Dazu passen auch die bunten, fantasievollen Kostüme von José Luna. Die Konzeption des Lichts kommt über triviale Effekte nicht hinaus. Fritsch wollte die Oper von Klischees und Interpretationsballast befreien, verbleibt aber in den Klischees seiner eigenen Inszierungsgeschichte verhaftet. Es bleibt alles, wie man es von ihm kennt, bunt und schrill. 

Dass Georges Bizet eine Oper, eine um Realismus bemühte Comique komponiert hat, scheint Herbert Fritsch vergessen (oder bewusst verdrängt) zu haben. Die Darstellung der komplexen Widersprüchlichkeit der Protagonistin, die heute nicht mehr in einer dem Publikum fremden Welt und Moralvorstellung lebt, was zu Zeiten der Uraufführung die Voraussetzung dafür war, dass sie zur mythischen Gestalt erhoben werden konnte, sondern eine moderne Frau ist, die Gleichwertigkeit in einer von Männern dominierten Welt einfordert, ist bei Fritsch noch nicht einmal im Ansatz zu erkennen. Er inszeniert so ganz in dem Stil der Verballhornung aus den 70ern: „Auf in den Kampf, die Schwiegermutter naht, siegesgewiss, klappert das Gebiss ....!“. 

Daraus folgt, dass die Musik in fataler Weise bei sich bleibt, bei ihrer mitunter kammermusikalisch delikat entfalteten Struktur. Die exzellente Mezzosopranistin Maria Kataeva (sicher keine Idealbesetzung der Rolle) singt Carmens Habanera wie ein Chanson mit leicht lasziver Stimmfärbung, leise, verinnerlicht, ohne jede Steigerung. Das Finale wird durch sie kein erregter (und erregender) Dialog an der Grenze zum Tod, sondern konventionelles Abschiedsduett. Tomislav Mužek kann da mehr bieten. Er formt den Don José gesanglich und darstellerisch überaus gestisch, dramatisch präsent, zupackend und behandelt neben der großartigen Elbenita Kajtazi (Micaëla) Gesang als Sprache eines menschlichen Schicksals. Kostas Smoriginas (Escamillo) ist vokal überzeugend, aber bleibt in der Darstellung blass, seine Ausstrahlung ist eher neutral, also im Sinne des Konflikts wenig glaubhaft.

Das restliche Gesangspersonal agiert vokal überzeugend, wie auch Chor und Kinderchor. Am Ende zahlreiche Buhs und Bravos, die wohl überwiegend der Inszenierung galten, aber auch den zahlreichen Aktivitäten der Bühnenarbeiter auf offener Bühne, die stellenweise zu Pausen im musikalischen Ablauf führten, muss man tatsächlich während Micaëlas ergreifender Arie im Hintergrund Teile des Gebirges abräumen. Leider eine „Carmen“ ohne Diskussionspotential. 

Musikalisch auf höchstem Niveau, was Noel Gamzou und dem brillant musizierenden philharmonischen Staatsorchester Hamburg zu verdanken ist. Dass Herbert Fritsch am Schluss sich der Melange aus Buhrufen und Beifall nicht stellte, sondern erst sein Produktionsteam vorschickte, um dann später in Torero-Kluft zu erscheinen, als das Publikum schon mit dem Herausgehen beschäftigt war, ist schlicht schlechter Stil, passt aber auch zu dieser Inszenierung. Bei der mir auch ständig ein alter Song von Nina Hagen nicht aus dem Kopf ging: „Allein! Die Welt hat mich vergessen, ich hänge rum! ... Ich schalt' die Glotze an ...Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier!“

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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