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Samstag, 25. Juni 2022

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Ludwig Mittelhammer (Jonny), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Copyright: Christian POGO Zach

Ludwig Mittelhammer (Jonny), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, © Christian POGO Zach

Kontroverse um "Jonny spielt auf" in München

Zwanziger Jahre Zeitoper mit Blackfacing?

Die Oper „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek kam 1928 – ein Jahr nach der Uraufführung – auch ans Gärtnerplatztheater in München und löste einen Skandal aus in einer Stadt, wo die NSDAP im Stadtrat und Landtag saß. In der Szene, wie der afro-amerikanische Jazzbandmusiker Jonny (gespielt von Alfred Jerger in Blackface à la Al Jolson) das französische weiße Stubenmädchen Yvonne küsste, gab es lautstarke Störaktionen „einer kleinen Gruppe Radikaler“. So kann man es jetzt im Programmheft der Neuproduktion lesen, der ersten dieser einstigen Erfolgsoper in München seit 1928!

Die Regie hat diesmal Peter Lund übernommen, vielen vertraut als Autor und Regisseur von großartigen zeitkritischen deutschen Musicals und etlichen Operetten. Lund erklärt gleich zu Beginn des Programmhefts, dass die Figur des Jonny „ein Klischee“ sei und so etwas wie eine „Parodie“. Und natürlich kann man diese Parodie „rassistisch“ lesen. Wie also damit umgehen? Wird es weniger rassistisch, wenn man die Rolle von einem schwarzen Sänger interpretieren lässt, der als „Wilder“ mit enormem Sexappeal die Frauen reihenweise flachlegt und den Europäern ihre Musik stielt? Oder wäre es besser, die Rolle mit einem Weißen zu besetzen, der sich schwarz anmalt, um das Groteske und zugleich Surreale zu betonen?

Lund erklärt den Besuchern, dass die Besetzung mit einem schwarzen Sänger heute „vielleicht eine emanzipatorische Tat“ wäre, aber eine, „die historisch so nie geschehen ist“. Und im Kern geht es in seiner Inszenierung darum, die Situation von 1928 historisch nachzuzeichnen: „Wir haben uns entschlossen, bei den historischen Tatsachen zu bleiben.“ Denn: „Die Vergangenheit besser zu machen als sie war, war noch nie eine gute Idee.“

Dem werden nicht alle zustimmen. Und so gibt es diesmal wieder eine „kleine Gruppe Radikaler“, die laut protestiert. Nicht, weil Jonny als Afro-Amerikaner eine Weiße küsst, sondern weil Jonny gespielt vom weißen Bariton Ludwig Mittelhammer sich das Gesicht schwarz anmalt und jene Karikatur von 1928 neu spielt, die Jerger damals kreierte. Der Protest nahm – dem Vernehmen nach – solche Ausmaße nach der Premiere an, dass das Gärtnerplatztheater in der Vorstellung vom 20. Juni das Blackface-Element entfernt hat und sich öffentlich entschuldigte.

In einem Brief, den alle Theaterbesucher beim Verlassen der Vorstellung in die Hand gedrückt bekamen, heißt es zwar, dass man die „historische Tatsache“, dass 1928 die Rolle des Jonny „von einem schwarz geschminkten Weißen gespielt“ wurde, in der Neuinszenierung „kritisch auf der Bühne aufgearbeitet“ und dadurch „verurteilt“ habe. Es wird sogar betont, dass dieses Konzept – wenn man es so nennen möchte – „bei der Entstehung der Produktion auch mit People of Colour entwickelt“ worden sei. Aber trotzdem wurden „offensichtlich Menschen verletzt“. Jetzt fürchtet man, das Publikum könnte wegbleiben. Aber welches verletzte Publikum wäre das dann?

Ich stand in der Pause neben einer kleinen Gruppe von sechs weißen Studenten, die sich gar nicht mehr einkriegen konnten über die Unmöglichkeit dieser Neuproduktion. Blackfacing wäre, ihrer Meinung nach, nur dann eine Option, wenn das künstlerische Team selbst schwarz gewesen wäre und sich dafür als Stilmittel entschieden hätte. Aber vor einem Publikum, das zu 98 Prozent weiß sei, von einem weißen Regieteam so etwas vorgesetzt zu bekommen, das gehe „unter keinen Umständen“. Offensichtlich waren sie vor Ort, um zu protestieren. Aber da das Blackfacing ja kurzfristig entfernt worden war, überlegten sie nun in der Pause, zu gehen.

Dass die Oper überhaupt auf den Spielplan gesetzt wurde, schien ihnen dem Vernehmen nach ebenfalls unbegreiflich. Denn: Wozu rassistische Stereotype der Zwanziger Jahre reproduzieren? Hätte man nicht auch etwas anderes spielen können? Eine gute Frage.

Folgt man dem Hashtag #jonnyspieltauf findet man auf Instagram einen Besucher, der zu Peter Lunds Inszenierung sagt: „Krenek im Schonwaschgang: Wieder mal eine verschenkte Chance am Haus. Kunst mag heute frei sein, aber sie muss trotzdem auch ab und zu etwas mehr wollen als nur Nostalgie. Gerade bei diesem Stück.“ Das ist ein Urteil, dem ich mich anschließen würde. Denn über den Nostalgieaspekt kommt die teils cartoonhaft bunte Produktion (Bühnenbild: Jürgen Franz Kirner; Kostüme: Daria Komysheva) kaum hinaus. Die Figuren selbst, als Komponist, Operndiva, Geigenvirtuose und eben Jazzbandmusiker, sind bereits bei Krenek als schrille Karikaturen angelegt, werden hier aber nur vorsichtig („im Schonwaschgang“) parodiert. Das hätte rundum viel exzentrischer sein können, dann wäre es auch packender gewesen, diesem zweistündigen Abend zuzuschauen. Dann hätte auch ein Blackface-Jonny mehr Sinn gemacht. Und dann hätte die Tanzgruppe (Choreographie: Karl Alfred Schreiner) mit den halbnackten schwarzen Tänzern nicht ganz so fehl am Platz gewirkt. Denn wenn Lund schon die Vergangenheit nicht besser machen wollte, als sie war: Wie kommen dann schwarze Tänzer mit Sixpack und weitere als Nonbinary in diese Produktion? Und was macht dann das moderne München in den Videoprojektionen?

Eine Idee von Peter Lund für Jonny fand ich beeindruckend: Er wird von einem blonden „Arier“ gespielt, offensichtlich Rassist und Anhänger der NS-Ideologie, der dieses Klischeebild eines übergriffigen „Wilden“ spielt. Am Ende ist es dann der Interpret des Jonny, der den aufmarschierenden Faschisten brüderlich die Hand reicht. Ein faszinierender Interpretationsansatz. Eigentlich. Der aber in der letzten Sekunde des Stücks – kurz vor dem Blackout – verpufft. Und ansonsten nicht für eine bissig-böse Lesart der Oper oder Rolle genutzt wird.

Gesungen wird rundum gut von Alexanderos Tsilogiannis als sensibler Komponist Max, den es immer wieder zu seinem Gletscher in die Einsamkeit treibt. Daneben mit großen Tönen Marie Celeng als feuerrote Diva Anita, die erst Max umgarnt und ihn dann mit dem schönen Geiger Daniello betrügt (gesungen von Mathias Hausmann). Neben Ludwig Mittelhammer als Jonny erlebt man noch Judith Spießer als Yvonne in lilafarbenem Zimmermädchen-Outfit. Keiner dieser Solisten beherrscht die Kunst des Parlando-Gesangs, d.h. es wird über weite Strecken sehr undeutlich und viel zu laut gesungen, statt nonchalant Text serviert. Dirigent Michael Brandstätter hat offensichtlich keine Mühe darauf verwendet, das zu korrigieren. Besondere Funken aus der Partitur schlägt er nicht. Das ist zwar kein Schonwaschgang-Dirigat, aber auch keines, das vor Erregung vibriert: weder in den Jazzpassagen, noch wenn es darum geht, den melodramatischen Eisenbahnunfall im Finale musikalisch zu illustrieren. Die speziellen Soundeffekte, die Krenek aufbietet, gehen weitgehend unter…

Da muss man dann schon fragen: Was soll dieser „Jonny“ jetzt, im Jahr 2022? Wenn man eine Art musikalische Geschichtsstunde auf die Bühnen bringen will (was legitim ist), dann sollte es auch darum gehen, die Erregung von damals einzufangen, nachzuzeichnen, neu zu erwecken. „Jonny“ ist eine Oper der Extreme und ein Zeitstück, das die damalige Zeit ironische kommentiert, auch den damaligen Musikbetrieb mit der Neuen Sachlichkeit und Jazzverrücktheit, mit seiner Liebe zum Kitsch und zu XXL-Kintopp. In dieser Neuproduktion ist das meiste davon nur zu erahnen, wenn man sich ansatzweise mit der Wirkungsgeschichte von „Jonny spielt auf“ auskennt.

Wenn man sich damit nicht auskennt, wie die Gruppe der sechs "woken" Studenten im Pausengespräch, dann bleibt ein lähmender Eindruck. Und dadurch, dass Jonny nun ein blonder weißer Mann ist, macht die Geschichte und machen die Texte, die gesungen werden, überhaupt keinen Sinn. Soweit bekannt ist, hat Peter Lund gegen diesen Eingriff nicht protestiert. Ob die Leitung des Gärtnerplatztheaters darüber nachgedacht hat, die Begründung für das Blackfacing und den Nazi-Schluss besser zu kommunizieren und das Publikum – inklusive "People of Colour" – zu Diskussionen einzuladen, ist mir nicht bekannt. Vermutlich nicht, wenn sie jetzt schon nach dem ersten Protest eingeknickt sind.

Das kann man bedauerlich finden. Den Mitschnitt der Premiere kann man sich noch bis April als Stream anhören bei BR Klassik und Deutschlandradio Kultur. Das derzeitige Programmheft, mit den Fotos von Mittelhammer in Blackface, werde ab 24. März „aktualisiert“, heißt es im Brief an das Publikum.

Vielleicht hätte es der künstlerischen Leitung des Hauses gutgetan, vorher etwas intensiver darüber nachzudenken, was sie mit dem „Jonny“ will und die "People of Colour", mit denen die Produktion angeblich entwickelt worden ist, vorzustellen, ihnen eine Chance zu geben, sich zu artikulieren und dem Ganzen Raum für Debatten zu geben. Das hätte Krenek gutgetan, der Oper sowieso. Das wäre auch ein Angebot an neue Publikumsschichten gewesen, die derzeit mit unter zwei Prozent im Zuschauerraum vertreten waren, wie die Woke-Studenten konstatierten.

Und nur fürs Protokoll: Am Ende gab es einige demonstrative Bravos für das Ensemble, die man als Zeichen der Unterstützung werten könnte. Die argusäugigen Studenten hinter mir waren da schon ohne weitere Unmutsbekundungen abgezogen, hatten aber Pläne diskutiert, etwas zum ganzen Thema zu publizieren. Es lohnt also, den Hashtags zu folgen, wenn man wissen will, wie es weitergeht.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Jonny spielt auf: Oper von Ernst Krenek

Ort: Staatstheater am Gärtnerplatz,

Werke von: Ernst Krenek

Mitwirkende: Michael Brandstätter (Dirigent), Peter Lund (Regie), Mathias Hausmann (Solist Gesang)

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