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Freitag, 19. August 2022

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Daniele Gatti bei der Probe mit dem BRSO, Copyright: Astrid Ackermann

Daniele Gatti bei der Probe mit dem BRSO, © Astrid Ackermann

Das BRSO und Daniele Gatti in München

Mit feiner Klangschablone

Wie schon in der vorherigen Konzertserie unter Daniel Harding spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auch in dieser Woche ausgewiesene Programmmusik, die Leitung im Herkulessaal der Münchner Residenz hat Daniele Gatti. An der literarischen Vorlage von Nikolaus Lenau orientiert sich Richard Strauss´ Tondichtung „Don Juan“, mit erläuternden Notizen hat er seine Kompositionsskizzen versehen, Textfragmente hat er der Partitur vorangestellt.

Agogische Entschlossenheit  

Mit schwungvollem Elan betritt der Titelheld die Szene. Sein musikalisches Thema gehört zu den klassischen Probespiel-Stücken im Orchesterbetrieb, die Musiker des BRSO haben die nötige Hochgeschwindigkeitspräzision, die rasanten Streicherfiguren strotzen vor klangvollem Selbstbewusstsein. Kurz darauf schaltet der stürmische Vorwärtsdrang einen Gang zurück, im „Tranquilo“-Modus schwelgerischer Kantilenen entfachen sanfte Glockenspiel-Tupfer und ein expressives Violinsolo von Konzertmeister Anton Barakhovsky die sinnliche Glut der ersten Liebeszene. Mit wirbelndem Esprit wird das Hauptmotiv in der „Abenteuerepisode“ verarbeitet, agogisch entschlossen bricht Don Juan zu neuen Ufern auf. In der zweiten Liebesszene intoniert Ramón Ortega Quero ein makelloses Oboen-Solo über wärmendem Violoncello-Timbre, organisch verschmelzen die Holzbläserstimmen. In strahlendem Glanz sonnt sich das Siegesthema, in das sich aber bereits nachdenklichere Töne mischen, wenn im musikalischen Hintergrund die Reminiszenzen verflossener Liebschaften vorbeiziehen. Plastische Konturen besitzt die Fastnachtszene, Gatti legt eine feine Klangschablone an und bewegt sich ausdrucksstark auf die allmähliche Eintrübung bis zur schicksalhaft vielsagenden Generalpause zu. Lediglich das todbringende Trompeten-F im finalen Duell mit Don Pedro könnte markantere Schärfe haben.

Klanglich reflektiert ist auch Wagners Einleitung zum dritten Aufzug der „Meistersinger“, darin überzeugen weich abgedunkelte Streicherfarben und ein präzise umrandeter choralartiger Bläsersatz.

Unerbittliche Höllenfahrt

Mit dem Beginn einer Ära in der Geschichte des BRSO ist Berlioz´ „Symphonie fantastique“ verbunden, im ersten Konzert nach Amtsantritt seines neuen Chefdirigenten Mariss Jansons führte es dieses Werk 2003 auf. Einen unbedingt empfehlenswerten Mitschnitt gibt es dazu übrigens von der ersten gemeinsamen Probe. Persönliche Erfahrungen und Emotionen verarbeitet Hector Berlioz in seiner bekanntesten Komposition, mit dem Untertitel „Episode aus dem Leben eines Künstlers“ ist niemand anderes als er selbst gemeint. Die Traumbilder („Rêveries“) des ersten Satzes erhalten von Anfang an atmosphärisch greifbare Gestalt, bald darauf taucht sie dann erstmals auf: Die „Idée fixe“ als musikalisches Motiv, mit dem Berlioz seiner leidenschaftlichen Verehrung der Schauspielerin Harriet Smithson klingende Gestalt verleiht. Gewissenhaft setzt Gatti die dynamischen Kontraste der Partitur um, etwa die abrupten Decrescendo-Wirkungen auf engstem Raum vor dem „Allegro agitato e appassionato assai“. Eine Nuance dezenter könnte das „Religiosamente“ ausklingen. Prachtvolles Streicherrauschen hat die Ballszene. Mit beinahe hypnotischer Intensität vorgetragen wird zu Beginn des dritten Satzes der „Kuhreigen“, Gatti gibt dem Pastoralthema im Englischhorn die nötige Zeit, um sich in all seiner meditativen Kraft zu entfalten. Klangsensibel zieht sich die „Ländliche Szene“ bis ins „quasi niente“, ins vierfache Pianissimo zurück. Mit dezidiert artikulierten Staccato-Figuren im Fagott und einem zupackenden “Höllenfahrtsthema“ in Celli und Bässen ist der „Gang zum Richtplatz“ gepflastert, dem Marsch-Blech fehlen ein bisschen die Ecken und Kanten, das hatte bei Jansons mehr Biss. Dynamisch bleibt Gatti selbst da verbindlich, wo Berlioz eine genaue Unterscheidung zwischen Forte und Mezzoforte verlangt. Unerbittlich bricht sich das „Dies irae“-Motiv im „Hexensabbat“ Bahn, Gatti schleift präzise Fugato-Formen und bringt musikalische Ordnung selbst in die rhythmisch bizarr verzerrten Totentanz-Formen des polyrhythmischen Chaos´.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Daniele Gatti

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Richard Strauss, Hector Berlioz, Richard Wagner

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester)

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