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Freitag, 19. August 2022

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Christiane Karg, Ivan Fischer, BRSO, Copyright: Astrid Ackermann

Christiane Karg, Ivan Fischer, BRSO, © Astrid Ackermann

Das BRSO unter Iván Fischer

Authentische Emotionen

Ein reines Beethoven-Programm spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in dieser Woche zum Jahresauftakt unter Iván Fischer im Herkulessaal der Münchner Residenz. Mit Beethoven, einer glänzenden Aufführung der „Eroica“ unter Herbert Blomstedt, war das alte Jahr zu Ende gegangen, mit der Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93 beginnt es auch.

Eigenwillige “Achte“

Was darin zunächst auffällt, sind die von Fischer gewählten vergleichsweise moderaten, mitunter auch nicht ganz kohärenten Tempi. Die gehen etwas auf Kosten der agogischen Entschlossenheit, auch mit Ritardandi, wo in der Partitur keine stehen, bremst er den musikalischen Fluss stellenweise aus. Mit der Vortragsbezeichnung gesagt: Dem Kopfsatz fehlt zu sehr das „con brio“, zumindest teilweise macht Fischer das in der Durchführung durch impulsiv freigesetzte dynamische Kräfte wett. Mit rhythmisch straffen Bewegungen beginnt das „Allegretto scherzando“, auch diesem fehlt aber in der Artikulation etwas die „Bissigkeit“, wiederum im Sinne der Satzbezeichnung könnte es eine frechere Haltung einnehmen. Auch Menuett und Trio klingen gefühlt mehr nach Haydn oder zumindest nach „gezähmtem“ Beethoven. Auch das „Finale“ kommt agogisch nicht recht vom Fleck, insgesamt vermisst man die musikalische „Schlagfertigkeit“. Mit Sicherheit ist Fischers Konzept subjektiv sorgfältig durchdacht, es wirkt aber jedenfalls einigermaßen eigenwillig.

Authentische Emotionen

Ganz anders in der Konzertarie „Ah! Perfido!“ op. 65: Christiane Karg lebt als Solistin mit eindringlicher Artikulation im rezitativischen Teil und beweglicher, höhensicherer Phrasierung in der Arie die wechselhaften Gemütszustände zwischen aufgebrachter Rage und flehendem Bitten absolut authentisch aus. Fischer legt einen farbreichen Klangteppich aus und findet eine perfekte Balance zwischen hier unaufdringlich dezenter Grundierung, dort expressiv entschiedenem Nachdruck. In jedem dieser Zustände lässt er der Singstimme genau den richtigen Entfaltungsspielraum.

Auch auf die „Fünfte“ – wie die vorangegangene Arie Teil des berüchtigten Mammutprogramms der großen Akademie von 1808 – hat er nach der Pause sofort vollen dramaturgischen Zugriff. Die wohl berühmtesten vier Töne der Musikgeschichte könnten nach der Fermate noch ein bisschen exponiertere Wirkung entfalten, ansonsten gelingt Fischer aber eine von Anfang bis Ende zwingende, mitreißend kraftvolle Interpretation, die vollkommen vergessen lässt, wie oft man das Werk schon gehört hat. Wuchtiges Pathos wirkt aufrichtig, nie gekünstelt. Das „Andante con moto“ verbindet lyrische Intensität mit voller heroischer Überzeugungskraft. Der BRSO-Sound besticht durch warmes Violoncello-Timbre und fein gezeichnete Holzbläserlinien. Fischer leuchtet alle dynamischen Dimensionen konsequent aus. Im „Allegro“ steigen strahlender Blech-Glanz und polyphone Prägnanz aus massiv geformten Basstiefen auf. Aus dreifacher Pianissimo-Ruhe vor dem Sturm erhebt sich ein Finale von explosiver Sprengkraft und ungezügeltem Temperament. Die Präzision, mit der Fischer alle Stimmen hörbar macht, dringt bis in die leuchtend gezogenen Piccolo-Fäden der Coda durch. Die Messlatte des legendären Beethoven-Zyklus´ in Tokio unter Mariss Jansons liegt bis heute hoch. Die jüngsten Auftritte unter Blomstedt und Fischer haben gezeigt: Sie ist nach wie vor erreichbar.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Iván Fischer

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Iván Fischer (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Christiane Karg (Solist Gesang)

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