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Freitag, 19. August 2022

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Cellist Sheku Kanneh-Mason, Copyright: Jake Turney

Cellist Sheku Kanneh-Mason, © Jake Turney

Der britische Star-Cellist gab sein Berlin-Debüt

Bacharach vs. Barber: Sheku Kanneh-Mason beim DSO

Ursprünglich sollte dieses Konzert Marin Alsop dirigieren. Sie hatte den Cellisten Sheku Kanneh-Mason als Solisten dabei, der 2016 als erster Schwarzer den BBC Young Musician Award gewann und 2018 bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle für ein Millionenpublikum spielte. Außerdem war die 1. Symphonie (1936) des homosexuellen US-Komponisten Samuel Barber angekündigt. So viel Diversity gibt‘s selten in der Berliner Philharmonie und beim Deutschen Symphonie Orchester.

Doch wie hinlänglich bekannt, bringt Corona vieles durcheinander. Und so sagte erst Alsop ab, statt ihrer kam Stéphane Denève als neuer Dirigent, und der schmiss dann den Barber raus und ersetzte ihn durch Albert Roussels „Bacchus et Ariane“-Suite Nr. 2 (1930/31). Der Rest blieb unverändert: Elgars Cello-Konzert in e-Moll als Einstieg und Ravels „Daphnis und Chloé“-Suite Nr. 2 mit dem ekstatischen „Dance génerale“ als Rausschmeißer.

Wer das berühmte Elgar-Konzert mit Jacqueline du Pré kennt, mag das schwere Atmen von Kanneh-Mason als eine Art Hommage an die berühmte ‚andere‘ britische Cello-Legende interpretieren. Ansonsten verfügt der junge neue Decca-Exklusivkünstler nicht über den ‚großen‘ Ton, den das Stück idealerweise braucht, auch wenn er auf einem exquistien Matteo-Goffriller-Cello von 1700 als Dauerleihgabe spielt. Kanneh-Mason konnte sich in den majestätischen Klangentladungen im ersten Satz nicht wirklich als die singende Stimme behaupten, die alles überstrahlt. Und in den rasanten Steigerungen, bei denen der Adrenalinspiegel hochschnellen sollte, wirkte er zwar im letzten Satz sehr sportiv, blieb aber für mich emotional zu distanziert. Schweres Atmen hin oder her. Ob man das so mag, ist Geschmackssache. Dass auch Denève mit Elgar emotional eher distanziert umging, kann man ihm als Einspringer nicht vorwerfen. Es war eine souveräne Wiedergabe, wenn auch ohne du Prés Bestseller-Potenzial. Ungewöhnlich war die Zugabe des Cellisten: Er spielte nach nicht enden wollendem Applaus „I Say A Little Prayer“ von Burt Bacharach in einer Pizzicato-Version, bei der nicht nur die junge Konzertmeisterin non-stop schmunzeln musste. Diesen von Dionne Warwick und Aretha Franklin berühmt gemachten Pop-Hit bei einem DSO-Konzert zu hören war erfrischend.

Nach der Pause fing die Orchestersuite Nr. 2 aus dem Ballett „Bacchus et Ariane“ elegisch – auch ein bisschen träge – an. Allerdings nimmt die Musik von Roussel spätestens im „L’enchantement dionysiaque“ (Die dionysische Verzauberung) deutlich an Fahrt auf und zeigt Spuren von Strawinskys „Sacre“. Was dann im „Bacchanale“ zu einem derart furiosen Schluss führt, dass man als Zuhörer fast aus dem Sitz gehoben wird. Es ist ein Stück, das Denève ohne Partitur dirigierte und das ihm offensichtlich liegt. Er ist zwar als Dirigent nicht der beste Kommunikator, aber er peitscht das Orchester gekonnt an – und das DSO folgt ihm mit einer fulminanten Wiedergabe. Besonders erwähnt werden sollten hier der Solo-Trompeter und das Blech überhaupt, die den Rausch anführten.

Direkt im Anschluss Ravel zu hören, erinnert daran, was für ein singulärer Instrumentator er war. Die Klänge vom „Tagesanbruch“ sind so schimmernd und verführerisch, so ausladend und überwältigend, dass man sofort abtaucht in eine andere Welt und Roussel vergisst. Das Orchester spielt die drei Sätze der „Daphnis“-Suite fantastisch, auch wenn der Dirigent mit der Musik ein bisschen mehr atmen könnte, im An- und Abschwellenlassen der Klänge. Aber das fällt kaum ins Gewicht, weil die Musiker das Atmen einfach selbst besorgen.

Großer Jubel in der trotz Corona-Einschränkungen gut besuchten Philharmonie. Wie zu hören war, wird Marin Alsop ihr DSO-Debüt demnächst nachholen. Und alle, die keine Angst vor Populärem haben, können das Orchester an Silvester und am 1. Januar im Circus Roncalli erleben, wo James Gaffigan am Pult stehen wird und der britische Saxophonist Jess Gillam als Solist antritt – zusammen mit den Zirkusakrobaten. Wer weiß, ob da Burt Bacharach nicht auch wieder auftaucht.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Symphoniekonzert: Sheku Kanneh-Mason: Elgar, Barber, Ravel

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Edward Elgar, Albert Roussel, Maurice Ravel

Mitwirkende: Stephane Deneve (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester)

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