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Donnerstag, 9. Dezember 2021

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Impressionen von den Kulturtagen Kloster Hedersleben, Copyright: Thorsten Scherz

Impressionen von den Kulturtagen Kloster Hedersleben, © Thorsten Scherz

Kulturtage Kloster Hedersleben mit jüdischer Musik

Geist und Sinne geschärft

Klöster waren seit alters her Orte des Rückzugs aus dem Alltag und der Befruchtung des Geistes: So empfanden es auch die Gäste der kleinen „Kulturtage Kloster Hedersleben 2021“, die vom 23. bis 26. September stattfanden. Das zum Hotel umgebaute Kloster (gegr. 1253) befindet sich in Privatbesitz und liegt in der sachsen-anhaltischen Provinz rund 13 km nordöstlich von Quedlinburg am Nordrand des Harzes. Es war bereits die vierte Ausgabe mit insgesamt zehn Veranstaltungen von Donnerst bis Sonntag. Ein engagierter Verein, die „Freunde und Förderer Kloster Hedersleben e.V.“ um den Vorsitzenden Hubertus von Stolzmann, kümmert sich redlich und geräuschlos um alle Belange im Hintergrund, so dass sich das aus ganz Deutschland anreisende Publikum gänzlich dem Kunstgenuss verschreiben kann. Natürlich wünschen sich die Festivalmacher, wozu auch Domänen-Eigentümer Michael Riegler gehört, überhaupt erst mal eine Beachtung von Seiten der Landes-Politik und im besten Falle auch eine finanzielle Beigabe zu ihrer Leistung. Doch mit vielen helfenden Händen und einer Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien funktionierte es auch so nahezu reibungslos.

Das Thema des diesjährigen Festivals - so kurz vor der Bundestagswahl - war sicherlich ein spannendes, aber eben auch gesellschaftlich heikles, was sich an dem rund um das Objekt sichtbaren permanenten Polizeischutz manifestierte: „Kultur und Geistesglanz - Das Jüdische Europa“. So konnte die Moses Mendelssohn Stiftung als Partner mit ins Boot geholt werden. Der Fokus der hochkarätigen Konzerte, Diskussionen und Lesungen lag auf feingeistiger Auseinandersetzung mit kulturellen Spitzenleistungen der jüdischen Literatur (Heinrich Heine, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky) und natürlich der Musik jüdischstämmiger Komponisten. In exemplarischen Interpretationen gelangten die Klaviertrios von Felix Mendelssohn (Nr. 1 D-Moll) und Dimitri Schostakowitsch (Nr. 2 e-Moll) sowie Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ in Bearbeitung für Klaviertrio zur Aufführung, wofür gestandene Künstler wie Julija Botchkovskaia (Klavier), Anton Barakhovsky (Violine) und Leonid Gorokhov (Violoncello) bürgten. Wichtig waren aber daneben gleichberechtigt ebenso die Beiträge der jungen Künstlergeneration: Furore machte die junge israelische Mezzosopranistin Hagar Sharvit, die gemeinsam mit dem Pianisten, Lyriker und Liedbegleiter Daniel Gerzenberg (*!991) die Uraufführung des Liedes „Wiedergutmachungsjude“ von Hector Docx (*1993) anlässlich der abschließenden Podiumsrunde in der Sonntagsmatinee sang. Im Lied werden ergreifend emotional und verstörend zugleich autobiografische Passagen Gerzenbergscher Lyrik in Szene gesetzt.

Aber das Festival war noch mehr! Stars der Tage waren auch die Schauspieler Stephan Benson, Christian Nickel und Yael Hahn, die in allen Situationen ihrer Auftritte eine großartige Performance in unterschiedlichen Lesungen und Rollen ablieferten. Zu nennen ist da vor allem der überragend wortgewandt agierende Moderator, Schriftsteller und Feuilletonist Simon Strauss (*1988), der die Podien zu „Jüdischer Kulturgeschichte“, zum „Jüdischen Europa heute“ und zu seinem eigenen interessanten Erinnerungsprojekt „Ich muss weitermachen – Die Geschichte des Herrn Joseph“ souverän leitete. Bei den insgesamt zehn musikalisch oder literarisch-kulturellen Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten im Kloster und in der evangelischen Kirche nebenan traten weitere Persönlichkeiten als Diskussionsteilnehmer auf. Neben dem britischen Kulturhistoriker Michael Reynolds, der insbesondere ein Kenner Shakespeares ist, trugen Stephen Green, Mitglied des britischen Oberhauses, Historiker Julius Schoeps sowie Jutta Dick, Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt, maßgeblich zu einer lebendigen Diskussion bei. Am wichtigsten aber war bei den Kulturtagen Kloster Hedersleben die Harmonie der Gäste, die zusammenhielten, als wären sie eine große Familie. So war ein wesentlicher Bestandteil der Festivitäten auch die Kulinarik (Küchenchef: Andreas Geiger) des „Gala Diner für die Künstler“ am Freitag sowie die Küchenparty mit jüdischer, rumänischer, estnischer und römisch-vatikanischer Küche samt Wein und Champagner (hier kredenzte Starbarkeeper Gregor Scholl), der in diesem Fall vom Hause Bollinger gesponsert wurde.

Besonders das Ambiente des Klosterinnenhofs machte die Eröffnung zu einem heimeligen Event, zumal als Schauspieler Christian Nickel wie ein Türmer aus einem der oberen Fenster sein „Shalom Aleichem“ hinab auf die rund 120 Gäste blies, die erwartungsfroh der Begrüßung Hubertus von Stolzmanns lauschten. Darauf ging es hinüber in die evangelische Trinitatis Kirche, wo ein großer neuer Steinway-Flügel den höchsten Anspruch der Kulturtage untermauerte. Köstlich durften die Hörer sich dort einlassen auf Heinrich Heines mehr komisch-ironische Prosa zu seiner Harzreise. Stephan Benson (Ich-Erzähler) und Christian Nickel (Special Effekts, Maultrommel und weitere Figuren) wechselten einander ab und schufen so eine dramatische Lesung, die seinesgleichen sucht. Die Bilder vom kruden, spießigen Göttingen über Nordheim, Osterode bis hinauf zum Brocken, sprudelten aus den Vortragenden nur so heraus und ließen eine plastische Welt entstehen. Dazu gab es im Nachklang Mendelssohns Klaviertrio in feinster Manier. Zarter Schmelz der Violine (Anton Barakhovsky), elegant und technisch ausgefeilt geformte Töne auf dem Violoncello (Leonid Gorokhov) verbanden sich glücklich mit den singenden Kantilenen am Klavier, die die Pianistin Julija Botchkovskaja verantwortete, die als Vorspiel aus Mendelssohns Kinderstücken op. 72 vorgetragen hatte. Bis in die letzte Reihe überzeugte die Balance der drei bei bester Akustik. Der gleichen Formation vorbehalten war der Abend „Dreiklang – Verborgene Klaviertrio-Schätze“. Hier setzten die Künstler Arnold Schönbergs op. 4 „Verklärte Nacht“ in der Fassung für Klaviertrio gewaltig in Szene und brillierten am Schluss mit Schostakowitschs e-Moll Klaviertrio, welches – 1944 komponiert - das Schicksal der Juden sehr in den Mittelpunkt hebt. Gestochen scharfe Läufe am Klavier, kratzbürstige, fratzenhafte Akkorde, freches Pizzicato, fahle Flageoletts gaben in ihrer Summe eine packende, das Leben in seiner Vielfalt darstellende Interpretation ab. Alexander Kreins „Elegie“ op. 16 war da in der Mitte zwischen Schönberg und Schostakowitsch eine willkommene Abwechslung, die selten auf dem Programm steht.

Die Cellistin Friederike Fechner, Gewinnerin des Obermayer Award 2021, stellte am Freitag in einem Vortrag die „Wundersame Geschichte des jüdischen Hauses Heilgeiststraße 89 in Stralsund“ vor, welches sie vor einiger Zeit mit ihrem Mann erworben hatte. Darin gewohnt und ihr Lederwarengeschäft betrieben hatte bis zu ihrer Flucht 1938 die deutsch-jüdische Familie Blach. Fechner hatte akribisch zur traurigen Familiengeschichte geforscht, fand sogar Nachfahren der Blachs in den USA und Großbritannien, Israel und den Niederlanden und initiierte eine Familienzusammenführung, die bis heute anhält. Ähnlich engagiert zeigt sich eine ehemalige Schülergruppe des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin, die bis heute eine damals unter ihrem Religionslehrer Albrecht Hoppe (Schirmherr) begonnene Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit fortsetzt: Der Rolf-Joseph-Preis, den die Joseph-Gruppe e.V. um Simon Strauss und Fabian Herbst in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin und der F.A.Z. gestiftet hat, prämiert Schülerarbeiten zum Thema „ Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?- Jüdisches Leben damals und heute“ in Erinnerung an den Auschwitz-Überlebenden Rolf Joseph (1920-2012). In diesem Zusammenhang hat die Gruppe auch ein Buch herausgegeben, welches „Die Geschichte des Herrn Joseph“ aufzeichnet.

Die Epoche Berlin-Paris der „schicksalhaften Zwanziger “stand im Mittelpunkt einer literarisch-musikalischen Soirée am Freitagabend. Wildes Nachtleben und künstlerische Blüte wurden hier mit musikalischen und literarischen Beispielen erhellt: So interpretierte Julija Botchkovskaia einige der „Cinq Etudes de Jazz“ von Erwin Schulhoff, während Christian Nickel, Yael Hahn und Michael Reynolds u.a. Texte von Tucholsky, Erich Kästner und Joseph Roth rezitierten. Wieder einmal sehr eindrucksvoll erklangen dazu Lieder (gesungen von der charismatischen Hagar Sharvit, die am Klavier von Daniel Gerstenberg begleitet wurde) von Hanns Eisler (aus von Brecht getexteten Wiegenliedern für Arbeitermütter) sowie Kurt Weills „Der Abschiedsbrief“ auf einen Text Erich Kästners. Furios!

Intimer ging es zu bei einer Stefan-Zweig-Lesung, die Christian Nickel kongenial ausführte. Er trug die Novelle „Die unsichtbare Sammlung“ von Stefan Zweig vor, die geschickt mit Musik von Hector Docx, der selbst am Klavier saß, Beethoven und Robert Schumann abgerundet wurde. Auch hier hat die Hyperinflation der 1920er eine inhaltsschwere Bedeutung für den Fortgang des Plots der tragischen Geschichte. Musikalisch am ausgelassensten entwickelte sich der Abend der „Langen Nacht im Kloster“ im Anschluss an die bereits legendäre Küchenparty. Die unbändige Lebensgier der Epoche spiegelte sich bereits im Motto „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ wider. Hier ging es – entsprechend der vorangeschrittenen Uhrzeit – frivoler, heiterer, ungeschminkter zur Sache, wobei die Gedichte auch schon mal das „Spritzen und Schnupfen“ anpriesen....Paul Abrahams „Die Blume“ gehörte da ebenfalls zu den Köstlichkeiten wie Tucholskys „Der andere Mann“.

Alles in allem war das ein intelligentes, weises, auch erheiterndes wie nachdenkliches Festival, das wie anfangs beschrieben, den Geist und die Sinne schärfte.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Bisherige Kommentare:

  1. Treffende Kritik
    Manuel Stangorra hat in seiner Kritik nicht nur den Ablauf dieser fantastisch organisierten Veranstaltung, an der ich auch mit Freunden teilnahm, sondern auch den Geist und die emotionalen Momente treffend beschrieben, vielen Dank für den Beitrag.
    Nutzer_CHCKNVT, 29.09.2021, 11:45 Uhr

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