> > > > > 19.12.2021
Samstag, 28. Mai 2022

Szenenfoto, Copyright: NDR Elbphilharmonie Orchester

Szenenfoto, © NDR Elbphilharmonie Orchester

Wellber & Hadelich

Inspirationen

Freunde der Pauke durften sich an diesem 4. Advent im Großen Saal der Elbphilharmonie beim NDR Elbphilharmonie Orchester unter Omer Meier Wellber wie zu Hause fühlen. Dass Beethoven die Pauke geliebt hat, wurde hier wieder einmal mustergültig deutlich, und zwar in der Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60. Wie es da vor allem in den Ecksätzen im Tutti donnerte und schallte, klang nicht weniger nach Revolution als noch in der Eroica, bloß mit noch deutlicherer Reverenz gegenüber der Vergangenheit, sprich Haydn. Dank des ruhelos gestikulierenden, das Orchester immer noch weiter vorantreibenden Omer Meier Wellber klang diese B-Dur-Sinfonie jedoch so stürmisch entfesselt musikalische Purzelbäume schlagend, dass sich die Frage von selbst beantwortete, wo genau Sergej Prokofjew sich für seine Symphonie classique inspirieren ließ – noch (neo-)klassizistischer klingt nur das Original. Trotz leichter Wackler in den ersten Geigen agierte das Orchester des Norddeutschen Rundfunks hier wie ein perfekt eingespielter Präzisionsapparat, der nur ab und zu eine kleine Verschnaufpause bekam, etwa im zweiten Thema das Kopfsatzes, das Wellber vom Tempo her deutlich abgrenzte, nur um es dann gleich wieder rasant anzuziehen. Genau so darf eine historisch informierte Beethoven-Interpretation auf modernem Instrumentarium gerne klingen.

Wann genau die B-Dur-Sinfonie eigentlich begann, war gar nicht so eindeutig, denn die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff (geb. 1954) hat ihr Monodram „Der ewige Fremde“ für einen Schauspieler und Orchester so komponiert, dass es direkt in die Sinfonie übergeht. Und so wurde der von einem Traum Beethovens inspirierte Einsätzer gleichsam zu einer Art postmodernem Vorspiel voller Klangfelder und Orientalismen, der über die Spieldauer von rund 17 Minuten angenehm zugänglich blieb. Dies lag auch an der stimmlich wie schauspielerisch packenden Darbietung von Eli Danker, der den titelgebenden Mann gab, „der an einem fremden Ort“ Menschen beobachtet und dabei trotz viel Liebe in seinem Herzen ein Fremder bleibt. Der sich frei auf der Bühne bewegende, ebenfalls aus Israel stammende Danker spielte dabei teils auf der arabischen Trommel Darbuka, die er wie ein Kind umklammert hielt, und gestaltete so dramatisch berührend, dass der in der deutschen Übertragung eher platt daherkommende Text weniger negativ auffiel.

Vor der Pause begeisterte Augustin Hadelich mit Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15, das leider nur selten im Konzertsaal erklingt. Verfügt es doch nicht nur über einen fantastischen Solo-, sondern ebenfalls über einen reichen Orchesterpart, der über die reine Begleitung weit hinausgeht und unter Wellber äußerst sorgsam ausbalanciert erklang. Der staunenswert große wie warme Ton von Hadelichs Guarneri füllte den Großen Saal der Elbphilharmonie bis in die höchste Etage mit solcher Expressivität und so viel Spielwitz, dass dieser den Vergleich mit großen, vergangenen Namen nicht zu scheuen braucht. Vom prallen Pizzicato bis zum gleißenden Kantabile und strahlenden Doppelgriffen schöpfte Hadelich hier aus dem Vollen. Was für eine unglaubliche Präsenz sein Spiel ausstrahlt, zeigte er danach auch im (romantisierten) Andante aus der zweiten Sonate für Violine Solo von Johann Sebastian Bach.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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