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Donnerstag, 28. Oktober 2021

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La traviata. L. Avetisyan, B. Szabó, C. Singh, A. Pérez, A. Hamilton, D. Proszek., Copyright: Wilfried Hösl

La traviata. L. Avetisyan, B. Szabó, C. Singh, A. Pérez, A. Hamilton, D. Proszek., © Wilfried Hösl

La Traviata an der Bayerischen Staatsoper

Poetische Erzählkraft

Wie alle Häuser stand auch die Bayerische Staatsoper seit Wiedereröffnung nach dem großen Lockdown vor der Herausforderung, spontan einen Spielplan für die restliche Saison zu entwickeln – in diesem Fall umso komplizierter, als es zusätzlich darum ging, die Opernfestspiele wieder zu realisieren. Termine mussten unter zeitlichem Hochdruck angesetzt und koordiniert werden, in diesem Kontext hat auch die seit Juli 1993 im Repertoire befindliche „Traviata“ kurzfristig Eingang ins Programm gefunden.

Symbolische Punktlandung

Verantwortlich für deren (wiederholt leicht angepasste) Inszenierung zeichnet Günter Krämer, sein Konzept leidet phasenweise unter zu viel Statik und szenischem Stillstand. Namentlich im ersten Akt mit von oben gedeckeltem Bühnenhorizont und einem vornehmlich schwarzen, mit einer Reihe separierender Türen versehenen Hintergrund wirken Ambiente und räumlichen Dimensionen doch etwas reduziert. Auch die Personenführung stagniert zunächst noch, auf eingehende Psychogramme der Figuren deutet anfangs nichts hin. Zumindest symbolisch verzeichnet das Konzept einige Punktlandungen, als eine Art „Leitmotiv“ bilden herbstlich gefallene Blätter sinnfällig die schwindende Lebenskraft Violettas ab. Der zuvor prunkvoll die Festgesellschaft zierende Kronleuchter liegt am Ende trostlos herabgefallen am Boden. Zunehmend Bewegung ins Spiel kommt buchstäblich erst ab dem zweiten Akt, wenn sich der Vorhang hebt und Alfredo raumgreifend auf einer Schaukel durch den vorderen Bühnenbereich schwingt. Gut gelungen ist im dritten Akt die Darstellung des sich dramatisch unaufhaltsam zuspitzenden Endes, das Geschehen ist voll und ganz auf das Krankenbett fokussiert, um das sich der tragische Niedergang abspielt. Die Charaktere agieren hier mit starker Präsenz, seine visuelle Wirkung verfehlt auch der Lichtstrahl nicht, durch den Violetta am Ende aus dem Leben geht. Geschmackvoll angefertigt sind die Kostüme von Carlo Diappi.

Musikalische Glanzlichter

Gleich reihenweise setzt die gestrige Aufführung musikalische Glanzlichter. An erster Stelle zu nennen ist Ailyn Pérez in der Titelpartie, die mit überaus flexibler Tongebung, gleichermaßen höhensicherer Kraft und strahlenden Koloraturen wie zerbrechlichem Pianissimo brilliert. Darüber hinaus verkörpert sie eine nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch derart glaubwürdige Violetta, dass deren Emotionen (exemplarisch ihre ergreifend verzweifelte Klage in „Addio, del passato bei sogni ridenti“) auf den Rängen geradezu greifbar werden. In nahezu jede Phrase legt sie poetisch gehaltvolle Erzählkraft. Zu überzeugen weiß an ihrer Seite auch Liparit Avetisyan als Alfredo Germont mit warmem, stabilem tenoralem Timbre (etwa in „Oh mio rimorso!“). Schon jetzt für höhere Aufgaben empfiehlt sich Yajie Zhang als äußerst vielversprechendes Talent aus dem Opernstudio, die auch in ihrer verhältnismäßig kleinen Rolle als Annina nachhaltig auf sich aufmerksam macht. Über eine schöne baritonale Färbung verfügt auch die Stimme von George Petean als Giorgio Germont, ihm unterlaufen im zweiten Akt allerdings leider ein paar Ungenauigkeiten in der Intonation. Gut aufgelegt präsentiert sich auch der Staatsopernchor, lediglich die Damenfraktion könnte zu Beginn des Finales im zweiten Akt („Noi siamo zingarelle“) die rhythmischen Akzente etwas kantiger setzen. Eine glatte Eins verdient sich auch das – zu Recht in Serie ausgezeichnete – Staatsorchester unter Leitung von Keri-Lynn Wilson. Vom „Preludio“ an zeichnet ihr Dirigat immense Spannungsverläufe und bringt spritziges Party-Flair genauso zur Geltung wie einfühlsame Lyrik, voluminöses Pathos und rezitativische Gestik. Beispielhaft für die Qualität der Musiker steht das die Abschiedsbrief-Szene exzellent untermalende Klarinettensolo. Dazu kommen eine perfekte klangliche Balance zwischen Klangkörper und Gesangspersonal und eine passgenaue Koordination der Tempi.

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Kritik von Thomas Gehrig

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La Traviata: Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Günter Krämer (Regie), George Petean (Solist Gesang)

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