> > > > > 15.08.2021
Montag, 6. Dezember 2021

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Bählamms Fest, Copyright: Volker Beushausen

Bählamms Fest, © Volker Beushausen

Premiere in der Jahrhunderthalle Bochum

Bählamms Fest

Nach einem Jahr Pause meldet sich die Ruhrtriennale, das Festival der Künste im Ruhrgebiet, zurück. Vorsichtig. Konzentriert auf postmoderne und zeitgenössische Kunst und Begegnung. Mit  besonderen Aufführungsorten und pandemieangepassten Hygienekonzepten. Und - unter der neuen Intendantin Barbara Frey, die bis 2023 das Festival leiten wird. 

Die erste Musiktheaterpremiere stellt eine Neuproduktion der Oper „Bählamms Fest“ von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth vor. Ein musikalisch spektakuläres, Grenzen und Gattungen sprengendes Musiktheaterwerk, in dem Olga Neuwirth auch Stationen der Geschichte moderner Musik anklingen lässt. Mit Live-Elektronik-Tonmeistern des Studios Music Unit Paris, dem Ensemble Modern, Gesangssolisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund erklingen unter der schon in der Uraufführung erprobten und souveränen Leitung von Sylvain Cambreling neben Koloraturgesang auch an Berio erinnernde Sprachkompositionen, neben herkömmlichen Orchesterklangfarben auch E-Gitarre, Akkordeon, Saxophon und verschiedenste Perkussions- und Spielzeuginstrumente, neben Theremin auch Celesta, präparierte Instrumente à la Cage und Raumklänge. 

Grundlage der 1999 bei den Wiener Festwochen uraufgeführten Oper ist das Drama „The Baa Lamb’s Holiday“ von der Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, in dem die Autorin traumatische, biographische  Erfahrungen surreal verarbeitet. Als junge Frau lebte sie mit dem Maler Max Ernst in Südfrankreich und musste miterleben, wie Ernst nach der deutschen Besetzung Frankreichs im zweiten Weltkrieg verhaftet und in das Lager Les Milles bei Aix-en-Provence gesperrt wurde. 

Im Libretto taucht man zunächst in kurzen, grotesk aufblitzenden Szenen in das Innenleben einer morbiden bürgerlichen Familie. Die alte, übertrieben fürsorglich agierende Mrs. Carnis unterhält eine Beziehung zu ihrem Mensch-Hund Henry. Ihr Sohn Philip - übel riechend, zudringlich und übergriffig - ist Alkoholiker und liebt die Jagd. Nach dem Verschwinden seiner ersten Frau Elisabeth hat er die junge Theodora geehelicht. Theodora versucht, dem familiären Horrorkabinett im Kinderzimmer zu entfliehen. Dort trifft sie den Countertenor Jeremy, den zweiten Sohn der Mrs. Carnis. Berauscht von seiner Andersartigkeit verliebt sie sich in ihn. Beide werden zugleich argwöhnisch von den übrigen Familienangehörigen verfolgt. Mehr und mehr entpuppt sich Jeremy, Philips Halbbruder, als mordender Vampir/Werwolf, wird schließlich von der Polizei überwältigt und stirbt. Theodora bleibt ihm trotz allem treu. 

Nina Wetzel hat die Jahrhunderthalle in eine raumgreifende, nebelumwölkte, monoton grüne Heidelandschaft mit auflockernden Zypressen verwandelt. Fällt die Hauswand des schlichten, auf einer Drehbühne platzierten Hauses, blickt man in einen spärlich möblierten Vorder- und Hinterraum, in dem die Protagonisten wie statische Kunstfiguren ausgestellt sind. Die Seitenwände sind Projektionsflächen für Videoeinspielungen und mediale Verzerrungen. 

Die Regiegruppe Dead Centre erzählt aus der Perspektive der jungen Theodora - interpretiert von Katrin Baerts. Theodora scheint sich nicht für herkömmliche Normen und Werte, Morde und Mörder zu interessieren. Ihre Suche nach Freiheit gleicht einem emotionalen Verwirrspiel von wechselnden Identitäten. Mrs. Carnis, die von Hilary Summers mit überzeichnetem, affektierten Singsang ausgestattet ist, geht es ausschließlich darum, ihre Söhne zu beschützen. Der winselnde Henry, Liebhaber der Mrs. Carnis und Vater Jeremys - treffend charakterisiert von Graham F. Valentine - trägt Hundefell. Für die Rolle Jeremy konnte - wie schon in Wien - Countertenor Andrew Watts gewonnen werden. Trotz seiner absurden Ansprüche und Morde bleibt Jeremy Theodoras weiß gewandete Lichtgestalt im Leben, bei dem sie sich geborgen fühlt. Ob die Polizei ihn als Mörder überführt hat und tötet, bleibt in der szenischen Darbietung offen - ebenso wie auch die missbrauchte Mary nicht getötet wird. Der Kopf einer Schar höriger Schafe erinnert an muslimische Vollverschleierung, während die flauschigen, bösartigen Kuscheltiere Kanarienvogel, Fledermaus und Katze harmlose Tänzchen präsentieren. Die Protagonisten agieren aneinander vorbei. Der Wolf entpuppt sich letztlich als triebgesteuertes, angeleintes Haustier.

Stark aufbereitet ist die Szene, in der Theodora versucht, die Angst einflößenden, leuchtenden Wolfsaugen und das melancholische Aufheulen zu zerstören. Anrührend wirkt die Szene, in der sie glaubt, ihren Liebsten zu berühren, stattdessen jedoch die Hand nach flüchtigen, sich vervielfältigenden Schattengebilden ausstreckt - Schattengebilde, die zugleich zwischen Menschen- und Tiergestalt changieren. 

Das Weihnachtsfest der Schafe ist weder zügellos wild, noch ausschweifend. Es gleicht eher einer demütigenden, kultisch-dionysischen Huldigung. 

Alles in allem bleibt die Inszenierung wohltuend distanziert, wirkt aber - im Unterschied zur differenziert illustrierenden Musik - in vielen Momenten wenig inspiriert. Neuwirths vielschichtige Musik hingegen, das Morphing und Nebeneinander von Tierlaut, menschlicher Stimme, Instrumentalklang und Geräusch sind eine Bereicherung, die im traditionellen Konzert- und Musiktheaterbetrieb viel zu wenig präsent sind. Sie lädt ein, die Aufführung ein zweites Mal zu erleben - ähnlich wie es die in der Premiere anwesende Komponistin selbst vorhat.

 

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Bählamms Fest: Surreale Orgie

Ort: Jahrhunderthalle,

Werke von: Olga Neuwirth

Mitwirkende: Sylvain Cambreling (Dirigent), Ensemble Modern (Orchester), Andrew Watts (Solist Gesang), Hilary Summers (Solist Gesang)

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