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Montag, 29. November 2021

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Solist Daniil Trifonov, Copyright: Tobias Hase

Solist Daniil Trifonov, © Tobias Hase

Die Münchner Philharmoniker und Daniil Trifonov

Zyklische Fortsetzung

Knapp eine Woche ist seit Eröffnung der Münchner Isarphilharmonie vergangen (klassik.com berichtete), das neue kulturelle Schmuckstück der Stadt ist nun dabei, sich mit regelmäßigem Leben zu füllen. Ihr zweites Programm im edlen neuen Zuhause haben gestern Abend die Münchner Philharmoniker unter Chefdirigent Valery Gergiev gespielt. Noch einmal ist zu Beginn das anlässlich der Einweihung in Auftrag gegebene Werk „Arising Dances“ für großes Symphonieorchester von Thierry Escaich zu hören. Ähnlich scharf wie am vergangenen Wochenende werden die einschneidenden Akzente im Anfangsstadium der musikalischen Entwicklung gesetzt, atmosphärisch dichte Wirkung entfalten die von (noch) verhaltenem Schlagwerk umhüllten Ruhepausen. Jeder dezente Harfen- oder Celesta-Tupfer ist dank der ausgezeichneten Akustik hörbar. Kontinuierlich nimmt das Stück von da aus sich rhythmisch zuspitzenden Anlauf zur finalen Tanz-Ekstase.

Fokussiertes Spiel

Ihren Beethoven-Zyklus mit Daniil Trifonov setzen die Philharmoniker anschließend mit dem Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15, chronologisch gesehen eigentlich seinem zweiten, fort. Lediglich zu Beginn dirigiert Gergiev etwas zu atemlos über Phrasen hinweg, schnell stellt sich danach ein luftiges, transparentes Klangbild ein. Trifonov lässt vom ersten Einsatz an keinen Zweifel an der selbstbewussten Rolle aufkommen, die Beethoven dem Klavier zugedacht hat. Brillant funkelnde Skalen stehen für Trifonovs stupende Technik, durchweg fesselt sein unmittelbar fokussiertes, energiegeladenes Spiel. Sein luzider Anschlag kann ebenso zupackend wie feinfühlig sein, sowohl im Solopart als auch im Orchester sind alle Stimmen – nicht nur der Akustik wegen – gut hörbar. In der Kadenz zucken elektrisierende Diskantblitze. Im Mittelsatz leuchten Trifonovs glasklare Ornamentik und fein abwärts tropfende Einzeltöne. Stellenweise forciert Gergiev das Tempo etwas zu stark für ein „Largo“. Im „Rondo“ bricht sich ausgelassenes Temperament Bahn, nur das Anfangsmotiv im Klavierpart artikuliert Trifonov etwas zu schwer, ansonsten herrscht spielerisch-virtuose Leichtigkeit, ausdrucksstark arbeitet er kräftige Bassstimmen in der linken Hand heraus. Schier unendlich viele klangliche und agogische Facetten entlockt er der begeistert erklatschten Zugaben-Rarität, Carl Philipp Emanuel Bachs „Rondo“ c-Moll Wq 59/4.

Scharfes Selbstporträt

Gewissermaßen der Erfinder der Tondichtung ist Franz Liszt, von dieser Gattung regen Gebrauch gemacht hat nach ihm u.a. Richard Strauss. Sein „Heldenleben“ op. 40 gibt es im zweiten Teil. Strauss' Vater war ein hoch angesehener Hornist, zunächst solistisch, dann im prallen Hörner-Tutti wird das Leitmotiv des ersten von sechs Teilen vorgestellt. Deren ursprünglich vorhandene Überschriften wurden auf Strauss´ Betreiben nachträglich zwar aus der Partitur entfernt, programmatisch haben sie dennoch Bestand. Transparent wandert das Heldenthema im ersten Abschnitt durch die Stimmen, quäkend mäkelnde Kritiker werden in der zweiten Episode von filigranen Holzbläsern imitiert. „Des Helden Gefährtin“ ist inhaltlich niemand anderes als Strauss´ Frau Pauline, die instrumental von der Solo-Violine porträtiert wird. Naoka Aoki hat nach der Pause das Konzertmeisterpult übernommen und macht diese Partie zum Höhepunkt des Werks: Mit ebenso sensibler Tongebung wie grandioser Technik demonstriert sie makellose geigerische Klasse. Gebannt hört man ihrem Spiel zu, ohne Weiteres kann man sie sich als Solistin in jedem beliebigen Violinkonzert vorstellen. Kriegerisch rührende Trommelimpulse, grimmige Blechakzente, lärmend gestikulierendes, dissonantes Chaos im heldenhaft erbitterten Kampf mit den Widersachern, heroisch-pompöses Pathos und sinnlich schwelgende Streicherfülle – all diese deskriptiven musikalischen Stimmungen und Zustände fangen die Philharmoniker klangfarbenreich ein. Bei dynamischen Ausbrüchen wäre teils Luft nach oben, kurzzeitig sind Harfenimpulse und Holzbläserstimmen nicht ganz synchron. Insgesamt gelingt aber ein scharf geschnittenes Selbstporträt, das der junge Strauss hier von sich angefertigt hat, durchaus nicht unbescheiden zitiert er darin mehrfach sich selbst. Bis Ende der Woche geht der Zyklus der Philharmoniker mit Trifonov weiter, ein Besuch lohnt sich musikalisch wie akustisch.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Münchner Philharmoniker: Gergiev/Trifonov

Ort: Isar-Philharmonie,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Thierry Escaich, Richard Strauss

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester), Daniil Trifonov (Solist Instr.)

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