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Donnerstag, 16. September 2021

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, am Klavier Igor Levit, Copyright: Astrid Ackermann

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, am Klavier Igor Levit, © Astrid Ackermann

Das BRSO und Igor Levit im Münchner Gasteig

Fesselnder Dialog

Zum letzten Mal vor der sanierungsbedingten Schließung des Münchner Gasteigs ist das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in dieser Woche in der dortigen Philharmonie zu hören. Am Pult steht der Brite Edward Gardner, Solist ist Igor Levit. Mit ihm als Artist in Residence war die Saison im vergangenen September eröffnet worden, mit ihm schließt sich auch der Kreis zum Ausklang der pandemiedurchsetzten Spielzeit. Über Levits Qualitäten als Beethoven-Spieler braucht man nicht weiter zu reden. Seine zyklische Einspielung der Sonaten spricht für sich, über die „Diabelli-Variationen“ hat er derzeit fast so etwas wie die „Deutungshoheit“. Auch gemeinsam mit dem BRSO hat er im vergangenen Jahr mit dem C-Dur-Konzert op.15 unter Ricardo Minasi und dem B-Dur-Konzert op.19 unter der Leitung von Franz Welser-Möst schon geglänzt.

Lyrisches Ereignis  

Diesmal steht das Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op.58 auf dem Programm. Mit warmherziger Innigkeit stellt Levit die charakteristischen Anfangstakte heraus, schon der erste Tutti-Einsatz steht für ein von Gardner luftig-transparent geformtes orchestrales Klangbild. Beide Partner, Solist und Klangkörper, pflegen eine unmittelbare, emotionale Ansprache. Levits Spiel wirkt dabei im Kopfsatz allerdings klanglich etwas zurückhaltend, am stärksten kommt seine Anschlagskunst hier in filigranem Pianissimo zur Geltung. Leichtgängig perlen seine Unisono-Skalen, spannungsgeladene Intensität legt er in die langgezogenen Trillerfiguren und zart schwebende Kantilenen. Gardner sorgt für einen guten Abgleich der Tempi. Dass Levit in diesem Satz stellenweise akustisch etwas untergeht, liegt eher an seiner eigenen Zurückhaltung. Die Kadenz besitzt scharfe Konturen und feine dynamische Abstufungen bis in glockenhelle Diskant-Sphären. Ein resolutes Statement setzt das Orchester zu Beginn des Mittelsatzes mit den „sempre staccato“-Akzenten, daraus entwickelt sich im weiteren Verlauf ein fesselnder Dialog. Levit macht seinen Part zum geradezu lyrischen Ereignis und verleiht mit leiser, aber nachdrücklicher Stimme selbst Einzeltönen substantielles Gewicht. Rhythmisch straff, garniert mit impulsiven Artikulationsspitzen und ansteckender Spielfreude überzeugt Levits Vortrag im „Rondo“. Ein besonderer Kunstgriff gelingt Gardner, indem er kurzzeitig die Cello-Stimme hervorhebt und dadurch eine Art punktuelle kammermusikalische Konversation mit dem Klavier erzeugt. Beim Publikum bedankt sich Levit anschließend mit Rodion Schtschedrins „Humoreske“. Deren originelles Spiel mit rhythmisch-agogischen und perkussiven Formen und Finessen bringt er unwiderstehlich auf den Punkt.  

Meisterhaft porträtiert

Mit luxuriös schwelgerischem Streichertimbre lassen Gardner und das BRSO anschließend in Elgars „Enigma-Variationen“ die Melodik des Eingangsthemas und der Episoden „C.A.E.“, „Nimrod“ und „Romanza“ aufblühen. Mit gewinnendem Charme werden die bewegten Figuren des „Allegro“-Abschnitts (H.D.S.-P.) dargestellt. Ein fein gewebter Holzbläsersatz besticht im dritten Abschnitt (R.B.T.). Vielfarbig leuchtet die vierte Variation (W.M.B.), ein subtiles Wechselspiel zwischen Holz und Streichern findet im „Moderato“ statt. In „Ysobel“ kann sich an der Solo-Bratsche Tobias Reifland endlich auch vor Live-Publikum auszeichnen, nachdem er beim lediglich gestreamten Lockdown-Auftritt Ende vergangenen Jahres schon an der Seite von Jehye Lee in Mozarts Sinfonia concertante KV 364 solistisch begeistert hatte. Knalliges Schlagwerk und profilscharfes Blech wirbeln bis ins dreifache Fortissimo des „Presto“, eindringlich gelingt das Cello-Solo in „B.G.N“. Alle dynamischen Register kann das BRSO nochmals in den fulminanten „Grandioso“-Sphären des finalen Selbstbildnisses ziehen. Mit ebenso meisterhaft feinem Pinselstrich wie opulent gesättigter Klangpracht zeichnet das BRSO vom ersten bis zum letzten Bild Elgars musikalische Charakter-Porträts.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Gardner/Levit

Ort: Gasteig,

Mitwirkende: Edward Gardner (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Igor Levit (Solist Instr.)

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