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Mittwoch, 8. Dezember 2021

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Szenenfoto Fledermaus, Copyright: Volksoper Wien

Szenenfoto Fledermaus, © Volksoper Wien

"Die Fledermaus" an der Volksoper Wien

Vorgezogener Jahreswechsel

Nein, es handelt sich nicht um einen Fehler im Kalender: Statt wie gewohnt zum Jahreswechsel war der Wiener Silvester-Klassiker „Die Fledermaus“ mitten im Sommer zu sehen. In der szenischen Neueinstudierung von Heinz Zednik ging die bekannte, in ihrer ursprünglichen Fassung aus dem Jahr 1987 datierende Produktion an der Volksoper über die Bühne. Einen besonders geschichtsträchtigen Bezug hat Strauß´ Meisterwerk speziell auch zu diesem Haus: Erstmals 1906 wurde die wohl berühmteste aller Operetten dort gezeigt – in einem Gastspiel des Theaters an der Wien, wo sie wiederum 1874 uraufgeführt worden war.

Brillantes Rollendebüt

Direkt in das zauberhaft ausgestattete Bühnenbild führt sich Lauren Urquhart als Adele in die Handlung ein. Mit höchster Beweglichkeit in den Koloraturen, strahlenden Höhen, exzellenter Textverständlichkeit und bravourösem Schauspiel liefert sie auf Anhieb bei ihrem Rollendebüt eine der Glanzleistungen des Abends ab. In „Spiel´ ich die Unschuld vom Lande“ gibt sie im dritten Akt quasi die perfekte Bewerbung in eigener künstlerischer Sache ab. Hervorzuheben ist auch Carsten Süss als impulsiver Gabriel von Eisenstein, der mit schlanker, natürlicher Phrasierung in allen Registern und darstellerischer Gewandtheit überzeugt. Auch Ulrike Steinsky singt und agiert souverän als seine Frau Rosalinde (exemplarisch temperamentvoll im berühmten Csárdás-Auftritt “Klänge der Heimat“). Mehrzad Montazeri gibt – als routiniert erprobter Operetten-Spezialist u.a. bei den Seefestspielen Mörbisch – einen quirlig-charmanten Gesangslehrer Alfred. Voll und ganz in der Rolle des Frosch geht Gerhard Ernst auf, meisterhaft stellt er den liebenswert grantelnden, daueralkoholisierten Gefängniswärter dar, in der er sicherlich zu den besten seiner Zunft gehört. Zur guten Tradition gehört es, die Produktion immer wieder mit – mal subtil, mal ganz offenkundig gesetzten – Spitzen und Anspielungen auf aktuelle politische und gesellschaftliche Zustände anzureichern. Auch das gelingt hervorragend, auf diese Weise finden hier etwa die „Blümel-Akten“ Eingang in die Handlung, aus den „drei G“ wird da statt „genesen-getestet-geimpft“ schon mal „gelogen-geschreddert-geschmiert“, Gefängnisdirektor Frosch beklagt die Impfunwilligkeit von Adeles Schwester Ida. Manuela Leonhartsberger ist eine sichere Bank als Prinz Orlofsky. Einzig Marco Di Sapia bleibt dahinter im zweiten Rollendebüt des Abends ein wenig zurück, ihm fehlt stellenweise etwas die Sprachgewandtheit in den Dialogen.

Champagner-Laune

Insgesamt besticht die Aufführung durch liebenswerte Bilder und jede Menge musikalisch-darstellerische Spritzigkeit, die Champagner-Laune auf der vorgezogenen Silvesterparty stellt sich da ganz von selbst ein. Entschieden bereichert wird die Aufführung auch durch die seither eingefügten temporeichen Ballett-Einlagen. Schon mehrfach, z.B. beim Neujahrskonzert der Tonkünstler, hat sich Alfred Eschwé als Strauß-Dirigent profiliert. Auch hier malt er die turbulente Handlung in bunten orchestralen Farben aus. Auch die klangliche Balance zwischen Klangkörper und Gesangspersonal passt, bestens aufgelegt ist auch der Volksopernchor. In der Summe gelingt allen Akteuren der Spagat, die von Strauß und seinen Librettisten raffiniert geschaffene doppelbödige Ambivalenz zwischen Walzerseligkeit und beißender Ironie darzustellen. In freier Abwandlung einer der zentralen Textpassagen kann man an diesem Abend sagen: „Glücklich ist, wer vergisst, dass noch nicht Silvester ist“ – und einfach diese rasante, herrlich erfrischende Inszenierung genießt.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Die Fledermaus: Operette von Johann Strauß

Ort: Volksoper Wien,

Werke von: Johann Strauß, jun.

Mitwirkende: Alfred Eschwé (Dirigent), Orchester der Volksoper Wien (Orchester), Heinz Zednik (Regie), Mehrzad Montazeri (Solist Gesang), Gerhard Ernst (Solist Gesang)

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