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Montag, 27. September 2021

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Solistin am Klavier: Yuya Wang, Copyright: Markus Schlaf

Solistin am Klavier: Yuya Wang, © Markus Schlaf

Klassik am Odeonsplatz I

Spanische Nacht in München

Bis kurz vor den vorgesehenen Terminen stand nicht fest, ob die beliebte, mittlerweile seit ziemlich genau 20 Jahren etablierte Münchner Konzertreihe „Klassik am Odeonsplatz“ in diesem Jahr würde stattfinden können. 2020 hatte sie komplett abgesagt werden müssen, erst Mitte Juni kam das von Publikum, Musikern und Veranstaltern lang ersehnte grüne Licht schließlich doch. Auswirkungen der Corona-Pandemie machen sich dennoch bemerkbar: Lediglich die Hälfte der sonst üblichen 16.000 Besucher kann die – pro Tag jeweils in zwei „Schichten“ à 2.000 Zuhörer aufgeteilten – Konzerte besuchen. Auch Besetzungs- und Programmänderungen wurden nötig, infolge Reisebeschränkungen konnte Chefdirigent Valery Gergiev das Konzert der Münchner Philharmoniker nicht leiten, als prominente Vertretung konnte kurzfristig Lorenzo Viotti gewonnen werden. Weiterer alljährlich wichtiger Faktor: Die Wetterverhältnisse. Noch am Tag zuvor wäre es bei Dauerregen extrem ungemütlich geworden, pünktlich zum Veranstaltungsabend hatte der Wettergott ein Einsehen und bescherte trockene, sonnige Rahmenbedingungen.

Virtuoser Funkenflug

Solistin am ersten Konzerttag ist Yuja Wang, geradezu prädestiniert sind ihre Fähigkeiten für Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18, eines der großen und populären „Schlachtschiffe“ der pianistischen Literatur. Schon die berühmten Anfangsakkorde lässt sie intensiv wirken, im quirligen Passagenwerk des Kopfsatzes kommen ihr ihre herausragenden technischen Fähigkeiten zugute. Das ist, um dem Werk gerecht zu werden, aber erst die halbe Miete. Auch die melodischen Bögen der lyrischen Passagen formt sie expressiv aus, filigrane Tongebung beweist sie exemplarisch im intimen Dialog mit der Cellostimme. Ein paar Oktav-Spitzen in der rechten Hand könnte Wang ein wenig pointierter setzen. Was von Anfang an auffällt, ist das in diesem Jahr technisch besonders gut ausgesteuerte Klangbild der gewaltigen Anlage, Stimmen bleiben bis in feine Holzbläsersphären bestens durchhörbar. Viotti und die Münchner Philharmoniker erweisen sich als klanglich umsichtige Partner, auch die Synchronisation der Tempi gelingt. Lediglich einmal frisst das Blech die Klavierstimme akustisch auf. Auch im Mittelsatz agieren die Ausführenden mit sensibler Musikalität, gut angelegt sind die sich schwelgerisch steigernden Gesten. Die rasanten Akkordfolgen der Klavierstimme zu Beginn des Schlusssatzes klingen kurzfristig ein wenig angestrengt, da ist Wang aber am Limit der spieltechnischen Anforderungen in vielfach prominenter Gesellschaft. Ansonsten spielt sie ihre technische Brillanz souverän aus, zusammen mit Viottis schwungvollem Dirigat sorgt sie für virtuosen Funkenflug. Mit Vladimir Horowitz´ „Carmen-Variationen“ als ihrem „Parade-Encore“ gelingt ihr eine wirkungsvoll sichere Punktlandung.

Iberisches Temperament

Ursprünglich auf dem Programm gestanden hätte danach Bizets „L´Arlésienne-Suite“ Nr. 1, sie wurde kurzfristig ersetzt durch Rimski-Korsakovs „Capriccio espagnol“ op. 34 und Emmanuel Chabriers Rhapsodie für Orchester „Espagna“. Ersteres tauchen die Philharmoniker in ein klangfarbenfrohes Licht, unter Viottis spielfreudig inspirierter Leitung verbreiten sie iberisch-temperamentvolles Kolorit. Besonders glänzen kann die Solo-Violine. Auch in Chabriers wohl berühmtester Orchesterkomposition erfüllen die Philharmoniker den Odeonsplatz mit spanischem Flair voll rhythmischer Elastizität und dynamischer Beweglichkeit. Vollends in der Kontinuität des spanischen Programmteils steht Ravels „Bolero“. Getragen vom insgesamt 169-maligen Pulsschlag des perkussiven „Leitmotivs“ erzeugen die Philharmoniker eine unwiderstehlich crescendierende Sogwirkung, der Reihe nach können sich hier die Orchestermusiker solistisch auf dem Weg zum kollektiv ausufernden Klangexzess auszeichnen. Für Standing ovations bedanken sich die Philharmoniker mit gleich zwei Zugaben: Josef Strauß´ fulminanter Polka „Ohne Sorgen“ und der sommerabendlich sanft wogenden „Barcarole“ aus Offenbachs „Les Contes d´Hoffmann“.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Klassik am Odeonsplatz I: Münchner Philharmoniker/Gergiev

Ort: Odeonsplatz,

Werke von: Sergej Rachmaninoff, Alexis Emanuel Chabrier, Nikolai Rimsky-Korsakow, Maurice Ravel, Vladimir Horowitz, Jacques Offenbach

Mitwirkende: Münchner Philharmoniker (Orchester), Yuja Wang (Solist Instr.)

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