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Donnerstag, 6. August 2020

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Claudio Otelli, Kinderchor des Theaters Bremen, Copyright: Jörg Landsberg

Claudio Otelli, Kinderchor des Theaters Bremen, © Jörg Landsberg

Subtile Sicht auf Rihms Kammeroper Lenz

Aus der Kopfwelt

Jakob Reinhold Michael Lenz - das ist der manisch auf Goethe fixierte, exzentrische Sturm- und Drangdichter, der 1792 auf den Straßen Moskaus als Bettler endete. 15 Jahre zuvor hatte der Arzt und Apotheker Christoph Kaufmann, ein Freund Goethes und Lavaters, nach einem schizophrenen Schub den seelisch verstörten Dichter zu dem elsässischen Landpfarrer Johann Friedrich Oberlin geschickt. Hier blieb Jakob Lenz, bis seine Anfälle zu Selbsttötungsversuchen führten. Aufgrund seiner Leidensgeschichte ist Lenz selbst zur literarischen Figur geworden. Georg Büchner hat in einer Novelle, die eine pathologische Studie über das wahnsinnig gewordene Genie ist, dargelegt, wie Lenz in geistige Umnachtung fiel. Als „Chiffre von Verstörung“ begriff Wolfgang Rihm Lenz und wie bei Büchner sind es auch in seiner Kammeroper Erinnerungsbilder, die angstvoll in Lenz aufsteigen und ihn vollends den Dämonen seiner kranken Seele anheimfallen lassen. 

Claudio Otelli ist Jakob Lenz

Rihm lässt Jakob Lenz schreien und stammeln, mit erstickter Stimme weinen und flüstern und treibt ihn in hohe Falsettlagen. Der Bassbariton Claudio Otelli bewältigt diese extrem schwierige Partie exzellent! Er singt und haucht, keucht und jault, schreit und flüstert. Auch schauspielerisch kann er überzeugen, etwa in den Passagen, wo er die stockenden Sarabanden-Rhythmen, mit denen Rihm seelische Starre signalisiert, körperlich umsetzt. Plausibel auch die Realisation des aus dem Gefüge des „inneren Dramas“ fallenden ‚Kunstgespräch‘ mit Christoph Kaufmann, in dem Lenz mit dem Bekenntnis zur „nackten Wirklichkeit“ das ästhetische Credo Büchners verkündet, wie wir es auch aus dem Wozzeck kennen. 

Will man das heikle Problem einer optischen Umsetzung dieses komplexen Werkes angehen, dann muss dies so behutsam, so sparsam und taktvoll wie möglich geschehen. Mit der Sachlichkeit des Diagnostikers wie den „Fall“ eines Patienten hatte Georg Büchner die Schizophrenie von Lenz beschrieben. Und mit ähnlich größtmöglicher Sachlichkeit, zu der ein Regisseur fähig ist, hat Marco Štorman das seelische Chaos dieses verzweifelten Menschen mit Prägnanz und so konzis wie möglich auf die Bühne gebracht. Er verzichtet wohltuend auf alle äußerlichen Effekte, wie sie leider oft bei anderen Inszenierungen zu sehen sind. Kongenial hierzu das Bühnenbild Jil Bertermann, die auf der Bühne des Theaters das anatomische Theater das 1594 in Padua errichtet wurde, nachgebaut hat. Also der Ort, an dem der Mensch der Renaissance begann sich für das konkrete individuelle Innere des Menschen zu interessieren, vergleichbar, wie sich Büchner im 19. Jahrhundert für die Psyche des Menschen zu interessieren begann. Der Sezierplatz, auf dem Lenz überwiegend agiert, wird mit Wasser aufgefüllt, wohl als Symbol des Unterbewussten. Oberlin, der Lenz verständnislos gegenübersteht, bringt keine Hoffnung in dessen trostloses Leben. Er trocknet ihn im Laufe der „Behandlung“ mit Pulver sprichwörtlich aus. Christoph Heinrich überzeugt gesanglich wie auch darstellerisch, das gilt auch für Christian-Andreas Engelhardt (Kaufmann). Durch die Kostüme (Sara Kittelmann) wird klar, dass auch diese beiden Personen als „Kopfwelten“ von Lenz konzipiert sind. Dass das ganze Geschehen im Sinne einer Phantasmagorie zu verstehen ist, bekräftigen die sechs solistischen Stimmen, die quasi als Dämonen fungieren. Als Zuschauer bleibt man immer im Ungewissen über die Realitätsschichten. Durch das Bühnenbild wird man unmittelbar in das Geschehen mit einbezogen. Jeder muss sich sein eigenes Verständnis des gezeigten Vorgangs bilden. Wahrlich eine grandiose Idee. 

Wahrscheinlich war es vom Inzenierungsteam unbeabsichtigt, aber diese Sichtweise auf Lenz, der unbeirrt seinen eigenen Weg ging, dabei in Weimar nicht mehr gelitten war - vor allem Goethe wollte ihn loswerden - hat ganz viel Ähnlichkeit mit dem neuen Film „Verborgenes Leben“ von Terrence Malicks, indem ein Mann bereit ist, für seine pazifistischen Überzeugungen in den Tod zu gehen und für seine Aufrichtigkeit von der Gesellschaft geächtet wird.

Nur aus elf Instrumenten besteht das erhöht hinter der Bühne postierte kleine Orchester, doch auch oder gerade diese „extreme Kammermusik“ vermittelt Stimmungen von beklemmender Dichte. Dass der musikalische Sprachfluss sich nie in leerer Gestik verliert, ist der überlegenden Steuerung des Dirigenten Killian Farrell zu verdanken. Fazit: Eine intelligente Inszenierung, die es sich anzuschauen lohnt!

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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