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Sonntag, 29. März 2020

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Bühnenbild Tosca/ Dirigent: Daniele Rustioni, Regie: Christoph Honoré, Copyright: Jean Louis Fernandez

Bühnenbild Tosca/ Dirigent: Daniele Rustioni, Regie: Christoph Honoré, © Jean Louis Fernandez

Puccini in Lyon

Tosca im Doppelpack

Die Opéra National de Lyon zeigt eine Hommage an die großen Tosca-Sängerinnen und Darstellerinnen ab der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sämtliche berühmten und bedeutenden Toscas treten zudem auf, wenn auch nur in einem Film- oder Video-Mitschnitt. Sieht man die tonlosen Bildaufnahmen der großen Diven, hat man sofort die dazugehörigen Stimmen im inneren Ohr.

Zugeeignet ist die Lyoner Tosca-Inszenierung des Theater- und Filmregisseur Christophe Honoré der Grande Dame alter Schule: Catherine Malfitano. Wer sie in den Siebziger und Achtziger Jahren live auf der Bühne erleben durfte, wird gut an ihre große Stimme und Bühnenpräsenz erinnert. Sehr überraschend war, dass sie immer noch über weite Strecken mit einer intakten Stimme aufwartet, die sie an dem Abend in einigen Szenen erklingen ließ.

Alternde Diva

Der erste und der zweite Akt spielen im ausladend schönen Salon der Diva. Malfitano hat Gäste, eine junge Sängerin (Elena Guseva) und ein gesamtes Ensemble, eingeladen, um die Oper 'Tosca' in ihren Räumen einzustudieren. Sie gibt großzügig ihr Können und ihre Erfahrungen weiter an die jüngere Generation. Dabei stiehlt sie – sie ist immerhin die Diva – der Debütantin der Tosca schon zu Beginn den eigentlichen Höhepunkt der Oper. Sie singt 'Mario, Mario' und nimmt somit das tragische Ende der Oper vorweg. Zudem ist ihre Wohnung mit vielen Erinnerungsstücken und Kostümen verschiedener Partien der großen, alternden Diva ausgestattet.

Schwierig gestaltet sich dem Publikum das Verfolgen der Handlung, da ja zwei Toscas auf der Bühne zu sehen sind, diese in einer Kulisse agieren. Darunter leidet zuweilen der musikalische Genuss, denn es ist kompliziert, der eigentlich gradlinigen Handlung zu folgen. Zum einen gibt es viele Schauplätze in der Ausstattung, die höchste Aufmerksamkeit beim Handlungsablauf verlangen. Es gibt die Szene links und rechts auf der Bühne (zwei Räume der Wohnung), dann noch die beiden Leinwände oberhalb mit den Videos und Live-Kameras. Der Auftritt des Chores (Hugo Peraldo) im ersten Akt findet seinen Höhepunkt in der Verehrung des Porträts von Maria Callas. Diese wird als eine Art Heiligenbild, welches die Diva aus ihrem Fundus hervorträgt und dem Chor übergibt, angebetet. So verliert das Auge sich in der üppigen Ausstattung der ersten beiden Akte in den Details (Bühnenbild: Alban Ho Van, Kostüme: Olivier Bériot, Beleuchtung: Dominique Bruguière, Videos: Christophe Honoré).

Aktualität

Selbstverständlich findet auch in dieser Produktion der aktuelle Trend der Zeit seinen Widerhall. ‚Sex and Crime‘ wird in vielen Szenen thematisiert. Die Diva hat einen jungen Geliebten, den sie generös entlohnt. Dafür wird er vom ganzen Ensemble verprügelt – das verstehe einer. Die junge Tosca-Sängerin wird bei den Proben, das als Casting abläuft, von den anderen Sängern und natürlich auch von Scarpia (Alexey Markow) in unangemessener Weise bedrängt. Stichwort MeToo. Aktuell zu sein ist schön, aber zu viel offensichtliche Aktualität erzeugt eher ein Wegsehen. Für einen unerfahrenen Opernbesucher ist diese 'Tosca' womöglich mit zu vielen Regieeinfällen ausgestattet.

Vor der Premiere habe ich mit einer Kollegin über moderne, zeitgemäße Inszenierungen diskutiert und stellte die Behauptung auf, dass vielen Produktionen oft die Luft (die Ideen) ausgeht. So schien es mir auch hier. Der zweite Akt spielte noch in der Wohnung der Diva. Der dritte Akt begann im Zuschauerraum, zwischen den Publikumsreihen. Tosca schritt bedächtig an einem Holzmodell der Engelsburg vorbei auf die Bühne, wo jetzt das gesamte Orchester Platz genommen hatte. Die zweite Tosca abends sang dann zusammen mit Cavaradossi (Massimo Giordano) die große Arie des Aktes. In der Szene klangen beide Stimmen angestrengt.

Elena Guseva (Tosca) überzeugte und gestaltete ihre große Arie 'Vissi d’arte' bravourös. Das Ensemble zeigte eine gute Gesamtleistung. Der Scarpia von Alexey Markow begeisterte. Das Orchester der Opéra de Lyon unter der Leitung von Daniele Rustioni hatte keinen guten, ausgewogenen Abend. Sicher lag dies am Umzug auf die Bühne im dritten Akt. In den anderen Partien waren zu hören Simon Shibambu als Angelotti, Michael Smallwood als Spoletta, Jean-Gabriel Saint-Martin als Sciarrone, Virgile Ancely als Geolier und Jean-Fédéric Lemoues als Majordome. Ein freundlicher, aber nicht euphorischer Schlussapplaus beendete diesen Ausflug in die Welt der großen Tosca-Diven.

Kritik von Manfred Zweck

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Tosca: Oper von Giacomo Puccini

Ort: Opéra national,

Werke von: Giacomo Puccini

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