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Donnerstag, 28. Oktober 2021

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Katharine Mehrling, Copyright: Andrea Peller

Katharine Mehrling, © Andrea Peller

Kurt Weills Musik aus dem Exil mit Barrie Kosky

Das B-Wort ist verboten!

Wenn sich Intendant Barrie Kosky höchstpersönlich aufs Podium setzt, als ‚der luxuriöseste Pianist auf der ganzen Welt‘, um Katharine Mehrling in einem Song- und Chanson-Programm zu begleiten, dann kann man davon ausgehen, dass es etwas Besonderes ist: eine Herzensangelegenheit. Denn die Vorbereitungen für dieses Konzert dauerten zwei Jahre, die für Kosky extrem arbeitsintensiv waren, aber auch extrem erfolgreich, mit Inszenierungen weltweit. Trotzdem hat er sich die Zeit genommen, diesen 'Lonely House'-Abend zu konzipieren, zu proben und nun auch aufzuführen.

Das Ziel: Die in Deutschland immer noch weitgehend ignorierte Musik Kurt Weills zu Gehör zu bringen, die dieser nach 1933 im Exil schrieb, erst in Paris, dann in New York. Diese Musiken zählen, besonders die Musicalerfolge 'Lady in the Dark' (1941) und 'One Touch of Venus' (1943), zu den Broadway-Klassikern schlechthin, sie wurden von Gertrude Lawrence bzw. Mary Martin uraufgeführt und aufgenommen, später mehrfach neu eingespielt und von Hollywood mit Stars wie Ava Gardner verfilmt. Nur hierzulande konnte man sich nach 1945 nicht so recht dafür erwärmen. Der gedankliche Kurzschluss lautete: Weill habe sich mit diesen Stücken an den Kommerz verkauft und keine kritische Kunst mehr geschaffen, wie er das mit Brecht in Berlin getan hatte.

Das Leben nach Brecht

Das ist natürlich absoluter Quatsch, zeugt aber vom anti-amerikanischen Denken vieler. Ein Denken, dass immer noch nicht ganz aus den Köpfen von Theaterdirektoren oder Programmgestaltern in Deutschland und Österreich verschwunden ist. Weswegen Koskys Motto für seinen Weill-Abend lautete: ‚Das B-Wort ist verboten!‘ Soll heißen, keine Stücke von Brecht. Denn genau wie Brecht ein Leben nach Weill hatte, so hatte auch Weill ein Leben nach 'Dreigroschenoper' und 'Mahagonny'. Und seinen vielen US-amerikanischen Werken mangelnde ‚Sozialkritik‘ vorzuwerfen, ist angesichts von Stücken wie 'Lost in the Stars' (1949) oder 'Johnny Johnson' (1936) geradezu aberwitzig. Von 'Street Scene' (1947) und 'Love Life' (1948) ganz zu schweigen.

Auf der radikal entleerten schwarzen Bühne saß nun also Barrie Kosky am schwarzen Steinway-Flügel, daneben stand Publikumsliebling Katharine Mehrling im schwarzen rückenfreien Samtkleid, nur mit einem Mikro-am-Ständer als Requisite. Das war’s. Minimalistischer geht es kaum. Aber genau das machte, mit grandios-dramatischer Lichtregie, maximalen Eindruck. Und lenkte die Konzentration ganz auf die Lieder, die in 80 pausenlosen Minuten fast wie ein Medley ineinander übergingen und miteinander verwoben schienen.

Tschaikowsky

Anders als bei Koskys früherem Herzensprojekt, den jiddischen Operetten und Liedern, bei denen er ebenfalls selbst am Klavier saß, verzichtete er hier fast gänzlich auf erklärende Worte. Erst ganz zum Schluss kam eine kurze Ansprache, warum er Kurt Weills ‚Exilmusik‘ so wichtig und wunderbar findet. Zwischendurch erwähnte Mehrling nur in einer einzigen Anmoderation, worum es in 'Lady in the Dark' geht, bevor sie 'My Ship', 'The Saga of Jenny', 'Girl of the Moment', 'Tschaikowsky', 'One Life to Live' und eine Reprise von 'My Ship' sang.

Diesen Verzicht auf jegliches Narrativ fand ich schade, erstens weil Kosky ein wunderbarer Erzähler ist, zweitens weil Mehrling das ebenfalls ist. Und drittens, weil Kontext gerade bei unbekannteren Titeln hilft, einen Zugang zu finden. Und das gilt auch für sehr berühmte Titel wie 'September Song' und 'Youkali'. Denn wer weiß schon genau, worum es in den Stücken 'Knickerbocker Holiday' (1938) und 'Marie Galante' (1934) geht und was die Songs darin aussagen?

Besonders amüsant war die zwischen Laszivität und Groteske changierende Interpretation der Schnellsprechnummer 'Tschaikowsky', von Danny Kaye einst berühmt gemacht. Dass diese Zungenbrecher-Kracher heute immer noch so zünden kann, dass er den stärksten Applaus des Abends bekam, ist irgendwie wunderbar!

Wuchtig in die Tasten gehauen

Mehrlings Interpretationen der Lieder, mit gestochen klarem Französisch und lässig amerikanischem Englisch, waren ebenfalls wunderbar. Und Kosky am Klavier ist ein Begleiter, der es theatralisch liebt und gern wuchtig in die Tasten haut. Es macht Spaß, ihm dabei zuschauen und zuzuhören. Ja, Komische-Oper-Stars wie Adam Benzwi hätten das filigraner und brillanter spielen können, aber so war es ein ‚Labour of Love‘ und gab dem Abend eine Gewichtung, die sagte: Das ist Chefsache, und das macht Kosky in Berlin auch kein anderer Intendant nach!

Der Jubel im übervollen Saal war gigantisch. Es gab aber nur eine Zugange, den Evergreen 'It Never Was You' (ebenfalls aus 'Knickerbocker Holidy'). Danach verabschiedete sich Kosky mit der Bemerkung, er habe am nächsten Morgen Probe. Und sagte im Gehen: ‚Die Lieder Kurt Weills sind genauso gut wie alles, was Schubert, Schumann und Hugo Wolff geschrieben haben!‘

Ein Ego-Problem?

Angesichts der Tatsache, dass Kosky als Intendant und Regisseur die von den Nazis als ‚entartet‘ gebrandmarkte Musik von Paul Abraham und Oscar Straus neu entdeckt und die entsprechenden Bühnenwerke neu in Umlauf gebracht hat bzw. immer noch bringt, mit einer Konzertserie von Kalman-Operetten und demnächst Werken von Jaromir Weinberger dazwischen, frage ich mich, wieso an der Behrenstraße noch keines der Kurt-Weill-Werke aus dem Exil auf dem Programm stand. Besonders wenn mit Katharine Mehrling (Star der 'Ball im Savoy'- und 'My Fair Lady'-Produktionen am Haus) eine Interpretin zur Verfügung steht, die in jeder Hinsicht ideal für das Psychoanalyse-Stück 'Lady in the Dark' wäre, aber sicher auch als Venus hervorragende Figur machen würde – rückenfrei und mit 'I’m a Stranger Here Myself'.

Ein Bekannter meinte, einem solchen Projekt würde Barrie Koskys Ego im Wege stehen, weil er damit nicht beanspruchen könnte, ein Revival ganz allein in Gang gesetzt zu haben ('Venus' läuft in Dresden an der Staatsoperette und 'Lady' gab’s an diversen kleineren Bühnen). Aber ich bin nicht gewillt zu glauben, dass Kosky deshalb Kurt Weills Broadway-Hits ein Comeback in der Hauptstadt versagt. Denn in Berlin gab es sie eben noch nicht in bahnbrechenden Neuproduktionen – mit Kosky-Touch, Otto-Pichler-Choreographie und mit Mehrling, als interessanter Alternative zur Diva assoluta Dagmar Manzel.

Übrigens: Eine Mehrling-CD mit Kurt-Weill-Liedern gibt es bislang auch nicht. Das Programm von 'Lonely House' würde sich dafür ideal anbieten. Am 19. Januar 2020 wird der Abend noch einmal wiederholt. Vielleicht schneidet dann ja jemand mit und trägt dieses intime, aufwühlende, durchgeknallte und persönliche Konzert weiter in die Welt hinaus.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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