> > > > > 20.10.2019
Samstag, 7. Dezember 2019

Herbert Blomstedt, Copyright: Martin Lengemann

Herbert Blomstedt, © Martin Lengemann

Blomstedt dirigiert Bruckner

Expansive Heiterkeit

Mit 92 Jahren, da fängt der Bruckner erst so richtig an. Und das Publikum hat Spaß daran. Zumindest als Herbert Blomstedt am Pult des NDR Elbphilharmonie Orchesters am Ende der Sinfonie Nr. 6 in A-Dur unter tosendem Jubel vor Überschwang die Arme empor schleuderte. Alles andere, als in diesen Jubel mit einzustimmen, wäre im Großen Saal der Elbphilharmonie jedoch auch schwergefallen. Denn so spannend sich diese Kombination aus Werk, Orchester und Dirigent anhört, so klang sie auch. Schließlich darf Blomstedt als eine von gleich mehreren Bruckner-Koryphäen gelten, die dem NDR Elbphilharmonie Orchester in der Vergangenheit als Chefdirigenten vorstanden.

Bereits im 'Maestoso'-Kopfsatz fiel dabei die ‚Sattelfestigkeit‘ vor allem der hohen Streicher auf, denn die vielen repetitiv wuselnden Begleitfiguren bilden intonatorisch gesehen hier quasi ein Minenfeld. In der gnadenlos klaren Akustik der Elbphilharmonie fiel an diesem Abend jedoch kaum je eine Unsauberkeit ins Ohr, so präzise und auf den Punkt wirkte unter Blomstedt die Tongebung. Hörte man nur auf die munter drauflos bretternden Posaunen, hätte man meinen können, dass der verschmitzte alte Schwede das Orchester einfach machen ließ. Nichts hätte jedoch weiter von der Wahrheit entfernt sein können. So klangen die Tutti-Schlusswendungen im Scherzo zwar infernalisch blechgekrönt. In diesem wuchtigen Tornado, der ein ums andere Mal übers Publikum hinwegfegte, steckte jedoch eine unwahrscheinliche Klarheit, die den Bruckner-Klang geradezu versinnbildlichte.

Im Detail gearbeitet

Überhaupt griffen die Rhythmen, Gegenrhythmen und Schichten der Instrumentengruppen vor allem in den Ecksätzen ineinander wie eine gewaltige dynamisch an- und abschwellende Maschinerie, der es jedoch nie an Leben mangelte. Dies zumal Blomstedt die einzelnen Themenblöcke vom Tempo her organisch voneinander absetzte und sich im Kopfsatz vor allem für den Gesangskomplex viel Zeit nahm. Wie sehr hier im Detail gearbeitet wurde, kam alleine in den Anfangstakten des Adagio zum Vorschein, dem Kernstück der A-Dur-Sinfonie. Jede Note in den tiefen Streichern erfuhr eine andere Nuancierung, sodass der thematischen Oboe ein denkbar dankbarer Boden bereitet wurde.

In eine ungleich leichtere Dur-Welt mit kammerorchestraler Besetzung entführte zuvor Joseph Haydns letzte Sinfonie Nr. 104. Bereits hier blitzten trotz leichter Bogenführung und Flötensolo im Andante und im Menuett Einschnitte auf, die fast schon an Bruckners Steigerungswellen gemahnen und auf dem Höhepunkt jäh abbrechen. Gleichwohl blieb der Gesamtansatz ein klassisch ausgewogener mit nur leichtem Vibrato. Auch hier war nirgendwo Altersmilde zu spüren, und das war aufgrund der rasanten Läufe im 'Spiritoso'-Finale auch gut so.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Bruckner: Blomstedt

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Anton Bruckner, Joseph Haydn

Mitwirkende: Herbert Blomstedt (Dirigent), NDR Elbphilharmonie Orchester (Orchester)

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Bisherige Kommentare:

  1. Bruckner at his best
    Wer nicht dabei war, kan das Konzert auf dem youtube Kanal der "NDR Elbphilharmonie" nachschauen und nachhören. Dringend zu empfehlen. Ein besonderes Plus ans Elbphilharmonie Orchester. Hervorragend gespielt. Und Blomstedtist einfach der Bruckner-Spezialist unserer Zeit.
    Nutzer_RMFHRPP, 23.10.2019, 18:02 Uhr

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