> > > > > 30.08.2019
Samstag, 7. Dezember 2019

Christoph Eschenbach dirigiert Mahlers 8. Symphonie

Blicket auf zum Retterblick!

An meine erste Begegnung mit Mahlers 8. Symphonie in Es-Dur kann ich mich noch gut erinnern. Denn dieser Erstkontakt bestimmt bis heute mein Verständnis vom Stück und meine Erwartungshaltung an eine Live-Aufführung. Damals lief im deutschen Fernsehen ein Spielfilm über die Aids-Krise in den USA. In diesem Film besuchte der Hauptdarsteller einen sterbenden jungen Mann, der in den 1980er-Jahren von Krankheit und Schmerzen gezeichnet im Bett liegt und darum bittet, dass der Besucher für ihn eine Schallplatte auflegen möge; die Musik darauf sei das einzige, was ihm noch Kraft und Zuversicht gebe für das, was unausweichlich kommen wird. Und dann erklingt: ‚Blicket auf zum Retterblick, Alle reuig Zarten!‘

Dieses Tenorsolo hat mich damals bis ins Mark getroffen. Gleich am nächsten Tag kaufte ich mir eine Aufnahme der kompletten 8. Symphonie und empfand das, was nach diesem Solo kommt (‚Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis‘) als die größte musikalische Überwältigung, die ich mir vorstellen kann. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Gustav Mahler lässt da im letzten Teil seiner 'Symphonie der Tausend' wahrlich die Himmelspforten aufgehen und man steht – akustisch gesprochen – vor einem gleißenden Licht: ein Moment von tiefer Erschütterung, ja fast Demut entsteht, angesichts solcher Klangekstase.

In den darauffolgenden Jahren habe ich gelernt, dass diese ultimative Überwältigung nicht immer so funktioniert wie bei meiner Schallplattenerstbegegnung. Denn das Geheimnis dieses Schlusses – mit den seligen Knaben, jungen und vollendeten Engeln, den Büßerinnen, mit Doctor Marianus, der Magna Peccatrix, Mater Gloriosa und alle den anderen – muss klangarchitektonisch genau aufgebaut werden; wer zu schnell zu laut wird oder nicht differenziert den Sound-Tsunami bis zum letzten Ton steigern kann, verspielt die Wirkung. Denn im Dauerforte ist Mahler ermüdend, um nicht zu sagen nervig.

Neuer Chefdirigent

Das Konzerthausorchester Berlin hat zur Eröffnung seiner neuen Saison nun dieses Werk auf den Spielplan gesetzt. Damit sollte im glanzvollen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt auch der Antritt des neuen Chefdirigenten Christoph Eschenbach ordentlich gewürdigt werden. Und als Spektakelstück eignet sich Mahlers 8. natürlich durchaus: mit drei Chören (der Tschechische Philharmonische Chor Brno, der Slowakische Philharmonische Chor sowie der Staats- und Domchor Berlin), mit acht Solisten und dann noch das Orchester mit zusätzlicher Bläsergruppe aus der Ferne (für die himmlischen Trompeten) und Orgel. Da ist die Wow-Wirkung fast garantiert. Besonders wenn man sich gegen die anderen ortsansässigen Luxusklangkörper Berliner Philharmoniker und Deutsches Symphonie-Orchester in Szene setzen möchte.

Dass sich das Konzerthausorchester in Szene setzen möchte, merkt man schon daran, dass die ganze Stadt aktuell mit Christoph-Eschenbach-Postern überzogen ist, die ihn als neuen Chefdirigenten ankündigen. Bevor das Konzert losging, sprach auch erst der Orchestervorstand davon, wie glücklich man sei, Eschenbach nun als Chef zu haben. Und dann kam Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) höchstselbst auf die Bühne und pries das Orchester dafür, dass es ‚Musik für alle‘ mache, also für alle sozialen Schichten und Altersgruppen, und dass Eschenbach mit seiner Jugendorchesterarbeit in der Vergangenheit bewiesen habe, genau hier Maßstäbe zu setzen. Lederer erwähnte auch, dass er das Orchester dafür bewundere, sich neu erfunden und den sich verändernden Kulturbedingungen in der Hauptstadt angepasst zu haben; scheinbar hat das Orchester dafür sogar einen Innovationspreis gewonnen.

Zwischen Sekt und Reden

Ob nun Mahlers 8. Symphonie ein Stück ‚für alle‘ ist, sei mal dahingestellt. Viele junge Menschen habe ich am Freitagabend nicht im Konzerthaus gesehen, außer die Kinder des Domchors auf der Bühne. Und man könnte auch fragen, ob diese 'Symphonie der Tausend' in einer grundsätzlich klassischen Aufführung – also ohne irgendwelche Extras wie z. B. Videoinstallation, Choreografie, besondere Location etc. – wirklich in die Kategorie ‚innovativ‘ gehört. Aber auf alle Fälle war die Idee, im Anschluss alle Besucher zu einem Gratis-Sektempfang auf die Freitreppe des Hauses einzuladen und dort bis tief in die Nacht zu feiern, eine gute und schöne: Der Ausblick von dort ist immerhin einer der ‚Million Dollar Views‘ in der Hauptstadt.

Zwischen den Reden und dem Sektempfang lagen 80 Minuten Musik. Und ich komme mir fast wie ein Spielverderber vor, dass ich dieser musikalischen Darbietung nur wenig abgewinnen konnte. Das lag vor allem daran, dass der Klang für mich – im hinteren Parkett sitzend – von Anfang an extrem pauschal und dröhnend wirkte, wie eine riesige Klangsoße, die sich nur selten ausdünnte (möglicherweise war der Eindruck in den oberen Rängen anders). Zum anderen brillierte das Orchester nicht gerade mit Akzentsetzung oder spielerischer Raffinesse. Natürlich kann das Orchester die Partitur ohne technische Schwierigkeiten bewältigen, dafür sind es schließlich Profis, aber auf mich wirkte die Aufführung wie eine Verpackung ohne Inhalt. Gerade wenn man mit einer Aufführung von Mahlers 8. ein Zeichen setzen will, sollte da angesichts der Konkurrenzsituation in Berlin mehr Leidenschaft und Lust spürbar sein.

Vokale Himmelsstürmer

Immerhin gab es bei den Solisten einige echte Glanzmomente, allen voran Michaela Kaune, die als Una poenitentium (Gretchen) ein berückendes ‚Neige, neige, du Ohnegleiche‘ sang und Sopranschmelz allererster Güte verströmte. Ebenfalls hervorragend Erin Wall an ihrer Seite als Magna Peccatrix sowie Marisol Montalvo mit ihrem kurzen Solo als Mater gloriosa (‚Komm! Hebe dich zu höhern Sphären!‘). Die beiden Altistinnen Mihoko Fujimura und speziell Gerhild Romberger waren ebenfalls eindrücklich; was ich von Michael Nagy und besonders Mikhail Petrenko nur mit Einschränkungen behaupten würde.

Und was ist mit dem ‚Blicket auf‘-Moment? Den Tenorpart übernahm Robert Dean Smith und gestaltete die teils mörderische Partie mit Anstand, aber nicht gerade als vokaler Himmelsstürmer. Dennoch war der Jubel für alle Beteiligten am Ende groß, es gab Blumen und Standing Ovations. Und viele glückliche Gesichter.

Wie das mit Christoph Eschenbach in Berlin weitergehen wird, muss man abwarten. Als Persönlichkeit auf dem Podium wirkte er – gerade bei dieser orgiastischen Musik – ziemlich unterkühlt, geradezu leidenschaftslos. Man muss nicht die Exzesse eines Leonard Bernstein erwarten, der mit Körperspannung und Mimik dem Publikum und den Ausführenden vermittelte, dass hier etwas Monumentales passiert. Aber irgendeine Form von erkennbarer (und hörbarer) Empathie wäre schon schön. Ebenso die Kraft und der Wille, ein echtes Mahler-Misterioso zu erzeugen. Denn wenn der Schlusschor vom Gleichnis und Unzulänglichkeit bereits im kraftvollen Mezzoforte beginnt, bleibt bis zum Ewig-Weiblichen, das den Zuhörer hinanziehen soll, wenig Steigerungsmöglichkeit. Und das wäre jetzt nur das offensichtlichste technische Detail.

DDR-Geschichte

Im Saal waren Mikrophone verteilt, man darf gespannt sein, ob‘s von dem Konzert eine Tonträgerausgabe geben wird. In einem Interview kündigte Eschenbach an, als Verneigung vor der besonderen DDR-Geschichte des Klangkörpers (als Berliner Sinfonie-Orchester unter Kurt Sanderling) einen Schostakowitsch-Zyklus aufführen zu wollen, ebenso verwies er auf die Geschichte des Schauspielhauses, wo einst 'Der Freischütz' uraufgeführt wurde und Gustav Gründgens als Protegé von Hermann Göring Intendant war. Eine solche Besinnung auf die individuelle Vergangenheit eines Hauses hat bei der Komischen Oper unter Barrie Kosky zu einer gelungenen Profilierung geführt und zu überzeugenden künstlerischen Angeboten. Drücken wir mal Konzerthausorchester und Christoph Eschenbach für etwas Vergleichbares die Daumen. Allerdings hoffe ich, dass sie für die nächste Zukunft die Finger von XXL-Mahler-Stücken lassen. Denn nur Spektakel ohne emotionalen Gehalt ist keine so gute Idee, finde ich. Egal wie kräftig die Kronleuchter die Konzerthaus dabei wackeln.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Mahler: Sinfonie Nr. 8 Es-Dur: Konzert zur Saisoneröffnung

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Staats- und Domchor Berlin (Chor), Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn (Chor), Christoph Eschenbach (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Michaela Kaune (Solist Gesang), Mihoko Fujimura (Solist Gesang), Gerhild Romberger (Solist Gesang), Michael Nagy (Solist Gesang), Michail Petrenko (Solist Gesang)

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