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Samstag, 7. Dezember 2019

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Vladimir Jurowski, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Copyright: Monika Karczmarczyk

Vladimir Jurowski, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, © Monika Karczmarczyk

Vladimir Jurowski dirigiert 'Frau ohne Schatten'

Schweigt doch, ihr Stimmen!

Im Reigen der spektakulären Saisoneröffnungen startete auch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (rsb) am Sonntag mit einem Kracher, im wahrsten Sinne des Wortes: 'Die Frau ohne Schatten' von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, konzertant in der Philharmonie mit einer schier endlosen Liste an Solisten als Hütern der Schwelle (dazu gleich mehr), Stimmen von oben, Falken, Wächtern, Einarmigen, Kinderchor usw. Und natürlich mit dem neuen künstlerischen Leiter am Pult, Vladimir Jurowski.

Man sollte an dieser Stelle kurz fragen, was der Zweck einer konzertanten Opernaufführung sein soll. Hier sind mehrere Antworten möglich. Es kann darum gehen, wie im Fall von 'Benvenuto Cellini' am Abend zuvor, ein vergessenes oder momentan als repertoireuntauglich angesehenes Werk mit einer Einzelaufführung neu zur Diskussion zu stellen. Es kann auch darum gehen, im Rahmen eines Konzertsaals andere musikalische Feinheiten auszuprobieren, als bei einer Bühnenaufführung möglich; hier wäre dann auch eine andere Art von Besetzung denkbar, die speziell im Zusammenhang mit einer möglichen Tonträgerausgabe spannend sein könnte (man denke an Margaret Price und ihre konzertante Norma oder ihre Isolde im Studio). Auf alle Fälle kann man im Konzert und vorm Mikrofon ganz anders mit Text experimentieren; was bei einem Hugo-von-Hofmannsthal-Libretto immer lohnend ist.

Liz Taylor als Teufelin

Diese Berliner 'Frau ohne Schatten' mit dem rsb fällt in keine der genannten Kategorien. Das Werk war kürzlich an der Staatsoper zu hören und dort ziemlich prominent besetzt. Jurowski bot mit Anne Schwanewilms als Kaiserin und Ricarda Merbeth als Färberin sowie Torsten Kerl als Kaiser und Thomas J. Mayer als Barak keine grundsätzlich andere Besetzung. Dazu kam Ildikó Komlósi als dramatisch ‚wabernde‘ Amme im Liz-Taylor-Look – was immerhin eine optisch bemerkenswerte neue Sicht auf die Rolle der intriganten Teufelin ermöglichte; mit einigen furios herausgeschleuderten Spitzentönen als i-Tüpfelchen.

Laut Interview will Jurowski mit dieser konzertanten Strauss-Oper an die Tradition seines Vorgängers anknüpfen, der mit einem Zyklus von Non-Nonsens-Wagner-Aufführungen und CDs international Aufmerksamkeit erregte. Wobei auch damals die Besetzungen eher gediegen zu nennen waren und die Konzerte nichts boten, was man nicht auch an den drei lokalen Opernhäusern erleben konnte. Allerdings wurden einem sämtliche Regietheaterspäßchen im Konzert erspart, was den eigentlichen Reiz ausmachte und vermutlich auch den enormen Zuspruch erklären mag.

Angst vor Kitschmomenten

Nun also Strauss/Hofmannsthal ohne Claus Guth, der das Stück zuletzt an der Staatsoper optisch herrichtete. Ist das schon genug? Braucht‘s da ein konzertantes Gegengewicht? Oder war diese XXL-Strauss-Oper als Antwort auf die Kollegen vom Konzerthausorchester gedacht, die am Wochenende mit Mahlers 8. ('Symphonie der Tausend') ihre Saison eröffnet hatten?

Für diesen Fall kann man sagen: Der Klang des rsb ist unter den völlig anderen akustischen Bedingungen der Philharmonie merklich brillanter, einschmeichelnder, bravouröser; also alles, was eine gute Strauss-Wiedergabe braucht. Die Einschränkung ist, dass mir den ganzen Abend nicht klar wurde, was Vladimir Jurowski mit dem Werk will. Da war kein erkennbares Schwelgen am Ende des ersten Akts, wo sich die Geigen beim Gesang der Wächter und kurz zuvor beim berückenden Streicherzwischenspiel zu mitreißendem Gleißen aufgeschwungen hätten, so als würden sich die Musiker fürchten, in Kitsch zu verfallen und deshalb zwei Espressivo-Gänge runterschalten. Auch atmete Jurowski nicht erkennbar mit seinen Solisten, um ihnen ihre großen Glanzmomente zu wirklichen Ereignissen werden zu lassen. Technisch war alles einwandfrei, aber Liebe, gar Leidenschaft verspürte ich von Seiten des Dirigenten nicht. Damit war das – für mich – der größtmögliche Kontrast zu Christian Thielemanns 'Frau ohne Schatten' vor vielen Jahren an der Deutschen Oper Berlin, damals mit der phänomenalen Deborah Voigt als Kaiserin.

Singen fürs Mikro

Da die Aufführung aufgezeichnet wurde für eine Radioübertragung am 7. September – und vermutlich eine CD geplant ist, wie beim Wagner-Zyklus – sangen etliche Solisten deutlich ‚fürs Mikrophon‘ und nicht für den Saal. Torsten Kerl gestaltete die Kaiser-Szenen mit konzentrierter und gedrosselter Kraft, die vermutlich im Radio überwältigender klingen wird als in der Philharmonie. Das gilt hoffentlich auch für Anne Schwanewilms, deren Kaiserin in Melancholie und Passivität versunken schien, mit einer bewusst auf ‚Kleines Mädchen‘ reduzierten Stimme, die in ihrer Unschuld zwar anfangs gut zur Rolle passte, der aber in den großen Aufschwüngen des dritten Akts der Glanz und die Strahlkraft der Spitzentöne fehlte. Und ein erotisches Girren, nach der Trunkenheit der ersten Nacht, war definitiv nicht zu spüren. Wie gesagt, vielleicht wirkt das übers Mikro anders.

Ricarda Merbeth hat sich inzwischen dem hochdramatischen Fach verschrieben, obwohl sie eine ganz großartige lyrische Stimme besitzt und vermutlich die ideale Kaiserin wäre. Aber sie will nicht; und sie kann die Färberin singen, ohne im Finale 2 (‚Strenge Richter‘) im Eifer des Gefechts die Höhen zu verlieren, wie so viele ältere Hochdramatische. (Ich erinnere mich an Aufführungen mit Berit Lindholm und Eva Marton, wo das teils gespenstische Züge annahm.) Eine vom Typ her ideale Färberin ist Merbeth aber nicht, was auch nicht durch eine sprachlich spannende Rollengestaltung kompensiert wird. Leider. Daneben Thomas Mayer als solider Barak, wie er im heldenbaritonalen Bilderbuch steht.

Queer Berlin

Auffallend war, dass Jurowski mit keinem seiner Solisten – nicht einmal mit der Sängerin des Falken (Nadezha Gulitskaya) – an einer textlichen Gestaltung gearbeitet zu haben scheint. Die Worte blieben nebensächlich bis unverständlich, bei allen. Dazu kam, dass keine Übertitel angeboten wurden, laut Programmheft aus ‚Urheberrechtsgründen‘. Es ist bedauerlich, dass das rsb nicht die paar Euro mehr ausgegeben hat, um bei solch einer Aufführung den Text mitlaufen zu lassen.

Eine Besonderheit des Abends gab‘s dann aber doch, neben der Elisabeth-Taylor-Amme: Und zwar den Hüter der Schwelle als Countertenor, gesungen von Andrey Nemzer in schwarzer Bomberjacke mit rotem Halstuch. Das hatte für einen kurzen Moment so etwas wie eine queere Berliner Note, die vom Berliner Publikum interessanter Weise mit besonderem Schlussapplaus gewürdigt wurde. (Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine 'Frau ohne Schatten' erlebt zu haben, wo der Hüter der Schwelle Ovationen und Bravorufe bekam.)

Apropos Applaus: Berlin wäre nicht Berlin, wenn es für die Solisten nicht auch ein paar Buhs gegeben hätte. Sehr vereinzelt, aber deutlich; sie galten wohl den drei Damen in den Hauptrollen. Die hatten aber auch ihre Fans vor Ort, die dann entsprechend reagierten mit tosendem Beifall und Geschenktüten. Die meisten Strauss-Fans schienen allerdings gar nicht erst gekommen zu sein, jedenfalls waren in der Philharmonie erschreckend viele Plätze leer. Vielleicht hören sie sich lieber gleich die Radioübertragung an, wo möglicherweise die Technik eine Klangregie herbeizaubert, die im Saal weitgehend ausblieb. Die Rauschwirkung, die am Abend zuvor John Eliot Gardiner bei seinem Musikfest-Berlin-Gastspiel auslöste, blieb bei diesem ebenfalls im Rahmen des Musikfest aufgeführten Strauss/Hofmannsthal jedenfalls aus. Demnächst geht es konzertant mit Dvořáks 'Rusalka' und dem DSO/Robin Ticciati weiter.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Strauss: Die Frau ohne Schatten: Konzertante Aufführung

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Vladimir Jurowski (Dirigent), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Orchester), Anne Schwanewilms (Solist Gesang), Ricarda Merbeth (Solist Gesang), Ildiko Komlosi (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

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