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Dienstag, 10. Dezember 2019

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Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur), Yusif Eyvazov (Maurizio), Copyright: Bettina Stöß

Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur), Yusif Eyvazov (Maurizio), © Bettina Stöß

Anna Netrebko kehrt auf die Opernbühne zurück

Vergiftete Veilchen

Kommt sie, kommt sie nicht? Das war bis zum letzten Moment die bange Frage. Denn Anna Netrebko hatte im August ihr Bayreuth-Debüt und zwei konzertante Aufführungen von Francesco Cileas 'Adriana Lecouvreur' in Salzburg wegen Erschöpfung abgesagt. Eben in dieser Oper war sie zur Saisoneröffnung der Deutschen Oper Berlin angekündigt, bei Sonderpreisen bis zu 240 Euro. Doch allen Unkenrufen zum Trotz, die momentane Primadonna Nummer 1 reiste zum Auftritt an, dem ersten in einer kompletten Oper nach der Ruhepause. Ein Coup für die Deutsche Oper, an der sie bisher nur einmal, 2007 in 'La Traviata', gesungen hatte, während ihre sonstigen Berliner Verpflichtungen bisher der Staatsoper, meist unter der Leitung von Daniel Barenboim, vorbehalten waren.

Adriana Lecouvreur gehört derzeit zu den bevorzugten Rollen der Russin. Kein Wunder, denn die Titelpartie in Cileas Melodrama aus dem Jahr 1902 bietet dankbare Aufgaben für Gesangstragödinnen ersten Ranges, wie es so prominente Vorgängerinnen wie Magda Olivero, Renata Tebaldi oder Renata Scotto waren, in jüngeren Zeiten auch Angela Gheorghiu, die 2010 neben Jonas Kaufmann in Berlin brillierte. Die Oper spinnt eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte um die französische Schauspiellegende des 18. Jahrhunderts, deren Affäre mit dem Grafen Moritz von Sachsen in der Oper tödlich endet: Ihre Rivalin, die Fürstin von Boullion, vergiftet sie mit einem präparierten Veilchenstrauß.

Mit Hingabe

Bei Anna Netrebko wird der Konzertsaal zur Bühne. Sie agiert nicht nur an der Rampe, sondern hinter, zwischen und neben dem Orchester, eine Darstellerin, die sich mit ihrer Rolle identifiziert und sie mit Hingabe ausfüllt. Gleichzeitig singt sie wunderbar passioniert, mit zahlreichen Zwischentönen und dynamischen Abstufungen bis hin zum zartesten Pianissimo, nur hin und wieder mit winzigen Intonationstrübungen. Ihr fülliges tiefes Register beeindruckt ebenso wie die makellosen Höhen. Sie scheut keine Effekte, hat Mut zum Pathos, ohne dass es überzogen wirkt.

Ja, es ist der Abend von Anna Netrebko, deren Klasse noch durch ihre exquisiten Roben unterstrichen wird. Doch es ist keiner, in dem die anderen Mitwirkenden zur reinen Staffage werden. Yusif Eyvazov, im wahren Leben Netrebkos Ehemann, singt einen fabelhaften Maurizio: unangestrengt, mit kraftvollen Topnoten und klug phrasierend. Olysia Petrova ist eine expressiv orgelnde Fürstin mit loderndem Mezzosopran. Inmitten der starken Emotionen bildet Alessandro Corbelli einen Ruhepol. Er formt aus dem Regisseur Michonnet, der Adriana vergeblich liebt, eine Mitleid erregende menschliche Figur, die zu Herzen geht. Der junge Patrick Guetti als Fürst lässt einen imposanten Bass hören, könnte aber noch etwas Feinschliff vertragen. Burkhard Ulrich als intriganter Abbé erweist sich einmal mehr als glänzender, bestechend artikulierender Charaktertenor. Michelangelo Mazza, bevorzugter Dirigent bei Galakonzerten von Netrebko und Eyvazov, kümmert sich vorwiegend um die Solisten, während man sich beim Orchester mehr Differenzierung gewünscht hätte. Am Ende gibt es Riesenbeifall, den Netebko kein bisschen divenhaft entgegennimmt: eine bescheidene Magd der Kunst eben, als die sich Adriana in ihrer ersten Arie 'Io son l‘umile ancella' vorstellt.

Kritik von Karin Coper

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Adriana Lecouvreur: Konzertante Aufführung

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Francesco Cilea

Mitwirkende: Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Anna Netrebko (Solist Gesang)

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