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Dienstag, 12. November 2019

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Szenenfoto Pique Dame 2019, Copyright: Oliver Vogel

Szenenfoto Pique Dame 2019, © Oliver Vogel

Opernfestspiele Heidenheim 2019

Tschaikowsky unter freiem Himmel

Seit 10 Jahren ist Marcus Bosch künstlerischer Leiter der Opernfestspiele Heidenheim. Was ihm seit 2009 gelang, bezeichnet er als Glück. Die Besucherzahl stieg um das Dreifache, hinzu kamen ein neuer Konzertsaal, neue Ensembles, neue Formate. Mit Glück hat das wenig zu tun. Marcus Bosch ist Künstlerpersönlichkeit mit Bodenhaftung, klassische Musikkultur und Publikum bringt er zusammen – in einer Verbindung aus Festivalglanz, thematischer Einführung und Konfrontation mit weniger Bekanntem, nicht immer bequem, aber gewinnend.

Ein überzeugendes Beispiel hierfür bot Marcus Bosch mit 'Pique Dame' von Peter Tschaikowsky unter freiem Himmel im Rittersaal auf Schloss Hellenstein, die erste Opernpremiere zu den diesjährigen Opernfestspielen Heidenheim. Das Motto-Logo der Festspiele 'OH!' in roter Schrift auf schwarzem Untergrund bringt auf den Punkt, was das Publikum bewegte. Roter Teppich, weiter Blick, festliches Ambiente, eine packende Inszenierung, danach mit roter Rose in den Händen ganz nah an den Künstlern. So wird Oper lebendig und manche offene Frage beantwortet.

Vielschichtiges Abbild der Gegenwartsgesellschaft

Leichte Kost ist 'Pique Dame' nicht, daher auf Open-Air-Bühnen höchstens in Ausschnitten zu hören. Die Musik ist überaus filigran, zwingt zur Diskretion. Die Handlung fokussiert den modernen Menschen, zerrissen zwischen Hingabe und Selbstsucht. Die gehetzten, nervösen Charakterzüge der einzelnen Protagonisten bieten ein vielschichtiges Abbild der haltlosen Wechselhaftigkeit des Alltags.

Regisseur Tobias Heyder wagte in seiner Interpretation einen gemäßigten Ausgleich zwischen Drama und Lustspiel. Lisa, die gräfliche Enkelin, dargestellt von einer etwas blassen Karina Flores, ist in einem Mädchenpensionat untergebracht. Auf einem Spaziergang erblickt sie Hermann, verliebt sich, setzt sich über alle Standesregeln hinweg und träumt von einer sich selbst genügenden Liebe zu ihm. Hermann, der Offizier, verkehrt in Kreisen, zu welchen er aufgrund seiner Abstammung nie dazugehören wird. Mit Hohn und Spott begegnen ihm die angeblichen Freunde. In Lisa verliebt er sich, doch weit stärker wirkt seine Gier nach unermesslichem Reichtum als Schlüssel zu Ansehen und Macht. Obsessiv betreibt er seine Suche nach dem Kartengeheimnis, verfängt sich in Neurosen, sieht sich von der toten Gräfin verfolgt, die ihn am Ende erschießt. George Oniani in der Rolle des Hermann durchleidet die Stadien zum Neurotiker mit stimmlichem Glanz. Roswitha Christina Müller als Gräfin ist Inbegriff der tragischen ‚Grande Dame‘ längst vergangener Zeiten mit grell geschminktem Gesicht und roter Hochfrisur.

Eine doppelte Wand, acht Türen, links das Bett der reichen Lisa, rechts der spärlich nüchterne Raum eines ärmlichen Offiziers (Bühnenbild: Britta Tönne), dazwischen viel Spielfläche und eine umfassende Tag- und Nachtgarderobe (Kostüme: Verena Polkowski) genügten, um 'Pique Dame' als menschliches Drama gegenwartsbezogen zu erzählen. Doch Heyder gab auch jener anderen Ebene Raum, die Tschaikowsky in seiner Pique Dame als ‚Schäferspiel‘ einbaute, ein lustiges, mozartgestimmtes Szenario, das spielvergnügt und heiter offenlegte, wie wichtig wahre Liebe, aber weit stärker der Drang nach Ansehen und Macht sind.

Musikalisch gewagt unter freiem Himmel

Das Festival-Sängerensemble begeisterte mit schönen Stimmen und schauspielerischem Talent, unter ihnen ließen León de la Guardia und Zoltán Nagy in der Rolle der Offiziere aufhorchen. Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn bot in den tableauartigen Auftritten wie in kleineren Szenen mit schauspielerischem Können Fülle und Glanz.

Diese Ausdrucksdichte auf der Bühne speiste sich aus dem intensiven Spiel im Orchestergraben. Marcus Bosch führte die Stuttgarter Philharmoniker zu einer differenzierten Interpretation, changierend zwischen nerviger Leidenschaft und sensitiver Lyrik. Zu Beginn des dritten Aktes wagte Bosch im Bewusstseins der Flüchtigkeit des Klangs unter freiem Himmel eine Dynamik am Rande des nicht mehr Hörbaren. Schonungslos lenkte er die Wahrnehmung auf Details, um sie zusammenzuführen und einen Spannungsbogen zu erzeugen, der in einem hochdramatischen Finale gipfelte. Ein großartiger Opernabend in milder Abendluft!

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Kritik von Christiane Franke

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Pique Dame: Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Ort: Albstadion,

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn (Chor), Marcus Bosch (Dirigent), Stuttgarter Philharmoniker (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernfestspiele Heidenheim

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