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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend, Copyright: Matthias Horn/Ruhrtriennale 2019

Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend, © Matthias Horn/Ruhrtriennale 2019

Zur Eröffnungsproduktion der Ruhrtriennale 2019

Nach den letzten Tagen

Kreisrund ist das mit einer repräsentativen Klais-Orgel ausgestattete Auditorium Maximum der Bochumer Ruhruniversität – wie ein griechisch-römisches Amphitheater. Eine neue Spielstätte der Ruhrtriennale, die sich so gar nicht in die Tradition der Industriedenkmäler einreihen will. Aber die Eröffnungsproduktion 2019 'Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend' von Christoph Marthaler und Stefanie Carp ist kein Ort für Brot und Spiele oder ein demokratisches Parlament. Die Arena bleibt leer. Die Hälfte der ansteigenden Sitzreihen ist Bühne, auf der dem gegenüber sitzenden Publikums der Spiegel vorgehalten wird.

12 SchauspielerInnen und SängerInnen haben sich in lebende Geister verwandelt – Parlamentarier, die als verspielt herumtollende, pfeifende Clowns ihre Masken abgelegt haben, sich als verstaubte, gähnend gelangweilte Staatsmänner und -frauen eines autoritären Königreichs Hohenzollern-Europa präsentieren und emotionslos ihre patriotischen, nationalistischen und rassistischen Wertvorstellungen vortragen.

Zynischer Abgesang

'Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend' ist eine düstere, apokalyptische Zukunftsvision, ein zynischer Abgesang auf intellektuelle, melancholische Selbstgefälligkeit und Ausgrenzung. Abgehängt vom wirtschaftlich dominanten Asien, ist Europa zu einer Art politischer Luxus-Enklave geworden. Man ist unter sich. Auf einer Gedenkfeier sollen Rassismus und Antisemitismus zum europäischen Weltkulturerbe erhoben werden.

Was folgt, ist eine von Stefanie Carp, Christoph Marthaler und Uli Fussenegger zusammengestellte, teils fiktive, teils dokumentarische Text-Musik-Collage aus ‚Erinnerungsschleifen‘. Dabei wechseln z. B. parlamentarische Redebeiträge aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit gegenwärtigen Erfahrungen und Ängsten vor kultureller Entfremdung und musikalischen Dokumenten. Es sind von Uli Fussenegger für ein Kammerensemble aus Streichtrio, Klavier, Akkordeon und Klarinette bearbeitete Werkausschnitte bzw. Fragmente jüdischer Komponisten wie Pavel Haas, Viktor Ullmann, Alexandre Tansman oder Erwin Schulhoff, Szymon Laks – Komponisten, die zeittypische E- und U-Musik schufen, emigrieren mussten oder vertrieben, deportiert und ermordet wurden.

Grotesk konterkarierend dazu die ‚Erinnerungsschleifen‘ der Protagonisten auf der Bühne. Man jodelt, singt Heimat verherrlichende Schlager, aber auch 'Cheek to Cheek' oder 'Stay' von Jackson Browne, schreit und zertrümmert die Europahymne und und und. Stockend und emotionslos werden die Texte vorgetragen, voller Inbrunst und Leidenschaft die Musik.

Schwarz-Weiß-Malerei

Der zweite Teil des Abends erklingt als Konzert. SchauspielerInnen und SängerInnen sind zu leblosen Publikumsgestalten erstarrt. Besonders beeindruckend ist Luigi Nonos kunstvolle, elektronisch avantgardistische Komposition 'Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz' aus dem Jahre 1965, die vom Band erklingt. Im Anschluss versucht man auf der oberen Bühne sich das Leben zu nehmen. Immer wieder und ohne Erfolg, während Choristen – wie zum Todesmarsch aufgereiht – Mendelssohns 'Elias'-Chor 'Wer bis an das Ende beharrt' anstimmen. Ein bedrückender Abschluss, der das Publikum erschöpft und wie gelähmt entlässt.

Marthaler und Carp polarisieren mit Erfolg. Fraglich bleibt jedoch, ob diese verwirrende Vielfalt an plakativer, klischeehafter Schwarz-Weiß-Malerei zu einer differenzierten Problemanalyse beiträgt.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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