> > > > > 03.03.2019
Montag, 22. Juli 2019

1 / 3 >

E. Alvarez, Copyright: Opéra Royal de Wallonie-Liège

E. Alvarez, © Opéra Royal de Wallonie-Liège

'Aida' an der Opéra Royal de Wallonie in Lüttich

Pharaonenzauber und Liebestragik im alten Ägypten

Verdis Oper 'Aida' wurde an der Opéra Royal de Wallonie am Faschingswochenende begeistert aufgenommen. Stefano Mazzonis di Pralafera, der Intendant der Oper, hat bewusst auf eine allzu kopflastige Regiekonzeption verzichtet und eher einen historisierenden Blick auf die berühmte Dreiecks-Liebesgeschichte um Aida, Amneris und Radamès geworfen. Wer sich darauf einlässt, erlebt beglückend schöne, musikalisch intensive Augenblicke auf höchstem Niveau.

Denn Mazzonis di Pralafera fühlt sich Verdi, dem Libretto und vor allem der Musik verpflichtet. In ihrer langjährigen Rezeptionsgeschichte erlebte diese Kultoper ja so manche Regieeinfälle, die nicht immer dem Gusto des Publikums entsprachen. Wie zum Beispiel die ‚Frankfurter‘ 'Aida' von Bilderstürmer Hans Neuenfels 1981. Seine Aida kam als Putzfrau daher. Die äthiopischen Sklaven waren Halbwilde, die Hühnchen zerrupften und mit den Knochen um sich warfen. Es gab lautstarke Proteste, es flogen Tomaten und Eier. Diese Kolonialkritik saß. Ein Regietheater-Klassiker eben, der jeden, der ihn miterlebte, umdenken ließ.

Cinemascope

 

Die Handlung der 'Aida' spielt in Theben und Memphis zur Zeit der Herrschaft der Pharaonen. Für das Cinemascope-Format der Ausstattung bannt der Bühnenbauer Jean-Guy Lecat die Welt des alten Ägypten auf die Bühne. Eine allgegenwärtige, übergroße Statue des Gottes Ptah oder der Isis beherrscht vom ersten leisen, surrend flirrenden Ton der Ouvertüre an das Geschehen. Königliche Vasen, verschiebbare Tempelsäulen oder eine golden schimmernde Tribüne machen keinen Hehl daraus, dass hier ein traditioneller, ja puristischer Blockbuster à la Hollywood gespielt wird. Fernand Ruiz entwarf die faszinierenden, die Zeit widerspiegelnden Kostüme. Die raffiniert ausgeklügelte Lichtgestaltung übernahm Franco Marri. Nur das Ballett der Breakdance simulierenden Sklaven im zweiten Akt wirkt ein wenig verloren (Choreographie: Michèle Anne De Mey).

 

Die amerikanisch-kubanische Sopranistin Elaine Alvarez gibt die herzerweichende, leidende äthiopische Königstochter Aida, die zwischen Vaterlandsliebe und der Liebe zum Feind Radamès hin und her gerissen ist. Da Aida zudem Dienerin von Amneris sein muss, welche Radamès ebenfalls liebt und begehrt, ist fatal. Es ist eine unmögliche Liebe, ein stilles Leiden am Schicksal, das Verdi mit gewaltigen Gefühlsausbrüchen von seiner Aida verlangt. Stimmlich überzeugt Alvarez, auch in der Höhe. 

Marcello Giordanis überzeugt mit einem heldisch wagemutigen Radamès mit ausladender tenoraler Strahlkraft. Seine Eingangsarie 'Celeste Aida' hätte geschmeidiger, sanfter ausfallen können. Dass Verdi seine Oper ursprünglich 'Amneris' nennen wollte, ist verständlich beim Auftritt von Nino Surguladze als giftige, von Eifersucht gesteuerte Pharaotochter. Surguladze singt mit erdig-kupfernem Mezzo, gestaltet Amneris als Königin der Nächte, die alles, wirklich alles tut, um ihre Leidenschaft zu Radamès leben zu können. Als dies fehlschlägt, weil er sich für Aida entscheidet, nimmt man ihr die leidend rachsüchtige Rivalin zweifellos ab.

Balsamisches Timbre

Surguladze hat eine großartige Stimme, die man sich merken muss. Ebenso überzeugt der Amonasro, gesungen von Lionel Lhote. Er gibt mit balsamischem Timbre und wohliger Grandezza den Vater Aidas, der seine Tochter zum Landesverrat anstiftet. Sein emotionaler Ausbruch im dritten Akt ist einer der Höhepunkte des Abends. Gut besetzt sind der Pharao Ramses mit Luciano Montanaro und der Oberpriester Ramfis mit dem herrschaftlich düster tönenden Luca Dall‘Amico. Maxime Melinik gibt einen jugendlich frischen Boten. Bestens vorbereitet sind die Chöre der Opéra Royal de Wallonie-Liège unter der Leitung von Pierre Iodice.

Die famos ausbalancierten, monumental angelegten Massenszenen mit sechs schallenden Trompeten im Triumphmarsch, für den die Aida hauptsächlich im kollektiven Gedächtnis verankert ist, sind nicht alles, was die Dirigentin Speranza Scappucci aus dem Graben heraus zu zaubern vermag. Sie weiß um die intimen Momente, die kammermusikalische Struktur des Werkes. Zum einen gestaltet Scappucci mit den exquisit spielenden Musikern des Orchester Opéra Royal de Wallonie-Liège eine Grand Opéra mit Tanzeinlagen, zum anderen berühren die Soli der Harfe, Bassklarinette oder die schluchzend einsame Oboe. Hier werden die Instrumente, so hat es Verdi komponiert, musikalische Seelenpartner für die Liebenden, Eifersüchtigen oder Schmerzgeplagten. Das ist ganz große Kunst.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Barbara Röder

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Aida: Giuseppe Verdi

Ort: Opéra Royal de Wallonie-Liège,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Marcello Giordani (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Peter Tschaikowsky: String Quartet No.2 op.22 in F major - Adagio - Moderato assai

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich