> > > > > 19.01.2019
Sonntag, 21. April 2019

Andris Nelsons in der Elbphilharmonie, Copyright: Peter Hundert

Andris Nelsons in der Elbphilharmonie, © Peter Hundert

Hélène Grimaud und Andris Nelsons in Hamburg

Subtiler Schumann

Konzerte mit Hélène Grimaud sind zumeist ein Abenteuer, weil die Pianistin stets den Notentext und Interpretationstraditionen in Frage stellt. Das kann durchaus auch mal schiefgehen, aber auch zu faszinierenden neuen Einsichten führen, wie bei ihrem Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie. Robert Schumanns Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 54 hat sie schon vor 25 Jahren (!) mit Daniel Barenboim auf Tonträger eingespielt. Gemeinsam mit Andris Nelsons und dem Gewandhausorchester Leipzig stellt sie nun eine völlig andere Sichtweise vor. Von der technischen Seite überaus riskant angelegt, überzeugt ihre Interpretation vor allem durch fulminante Musikalität und eindrucksvolle Stilsicherheit, durch die eine nahezu vollkomme Ausbalancierung und klangliche Transparenz erreicht wird. Bemerkenswert die Durchsichtigkeit der Diktion, wobei bei der nur behutsam modifizierten Motorik kein einziger Gegenakzent geopfert und jede lyrische Linie zu voller Blüte gebracht wird. Faszinierend die Gestaltung des inneren Drives dieser Musik. Bei den Anfangsakkorden des ersten Satzes zeigt sich dies schon: Hélène Grimaud erzeugt ein wunderbares, dissonantes Schweben des Anfangs. Ein warm durchpulstes Fließen, der Klavierton singend, aber gleichzeitig auch sehr tragend. Aufmerksam wird noch der kleinsten motivischen Gestalt nachgespürt. Gleiches gilt auch für die weiteren Sätze.

Fazit: Ein klischeefreier, höchst individuell gestalteter Schumann. Puritanische Musikhörer werden wahrscheinlich gegen die Anwendung mancher Rubati, Phrasierungen usw. Einwände haben, aber Hélène Grimaud führte einen Schumann vor, der in die Zukunft weist. Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig musizierten auf höchstem Niveau, verstanden, dass Klavier und Orchester gleichwertig zu behandeln sind, ergänzten kongenial Grimauds überaus moderne Sichtweise und drangen liebevoll in die Herzkammer dieser sehr persönlichen Komposition Robert Schumanns ein, die auch dokumentiert, in welcher glücklichen Verfassung er und Clara Schumann sich nach ihrer Eheschließung zur Zeit der Komposition befanden.

Bis an die Grenzen

Die Sinfonie lag Robert Schumann besonders am Herzen. In seiner Zeitschrift für Musik beklagte er deren Niedergang und verstand seine Beiträge zu dieser Gattung durchaus als kategorischen Imperativ. Auch die dritte Sinfonie in Es-Dur op. 97 ('Rheinische') stammt aus einer positiven Phase im Leben des Komponisten. Andris Nelsons Herangehensweise ist schlüssig, da geht keine Note der Partitur verloren. Die messerscharfe Artikulation, verbunden mit den klanglichen Möglichkeiten des Gewandhausorchesters, kommt Schumanns dezidierten Klangvorstellungen sehr nahe und sorgt für eine selten zu hörende Durchsichtigkeit. Im Kopfsatz und im Finale treibt Nelsons seine Musiker an die Grenzen dessen, was klanglich noch möglich ist. Großes Kompliment in diesem Zusammenhang an die Blech- und Holzbläser. Indem Nelsons den harmonischen Fluss und das Auskosten der melodisch-rhythmischen Bewegung mit den vielen Synkopen ins Visier nimmt, legt er nicht nur die vielfältigen polyphonen Strukturen offen, sondern bläst auch Staub aus der Partitur.

Die Interpretation der Schumannschen Kompositionen durch die Leipziger dürfte zum Aufregendsten gehören, was derzeit zu Schumann mitzuteilen ist. Wer das Brisante, das ‚Unerhörte‘ an Schumann liebt und sucht, hier ist es zu finden. Das gilt natürlich auch für die dritte Konzertouvertüre 'Meeresstille und glückliche Fahrt', die Felix Mendelssohn Bartholdy, inspiriert von den gleichnamigen Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe, komponierte. Man muss sich der Sache schon so sicher sein, wie Andris Nelsons und sein Orchester, um aus einem poetischen und zugleich innerlichen Verständnis heraus den Notentext so stringent, stellenweise am Rande des Hörbaren, zum Erklingen zu bringen. Das Publikum in der schon seit Wochen ausverkauften Elbphilharmonie reagierte zurecht begeistert.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Portrait Andris Nelsons: Gewandhausorchester Leipzig

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy

Mitwirkende: Andris Nelsons (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester), Hélène Grimaud (Solist Instr.)

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