> > > > > 20.07.2006
Donnerstag, 9. Dezember 2021

Verdis 'Don Carlo' - ein Fest auf Gut Immling

Das Kreuz mit dem Kreuz

Die Bühne in der Reithalle auf Gut Immling umschließt das Orchester. Den Hintergrund bildet eine Mauer, die sich nur um einen Spalt öffnet, um Menschen verschwinden zu lassen, oder den Blick frei zu geben auf Traum- und Schreckensvisionen hinter milchigen Glaswänden.
Zu beiden Seiten der Bühne führen steile Treppenpodeste hinab in die Tiefe einer Gruft. Hier spielt sich die gesamte Oper ab. Bedrohlich hängt die Konstruktion eines Kreuzes aus Metal, die mitunter wie ein militärisches Fluggerät wirkt, über der Szene.

Kreuzverkehrte Welt

Verena von Kersenbrocks Inszenierung, in Gilles Gubelmanns Ausstattung, im Licht von Arndt Sellentin, lässt Verdis großes Drama um Freiheit, Freundschaft, Verrat, Staatsräson und religiösen Fanatismus, bei dem die Liebe und die Menschen im Machtkampf zwischen Staat und Glaubensterror aufs Kreuz gelegt werden, unter diesem antiken Folterinstrument in einem gegenwärtigen, autoritären System spielen. Und nicht nur unterm Kreuz vollzieht sich das epische Geschichts- und Seelendrama aus der Epoche spanischer Macht, die eine ganze Welt umspannte. Die teuflischen Spiele in Gottes Namen vollziehen sich auf dem Kreuz, auf dem man auch sitzen, liegen, lieben, singen, tanzen und sogar strippen kann. Auch als Ablage für Naschwerk und Sekt dient das Opernkreuz und ist schon gar nicht mehr als solches erkennbar.
Aber wehe, die ewig Rechtgläubigen haben das Kreuz in der Hand, dann wird die Sache hieb- und stichfest und  kreuzgefährlich, für alle, gegen die das Kreuz im Namen des Gekreuzigten erhoben wird. Kreuzverkehrt ist diese Welt und  gänzlich eine Gruft, ein Refugium für Leichname und solche, die es werden sollen oder schon sind.

Kein Historiendrama

Schon Verdis Vorlage, Schillers glühende Dichtung für Toleranz und Gedankenfreiheit, sollte kein Historiendrama, sondern ein zeitbezogenes Stück sein. Die Oper ist weit entfernt von der Musikalisierung vergangener Ereignisse zum Zwecke andachtsvoller Betrachtung.
Für die unentwegte Opferung des Individuums und der persönlichen Freiheit auf den Scheiterhaufen der Weltmächte schuf Verdi eine Partitur, die von gewaltigen Spannungen erfüllt ist. Dem Orchester kommt weit mehr, als begleitende Funktion zu. Es spricht seine eigene Sprache, etwa zum düsteren Beginn am Grab Karls V. Die dunkle Grundierung wird anhalten. Bedrohlich pochen finstere Klangfiguren wenn der Großinquisitor angekündigt wird um von König Philipp II. die Opferung seines Sohnes, Don Carlos, zu fordern. Zu den tiefen Streichern fügt Verdi Töne der Fagotte und Posaunen.


Die Musik ist es aber auch, die im ideellen Sinne über den Wahn der Menschheitsschlächter siegt. Kantilenen,  Gefühlsgesänge und Seelenmusiken gehören den Verliererinnen und Verlieren der düsteren Geschichte. Duette, in denen Stimmen zusammenfinden, haben Carlos und Posa, Elisabeth und Carlos, einer der größten und berührendsten Einsamkeitsmonologe der Opernliteratur ist König Philipp vorbehalten, dessen Gesang sonst fordert, bestimmt, warnt oder gebietet.
Und selbst in der Szene des gewaltigen Autodafé, der öffentlichen Ketzerverbrennung, lässt Verdi über aufgebrachtem Wahn der fügbaren Menge und dem schauerlichen Unisonochor stumpf singender Mönche, in lyrischer Schönheit eine junge, klare Stimme aufsteigen. Gar nicht jenseitig lässt Laura Belli ihren himmlischen Sopran wie ein Fanal der Hoffnung erklingen.


Ereignis und Klang, Gesang und Stimmung 

Überhaupt, die Klänge sind es, die diesen Abend so groß machen, die das Publikum immer wieder nach Szenen und Arien, aber vor allem zum Schluss, euphorisch jubeln lassen.
Am Pult des Orchesters, dem kräftig, pointiert und auch wieder sehr sanglich und fühlend aufspielenden Philharmonischen Staatsorchesters Baku, aus Aserbaidschan, steht Ivan Anguélov. Umsichtig fügt er und fordert auch. Der Klang trägt die Sänger, er weiß, wann das Orchester „spricht“ und wann Zurückhaltung geboten ist. Die musikalische Spannung lässt nicht nach, im Gegenteil, auch bei tropischen Temperaturen bauen sich gerade im zweiten Teil, beginnend mit Philipps Monolog bis zur entsagenden Arie Elisabeths und der hier gewählten tödlichen Schlussszene, ohne Hilfe aus dem Jenseits, noch einmal Stringenz und Intensität durch die Musik auf, die immer wieder für gebannte Atemlosigkeit sorgen.

Zum internationalen und jungen Ensemble, allesamt mit Rollendebüts, kommt der Festivalchor Gut Immling mit einer wahrhaft grandiosen Leistung. Machtvolle, flehende, verstörte oder euphorisierte Passagen bleiben in bester Erinnerung.


Und die Solisten! Weich und rund der junge Bass von Simon (Nam Soo) Kim, als Philipp. Im scharfen Kontrast Kristof Klorek, unerbittlich und markig, als Großinquisitor. Mario Zhang singt den Carlos mit dunkel timbrierter Stimme, Gefühl und Ausdrucksreserven. Minimale Irritationen dürften der Premierennervosität geschuldet sein. Das gilt auch für Davida Gedvilaité in der Partie der Ebolie. Im freien und unangestrengten Gang leichter, auf dem Atemfluss entwickelter Linien, ist es eine Freude, eine so junge und helle Mezzostimme in dieser Partie zu hören. Exponierte und expressive Passagen werden mit Kraft, nicht immer mit Bravour, bewältigt. Bravour und scheinbare Mühelosigkeit zeichnen den Bariton Abdumalik A. Abdukayumov aus. Er gestaltet einen facettenreichen Posa, sein Ton kann schwärmerisch, hymnisch, energisch oder von Trauer und Melancholie verschattet sein.


Über eine reiche Skala stimmlicher Nuancen für die Charakterisierung ihrer Stimmungen und Situationen verfügt Hèléne Bernardy als Elisabeth. Sie kann ihren Sopran, dem bei lyrischer Grundierung, dramatische Bereiche durchaus nicht verschlossen sind, ins expressive forte führen und in entsagendem piano verklingen lassen. Karl V., der hier nicht als Mönch erscheint, sondern als Vision, Traum, Begleitung und Bedrohung, als exotische, rot gewandete Königsfigur durch Szenen und Zeiten geht, gibt John Sweeney tiefe Stimme und hohe Erscheinung.


Felicitas Fuchs singt den Pagen Tebaldo und Rafael Caveros kurzer Auftritt als Graf von Lerma macht Lust darauf, den Sänger bald wieder zu hören.
Mit dem eindringlichen Bittgesang der Deputierten aus Flandern, mit dem Engagement der Darstellerinnen und Darstellern in den opulenten Szenen als Ketzer und Mönche, rundet sich ein Opernabend, der sicherlich manch gewohnte Sicht auf das Werk durchkreuzt aber auch immer wieder, was die Regie angeht, in bebilderungswütiger Deutungsbeflissenheit dessen, was die Musik ohnehin vermittelt, etlichen Opernstaub aufwirbelt.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Gut Immling, 10. Opernfestival Chiemgau: Verdi, Don Carlos

Ort: Gut Immling,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Ivan Anguélov (Dirigent), Nam Soo Kim (Solist Gesang), Hélène Bernardy (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernfestival Gut Immling Chiemgau

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