> > > > > 07.12.2016
Samstag, 15. Dezember 2018

'Don Carlos' in Zürich

Gelungener Repertoireabend

Nicht weniger als drei verschiedene Neuproduktionen von Verdis 'Don Carlos' hat Intendant Alexander Pereira während seiner Zeit am Opernhaus Zürich herausgebracht. Sein Nachfolger Andreas Homoki setzte bekanntlich von Beginn an auf eine Kurskorrektur in Richtung zeitgeistige Ästhetik, ohne dabei prestigeträchtigen Besetzungen oberste Priorität einzuräumen. So verwundert es beinahe, dass gerade Sven-Eric Bechtolfs biederer 'Don Carlos' aus dem Jahr 2012 im Repertoire behalten wurde: Rolf Glittenbergs Bühnenbild beschränkt sich im Fontainebleau-Akt auf einen Nachthimmel hinter einer ansonsten leeren Bühne. Das Kloster von St. Just sowie den Madrider Hof belässt Glittenberg im historischen Ambiente; lediglich die Autodafe-Szene wird mit ineinander verkeilten Kreuzen abstrakt dargestellt. Bechtolfs Personenführung fokussiert die emotionale Starre des höfischen Lebens, die die Protagonisten kaum durchbrechen können, um ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Doch ist es wahrscheinlich die Praktikabilität der Inszenierung, die Homoki veranlasste, sie im Repertoire zu behalten, um ohne viel Aufwand auch einmal eine Starriege präsentieren zu können.

Hauptanziehungspunkt der Aufführungsserie war nun Peter Mattei in der Partie des Posa. Der finnische Bariton ist im heutigen, ganz auf Spezialisierung bedachten Opernbetrieb eine veritable Ausnahmeerscheinung. Fachgrenzen scheinen für den skandinavischen Bariton nicht zu existieren. Sein Repertoire umfasst Don Giovanni genauso wie Amfortas, Eugen Onegin und Brittens Billy Budd. Als Rodrigo brilliert er mit einem scheinbar unendlich langen Atem und einer schattierungsreichen Phrasierung. Lediglich bei 'Per me è giunto il dì sopremo' würde man sich ein weicheres Piano wünschen. René Pape assoziiert man mittlerweile fast ausschließlich mit den großen Partien Richard Wagners; davon abgesehen bildet Giuseppe Verdis Filippo II. eine Konstante in seinem Auftrittskalender. Sein Bass hat dadurch im Lauf der Jahrzehnte etwas an Geschmeidgkeit eingebüßt, es mischen sich immer wieder raue Töne in die Gesangslinie, die der Künstler noch immer auf Legato und Differenzierung bedacht zu gestalten vermag.

Deutlich weniger Hörgenuss bietet Ramon Vargas in der Titelrolle: Seine aus dem Lyrischen kommende, in der Höhe immer eng geführte Tenorstimme hatte in den letzten zehn Jahren einen Wechsel hin zu Partien wie Don Carlos, Gustavo, Hoffmann oder Rodolpho zu verkraften. Dem aktuellen Zustand seines vokalen Materials nach zu schließen hat er dieses kontinuierlich überfordert: Das obere Register klingt stetig angestrengt. Zu Beginn des Abends musste man nicht nur einen Moment lang um die Töne des oberen Registers bangen. Zu den positiven Aspekten seiner Interpretation zählt wie immer der emotionale Ausdrucksgehalt.

Wie schon bei der Premiere konnte man auch in diesem Abend Anja Harteros als Elisabetta erleben. Der damals uneingeschränkt positive Gesamteindruck hat sich nun etwas abgeschwächt, da ihr in vielen Momenten noch immer leuchtende Sopran eine Tendenz zu flackernden Tönen entwickelt hat. Besonders bei ihrer großen Arie 'Tu che la vanità conocesti del mondo' offenbart sich auch, dass die Flexibilität des oberen Registers deutlich abgenommen hat. Marina Prudenskaya ist für die Eboli dank ihres klangschönen und ohne Registerbrüche geführten Mezzos eine Idealbesetzung. Rafal Siwek komplettiert die Besetzung als stimmgewaltiger und dennoch kultiviert singender Großinquisitor auf hohem Niveau.

Fabio Luisi am Dirigentenpult enttäuschte allerdings: Seine spannungsarme Leseart der Partitur schwankte zwischen zerdehnten Tempi und beinahe verhetzten Passagen in dramatischen Bereichen, die auch wenig Sensibilität in puncto Lautstärke erkennen ließen. Verdis Partitur wurde er so kaum gerecht.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Don Carlos: Oper von Giuseppe Verdi

Ort: Opernhaus,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Sven-Eric Bechtolf (Inszenierung), Ramón Vargas (Solist Gesang), Peter Mattei (Solist Gesang), René Pape (Solist Gesang), Anja Harteros (Solist Gesang), Marina Prudenskaja (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte) Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Kaiserin Josephine - Ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich