> > > > > 12.08.2016
Montag, 6. Dezember 2021

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Christoph Willibald Gluck, René Jacobs, Johan Simons: Alceste, Ru, Copyright: JU/Ruhrtriennale

Christoph Willibald Gluck, René Jacobs, Johan Simons: Alceste, Ru, © JU/Ruhrtriennale

Glucks 'Alceste' bei der Ruhrtriennale

Freiheit und Tod

"Seid umschlungen" und "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", die Grundwerte der Aufklärung und französischen Revolution, sind die Schlagworte, die der Theatermacher Johan Simons vor einem Jahr an den Beginn seiner dreijährigen Ruhrtriennale-Intendanz stellte. Mit wieviel Humor und Tiefe, Feingefühl und Geschlossenheit er seine politisch-künstlerischen Intentionen auch 2016 - einer Zeit, die von gesellschaftlicher Verunsicherung und kultureller Spannung, von Krieg, Flucht, Terroranschlägen, Brexit und populistischen Haltungen geprägt ist - angeht, zeigt die Eröffnungsinszenierung der tragischen Oper 'Alceste' von Christoph Willibald Gluck unter der Leitung des Barockspezialisten René Jacobs und Johan Simons selbst.

Uraufgeführt im Wiener Burgtheater im Jahre 1767 in italienischer Sprache, zeigt diese selten zu sehende Erstfassung der Oper die widersprüchlichen Gefühle einer Frau, sich in freier Entscheidung den Göttern der Unterwelt im Tausch für ihren Geliebten zu opfern. Simons führt, nahtlos zwischen Kunst und Wirklichkeit changierend, das ganze Spektrum tragischer Gefühle vor Augen – neben den eigenen Widersprüchen auch das emotionale Unvermögen der Angehörigen und des Geliebten, die Entscheidung zu akzeptieren. Admeto, ihr Mann, droht zu zerbrechen, Ismene will sie umstimmen, aufhalten. Kinder suchen immer wieder die Nähe ihrer Mutter und werden abgewiesen. Simons weiß, den Menschen ohne Rang und Namen die existentielle Besonderheit dieser Situation offenzulegen, spürt in feinsinniger, differenzierter Personenregie der Entrücktheit Alcestes nach und dem Unvermögen ihrer Umgebung, sie zu verstehen.

Passend dazu wählt Leo de Nijs eine Bühnenarchitektur, die Raum für choreographisch ausgefeilte Bewegungen lässt und die Verlorenheit ausstrahlenden, raumgreifenden Dimensionen der Jahrhunderthalle in den Vordergrund rückt. Spielfläche ist ein langer, schwarz glänzender Streifen, in dem sich das kathedralartige Fenster der ehemaligen Fabrikhalle spiegelt. L-förmig angeordnet, an einer Längs- und Querseite der Jahrhunderthalle, befinden sich die steil ansteigenden Zuschauertribünen. Ein offener Durchgang an der Querseite stellt die Verbindung zur Unterwelt dar, wo große Trommeln, Chor der Höllengeister und Götterstimmen angesiedelt sind. Bis auf eine halbrunde Orchestertribüne, dem Dirigentenpult und immer wieder neu arrangierten Plastikstühlen ist die "Bühne" leer. Alles ist offen, von allen Seiten einsehbar, "ein beunruhigender, unkomfortabler Raum, so vielschichtig und launig wie die Figuren, die in ihm hausen", wird Simons im lesenswerten Programmheft zitiert.

Komische Elemente ergänzen Rituale, Trauer und Tod. Zu den rhythmisch akzentuierten, leicht beschwingten Klängen der Ouvertüre hüpft und tänzelt ein Herold in gelb-sandfarbenem, wallendem langen Kleid durch den Raum, grüßt und begutachtet das Publikum, verkündet sodann den vorstehenden Tod Admetos. Humorvolle Historisierung auch bei der Wahl der Kostüme. Spielerisch das barocke Geschlechterspiel aufgreifend, lässt Greta Goiris die Chormänner in langen, fließenden Kleidern schweben, die Chorfrauen tragen auch mal Anzug und Krawatte. Ohren, Haare oder Hals schmückt ein rituell bzw. folkloristisch anmutendes Blumengesteck. In tänzerischen, rituell anmutenden, kreisenden Bewegungen feiern sie mit den weißen Plastikstühlen in der dritten Szene des zweiten Aktes die "unerwartete Genesung" Admetos. Das sechs Szenen andauernde, unermessliche Leid der Liebenden rührt die Götter. Apollo selbst steigt schließlich aus den Wolken, um dem Leid ein Ende zu setzen und Rettung zu verkünden. So will es Gluck in der Fassung von 1767. Bei Johan Simons bleibt diese Konfliktlösung der antiken Tragödie aus. Der Tod ist unwiderruflich. Zu den abschließenden Instrumentalklängen wirft Sohn Eumelo empört den Stuhl weg, während Tochter Aspasia hüpfend ihrer Wege geht.

Mit "Lebhaftigkeit der Farben" und "ausgewogenem Kontrast von Licht und Schatten" diene die Musik dazu "die Figuren zu beleben, ohne ihre Umrisse zu verändern", schreibt Gluck im Vorwort der Oper. Barockspezialist René Jacobs und das B’Rock Orchestra beginnen in einem mäßig schnellen Grundtempo, setzen Akzente je nach szenischer Dramatik, verstehen es, Spannung und Ausdruck der Leidenschaften mit allen Mitteln instrumentaler Gestaltungskunst lebendig werden zu lassen.

Vielfalt statt Monotonie gilt auch für die hervorragenden Chorsolisten von MusicAeterna. Sie singen nicht nur homogen und transparent. In ritualisierten, zeitlupenartig ausgeführten Bewegungen kreisen sie oder schreiten still, gleiten und schweben leicht und robben auch mal am Boden oder sitzen in gelangweilten Posen auf den Stühlen.

Ebenso souverän spielen und singen die Gesangssolisten. Allen voran Brigitte Christensen als Alceste. Mit langsamen Tempi, zarten und doch glutvoll strahlenden Koloraturansätzen versteht sie es meisterhaft, dem zögerlichen Glück, zu gehen und zu sterben, Ausdruck zu verleihen. Georg Nigl ist ein eindrucksvoll und sprechend gestaltender Herold, Oberpriester des Apollo, Gott der Unterwelt und Apollo selbst. Als Oberpriester sucht er in der Tempelszene in einer Mülltüte nach einem Opfertier, fächelt sich mit den Flügeln des toten Vogels Luft zu und verpasst ihn anschließend Alceste als Kopfschmuck. Klangvoll weiß Kristina Hammarström als Ismene Alceste zur Umkehr zu bewegen. Tenor Anicio Zorzi Giustiniani stellt Evandro dar. Schluchzen, Empörung, Wut und Leid – Thomas Walker entfaltet als Admeto nicht nur edlen Gesang, sondern gestaltet mit allen möglichen Ausdruckregistern der Sprache.

Diese Musiktheaterinszenierung ist ein Erlebnis und auch eine Auseinandersetzung mit Fragen unserer Zeit. Man sollte sie nicht verpassen.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Alceste: Tragedia per musica von Chr. W. Gluck

Ort: Jahrhunderthalle,

Werke von: Christoph Willibald Gluck

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Johan Simons (Inszenierung), Brigitte Christensen (Solist Gesang), Thomas Walker (Solist Gesang), Kristina Hammarström (Solist Gesang)

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