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Montag, 25. März 2019

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John Osborn (Otello), Copyright: Werner Kmetitsch

John Osborn (Otello), © Werner Kmetitsch

Rossinis 'Otello' in Wien

Otello, der muslimische Geschäftsmann

Gioacchino Rossinis 1816 für Neapel entstandener 'Otello' war durchaus erfolgreich bis er von Giuseppe Verdis 1887 uraufgeführtem Werk regelrecht von den Bühnen gefegt wurde. Doch auch auch ohne Giuseppe Verdis 'Otello' hätte sich Rossinis Opernversion des Stoffs kaum auf Dauer behaupten können. Dies liegt zu einem an Francesco Berios in Venedig und nicht auf Zypern spielender Handlung. Das Libretto orientiert sich primär an dem damals erst drei Jahre alten Bühnenstück des Aristokraten Baron Carlo Cosenza, in dem die Figur des Jago in den Hintergrund gerückt wird, da die offene Feindschaft zwischen dem bereits heimlich verheirateten Mohren und Rodrigo, dessen Liebe zu Desdemona nicht erwidert wird, den Kern der Handlung bildet. Das alles entscheidende Taschentuch wird hier durch einen Brief ersetzt, das der eigentliche Empfänger Otello an einen Rivalen gerichtet glaubt. Mit Desdemonas Vater, hier Elmiro genannt, besteht bei Rossini allerdings eine Parallele zu Shakespeare, die bei Verdi fehlt.

Und nicht zuletzt gibt es einen besetzungstechnischen Grund, der die Intendanten einen weiten Bogen um das Werk machen lässt: Rossini hatte bei der Uraufführung überwiegend Tenöre zur Verfügung und so schrieb er die Hauptrollen mit Ausnahme des Elmiro eben für diese Stimmlage. Was nun diese besetzungstechnische Herausforderung betrifft, so hat man sie im Theater an der Wien exzellent gelöst. John Osborn ist in der Titelrolle die optimale Lösung schlechthin, und das nicht nur wegen seiner unfehlbaren Acuti. Die dunkel gewordene Mittellage gibt der Rolle ein markant männliches Profil und bildet einen klanglich klar abgegrenzten Gegenpol zu Maxim Mironovs hellem Rodrigo, bei dem man sich passagenweise eine legatoreichere Phrasierung gewünscht hätte. Vladimir Dmitruk ist eine passable Besetzungsvariante für den Jago, ohne sich wirklich profilieren zu können. Der stimmliche Schwachpunkt des Abends lag, wo man ihn eigentlich nicht vermutet hätte: Die von den Medien oft schon zum neuen Sopranstar erklärte Nino Machaidze wirkte die ganze Vorstellung über spröde und in der oberen Lage enervierend schrill, wobei das eintönige Dauerforte den negativen Gesamteindruck noch verstärkte. Ein stilistisch adäquates Phrasierungsvermögen kann man der Künstlerin jedoch nicht absprechen. Gaia Petrone (Emilia) sowie Fulvio Bettini (Elmiro) ergänzten des Ensemble auf passablen Niveau. Antonella Manacorda sorgte am Pult der klobig spielenden Wiener Symphoniker für einen reibungslosen Ablauf der Partitur. Von einem doch weitgehend auf das deutsche Konzertrepertoire festgelegten Symphonieorchester wäre ein anderes Ergebnis auch nicht zu erwarten gewesen.

Damiano Michieletto gilt mittlerweile als Garant für Inszenierungen, die recht häufig recht wenig mit dem Libretto zu tun haben. Wenige Tage vor der Premiere erläuterte der 1975 geborene Italiener in einem Interview, dass er das Libretto für schwach und Rossinis Musik für wenig inspiriert hält. Ob Michielettos szenische Interpretation des Werks diesem einen Gefallen tut, sei dahingestellt: Schon bei der Ouvertüre zeigt sich, dass dieser 'Otello' in der Gegenwart spielt (Bühne: Paolo Fantin) und den Titelhelden zu einem muslimischen Geschäftsmann macht, der von der westlichen Welt zwar umworben, aber nicht wirklich akzeptiert wird, was spätestens dann nicht mehr zu leugnen ist, wenn er Desdemona in aller Öffentlichkeit ein Kopftuch zum Geschenk macht. Doch damit nicht genug. Als die geplanten Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Desdemona und Rodrigo durch Otellos Erscheinen zunichte gemacht werden, beginnt sich die feine Gesellschaft buchstäblich mit Dreck zu bewerfen, den Jago offenbar in Form von Rohöl in die Suppenterrinen zaubert. Da zwischen ihm und Rodrigo eine homoerotische Anziehung besteht, wäre die Ehe mit Desdemona ohnehin nur Schein gewesen. Ganz ohne historischen Bezug möchte die Regie offenbar doch nicht auskommen und verknüpft Desdemonas Schicksal mit dem von Francesca da Rimini und Paolo, da an einer Textstelle ein Vers aus Dantes "Divina Comedia" zitiert wird. Und so ziert ein Gemälde Gaetano Previatis die Bühne, das die Sterbeszene des Liebespaares zeigt, die auch immer wieder als stumme Figuren auf der Bühne erscheinen. Was dies mit Rossinis Stück zu tun hat? Wohl genauso viel wie Otellos Ausrollen des Gebetsteppichs. Eines ist Michieletto auch diesmal wieder gelungen: vor allem von sich reden zu machen aufkosten des Werkes, das er inszeniert.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Otello: Dramma per musica in drei Akten

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Arnold Schönberg Chor (Chor), Wiener Symphoniker (Orchester), Fulvio Bettini (Solist Gesang), Maxim Mironov (Solist Gesang), Nino Machaidze (Solist Gesang), John Osborn (Solist Gesang)

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