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Donnerstag, 3. Dezember 2020

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Nachklang der Liebesnacht im ersten Akt, Copyright: Monika Rittershaus

Nachklang der Liebesnacht im ersten Akt, © Monika Rittershaus

Fassbaenders 'Rosenkavalier' in Baden-Baden

Amüsantes Zeit-Hopping

Sie inszeniert mit augenzwinkerndem Spaß, nutzt die volle Breite des Baden-Badener Festspielhauses und wartet zudem noch mit erhellenden Deutungen auf: Brigitte Fassbaender legt Strauss’ Musikkomödie 'Der Rosenkavalier' bei den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmonikern zwischen die Zeiten Maria Theresias und die Entstehungszeit der Oper.

Neues ergibt sich, wenn Mariandel den herablassenden Mitgiftjäger Ochs zum Stelldichein im zweifelhaften Lokal mit ihm verbundenen Augen in Art eines Blinde-Kuhspiels führt. Oder wenn sich bei der italienischen Sänger-Arie im Lever der Marschallin der Knall im Streit zwischen Ochs und dem Notar zuvor lange handgreiflich andeutet und die Marschallin anschließend ihre Melancholie dem Notarius vorgestikuliert. In diesem Lebens-Monolog hält Fassbaender ihre sonst stets umtriebig-pittoreske Inszenierung an, um einen magischen Moment zu schaffen.

Auch sonst verzichtet die Regisseurin auf vieles aus der Bühnenkonvention. Das Nachglühen der Liebesnacht erleben wir nicht, wie sonst üblich, auf einem breiten Doppel-Himmelbett, sondern auf einem modernen blau-grauen Sofa, auf dem Oktavian sogar in der Zeitung blättert. Die vielen Domestiken bei den von Werdenbergs und den von Faninals sind ein buntes Völkchen, mit denen die Regisseurin die Breite der Festspielhausbühne immer wieder voll ausreizt.

Da sind nicht nur die einstigen Kuruzen Wiens darunter, sondern zart-blaue Näherinnen und turbanbedeckte Gastarbeiter. Die Geschäftigkeit bei den Faninals vor der Rosenüberreichung surrt in einer Näh-Manufaktur unter dem Kommando der Jungfer Leitmetzerin ab; man wähnt sich bei Frau Mayrs Spinnerinnen im 'Holländer'. Und Leopold rollt auf Inlineskatern durch Palais und Spelunke und schafft in letzterer in Styropor-Wannen Essen aus dem Schnellrestaurant herbei.

Es gibt also nicht nur Ungewohntes zu sehen. Es wird auch schnell deutlich, dass Brigitte Fassbaender mit ihren Ausstattern Erich Wonder (Bühnenbilder) und Dietrich von Grebmer (Kostüme) den Spagat zwischen den Epochen Maria Theresias und Hugo von Hofmannsthals versucht. Er gelingt ihr dank Wonders durchsichtigen Vorhangdekors, die mal eine Wiener Stadtansicht (erster Akt), einen Arkadengang und einen Kronleuchter (Stadtpalais-Bild) sowie dann ein stillgelegtes Hallenbad (etwas Heruntergekommenes zur entlarvenden Maskerade) durchscheinen lassen. Das öde Schwimmbad verwandelt Wonder zu den versöhnlichen Schluss-Nummern dann in einen Park für das polyglotte Komparsenvolk. Die Marschallin zieht zum Lever eine Rokoko-Robe über ihren weinroten Hausanzug. In diesem amüsanten Zeit-Hopping verbirgt sich viel an historischen Bezügen.

Hinter diesen bunten, zeitwandelnden Bildern steckt aber auch viel Gutmütigkeit. Und bei aller üppigen Personenstaffage, bei aller unablässig bewegten Umtriebigkeit: Dieser Baden-Badener 'Rosenkavalier' strahlt Großherzigkeit und Noblesse aus. Knapp mund herzlich fällt Oktavians Abschied von der Marschallin aus. Jegliche Rührseligkeit vermeidet Fassbaender vollkommen. Dennoch gleitet ihre Inszenierung nie ins Platte ab, selbst als Faninal seiner Sophie am Ende einen Klaps auf den Po gibt. Fassbaender präsentiert uns einen modernen, belebten, aber keinen verstörenden 'Rosenkavalier'. Wenn man Herbert Wernickes Spiegel-Festlichkeit im Baden-Badener 2009er-Remake von 1995 und Harry Kupfers luxuriös-romantische Bildhaftigkeit in Salzburg vom Vorjahr zum Vergleich heran zieht, dann ist Fassbaenders Version die Liebenswürdigste, die Persönlichste und die Gehaltvollste, vielleicht auch die Aktuellste.

Duftig und exquisit

Rundheraus glücklich konnte man am Ende auch mit Sir Simon Rattles lebendig-geistesgegenwärtiger musikalischer Leitung sein. Anfänglich rhythmisierte der Berliner Chefdirigent mit seinen Berlinern noch etwas heftig und hastig, schlichen sich in die schnellen Tempi noch einige Nervositäten ein, so dass einige sängerische Sentenzen untergingen. Doch dann kamen die sonoren Kantilenen auch bei den Berlinern zum Durchbruch. Rattle und seine Musiker, die den 'Rosenkavalier' noch nie vollständig szenisch aufgeführt hatten, fanden voll in den lyrischen Tonfall, belebten federnd, ließen die Farben ausgewogen fluoreszieren. Die Walzer kamen duftig, das Kammermusikalische exquisit, und die Ochs’schen Grobheiten reflektierte das Berliner Meisterorchester mit geballter Wucht. Die Schluss-Gesänge phrasierte Sir Simon mit seinen Sängerinnen spannungsvoll aus, da glühte alles im klangergiebigen Fluss nur so auf. Der Philharmonia Chor Wien, einstudiert von Walter Zeh, agierte ausgesprochen stimmstark und nicht nur im untermalenden Hintergrund.

Im Solistenensemble gab es keine matten Stellen. Eine Überraschung für sich, wie gesammelt und abgeklärt die gefeierte Verdi-Heroine Anja Harteros in die Rolle der Marschallin fand. Sie führte eine vollkommene Beherrschung ihres breitbandigen Volumens vor. Welche Farbenfülle entwickelte ihr dramatisch ausladender Sopran! Ihre leuchtende Kraft und ihre bronzene Fülle brachte sie stets völlig elastisch zur Geltung. Flexibel reizte sie Stimmungen aus, von unwirscher Entrüstung bis zum Ausschwingen feinster seelischer Regungen. Überraschend auch, wie der profunde, gut sitzende englische Bassist Peter Rose klangecht-dialektal mit dem Wiener Idiom zurecht kam. Selbst der extrem schnelle "Pirschgesang" kam in exzellenter Deutlichkeit herüber. Spielerisch erhöhte Rose seinen Ochs vom Hanswurst zur jovial liebenswürdigen Standesperson voller Saft und Kraft, wie es ihm am Ende ja auch die Marschallin insinuiert.

Magdalena Kožená setzte für den Oktavian durchdringende Mezzo-Kraft ein und legte viel burschikose Kraft in ihre Hosenrolle. Als Sophie ließ Anna Prohaska ihren klaren Sopran voll ausströmen und artikulierte ihre inneren Bewegungen lebendig und glaubwürdig aus. Mit energischer Kraft sang Clemens Unterreiner den Faninal, als voll im Leben stehend und mitnichten abgetakelt. Strahlenden Wohllaut verströmte Lawrence Brownlee als Sänger. Wohlgesetzt fügten sich Thomas Michael Allen als Haushofmeister und Wirt Carole Wilson und Stefan Margita als Intrigantenpaar, klangmächtig der Kommissar von John In Eichen ein. Irmgard Vilsmaier forcierte die Marianne Leitmetzerin zu stark mit Stentorstimme.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Richard Strauss: Der Rosenkavalier: Osterfestspiele Baden-Baden

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Erich Wonder (Bühnenbild), Sir Simon Rattle (Dirigent), Brigitte Fassbaender (Inszenierung), Berliner Philharmoniker (Orchester), Anja Harteros (Solist Gesang), Peter Rose (Solist Gesang), Magdalena Kozená (Solist Gesang), Lawrence Brownlee (Solist Gesang), Irmgard Vilsmaier (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Ein "Rosenkavalier" ohne Lebenstiefe
Osterfestspiele Baden-Baden
(Neue Zürcher Zeitung, )

Buntes Opernosterfest
Drei Festpremieren vom Wochenende
(Süddeutsche Zeitung, )

"Rosenkavalier" von Richard Strauss
Prominente Besetzung in Baden-Baden
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

Eine unverbindliche Maskerade
"Der Rosenkavalier" in Baden-Baden
(DeutschlandRadio, )

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