> > > > > 04.05.2011
Dienstag, 17. September 2019

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, Copyright: Christian Nielinger

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, © Christian Nielinger

Sunhae Im mit Akademie für Alte Musik in Berlin

Vielfältig einiger Widerhall

Es hat etwas Tröstliches und Schönes, es ist wie der Anblick einer ersehnten Idylle im hiesigen Zeitalter geballter Überflutung mit Reiz und Information, dass vom Parisaufenthalt Georg Philipp Telemanns 1737 so gut wie nichts Genaueres bekannt ist – obwohl der Hamburger Musikdirektor seinerzeit ein gefeierter Komponist gewesen ist und aus den wenigen Quellen hervorgeht, dass er in Paris mit gekrönten Häuptern umging. Dass man jene Pariser Episode aber mit Werken umkreisen kann, die ein anregendes Programm ergeben, zeigte die Akademie für Alte Musik im Berliner Konzerthaus. Es könnte vielleicht mehr an Fakten zu wissen geben – aber besseres wohl schwerlich als eben solche Musik.

Beide Konzerthälften wurden von Ouvertürensuiten aus der Feder Telemanns eröffnet, der in F-Dur (TWV 55:F1) und der in g-Moll (TWV 55:g1). Die Ouvertüre der Ouvertüre, die der Reihe von Tanzsätzen vorangeht, geriet in ersterer recht gleichmäßig, die kontrastive Formidee aus langsamer 4er-Grandezza und flink fugativem 3er-Takt wurde nicht übertrieben. Die anschließenden Tänze flossen lebhaft, unaufwendig und unversehens dahin. Das Ensemble präsentierte sich von Anfang an geschlossen, ohne Ecken und Kanten, gestaltete abgeklärt. Mehr Witz und Überwältigung hielt da schon die g-Moll-Ouvertüre bereit, die nach einem ihrer Sätze 'La Musette' den Namen erhalten hat. Die gliedernden Einschnitte in der Ouvertüre gerieten deutlicher und die Tanzsätze, obgleich Moll, erhielten einen tüchtigen Unterzug von Schelmerei und virtuoser Ausgelassenheit. Besonders mit der karnevalesken Klammer einer Neapolitaine und eine Harlequinade, voll abrupter Wendungen, schneller Ausführungen, plötzlicher Schlüsse zeigte sich hier Telemanns funkelnder Witz. Der wirbelnde Harlekin, der die Ouvertüre beschloss, war eine zuckende, sinnliche Gestalt von Herrlichkeit. (1737, ein Jahr nachdem Telemann diese Ouvertüre hatte drucken lassen, wurde der Harlekin von Johann Christoph Gottsched performativ von der Bühne verbannt, und Telemanns Werk ist ein weitrer Beleg für den theaterfeindlichen Irr-, wenn nicht gar Schwachsinn Gottscheds und ceterum censeo Gottschedium esse flagellandum.)

Im Zentrum des Konzertes aber standen drei Werke bzw. Werkauszüge, in denen der Sopranistin Sunhae Im die Vorderbühne gehörte: Louis-Nicolas Clérambaults Kantate 'La Muse de l’Opéra ou Les charactères lyriques' sowie Auszüge aus Telemanns 'Orpheus oder Die wunderbare Beständigkeit der Liebe' und Jean-Philippe Rameaus 'Castor et Pollux'.

Clérambaults Kantate liegt das schlaue Konzept zugrunde, nicht eine zusammenhängende Handlung zu präsentieren, sondern einzelne Stimmungsbilder und lyrische Situationen aufzureihen, die wie das Destillat einer Oper wirken. Das einleitende Rezitativ lädt den Zuhörer ein, nicht mehr durch die Welt zu rennen, sondern die vorliegende Summenbildung zu genießen: "Ici tout l’univers se découvre à vos yeux." Sunhae Ims schlichtweg schöne, mit Leichtigkeit gestaltende Stimme war in all diesen Situationen ganz galanter Ausdruck; nur selten und gegen den ganzen Orchesterapparat schien die Stimme im großen Saal des Konzerthauses nicht völlig durchzudringen. So wechselten bukolische Szenen, in deren Text sich die Musik des Menschen und des Naturraums im Widerhall vereinten, mit einer Klage um den zu früh beendeten Schlaf, mit einer Vision der Hölle, die allerdings nicht zu bitter ausfiel, unterbrochen von knappen Rezitativen, die durch den vielfältigen Bilderbogen navigierten.

Aus Telemanns Oper, nach Hamburger Tradition dreisprachig abgefasst, wurden Arien der Orasia präsentiert. Diese Figur ist eine merkwürdige Zugabe zum Orpheus-Mythos: hoffnungslos in den mythischen Sänger verliebt lässt sie erst Eurydice töten, und schließlich, als Orpheus partout nicht aufhören will diese zu lieben, auch diesen selbst. Dass sie dadurch das Pärchen wieder vereint hat, fällt der (rache-)lüsternen Königin Orasia zu spät ein. Hier glänzte Im ebenso sehr mit der furiosen Rachearie'„Sù, mio core à la vendetta!' wie auch mit dem sanften 'C’est ma plus chère envie'. Restlos beherrschte, bravouröse Technik zeigte sich genauso wie die glasklare Artikulation und schlichte Intensität der langsamen Arien. Letzteres geriet auch in dem knappen und schlichten Rezitativ 'Wie hart ist mir das Schicksal doch?' umwerfend; nur mit solierendem Cello und einem behutsam getupften Continuo entstand hier eine reduzierte Klage, die direkt ins Blut ging.

Eine Klage eröffnete auch die Reihe der Auszüge aus Rameaus 'Castor et Pollux' – allerdings endet die daramatische Aktion hier fröhlich mit einem Katasterismos, der Versetzung der gebeutelten Hauptfiguren unter die Sterne. Nach der unprätenziös und geradlinigen Arie 'Tristes apprêts, pâles flambeaux', die von der Akademie für Alte Musik Berlin ungeahnt samten und wunderbar leise begleitet wurde, tauchte in drei Zeugenberichten seliger Schatten aus dem Elysium auch das Motiv des Widerhalls wieder auf. In der ernsten Heiterkeit dieser Musik zeigte Im wiederum ihre Stilsicherheit und gestaltete auch dort funkelnde Überraschungen, wo man dachte, das melodische Material gerade bestmöglich kennengelernt zu haben. Das Orchester ging geschickt haushaltend mit den zarten Pastellfarben Elysiums um und zeigte sich bei aller schwelgerischen Gesamtwirkung rhythmisch unumstößlich. Die abschließende Chaconne war ganz Versöhnung und Einklang.

"Lieblich ist das Geflüster der Fichte, die drüben säuselt neben dem Quell": Mit der bukolischen Urszene des Widerhalls bei Theokrit, deren Echo die Texte des Abends durchzog, wird man zu Sunhae Im sagen können, sie singe "nicht minder lieblich. (...) Honig möge den reizenden Mund dir füllen, o Thyrsis, Waben mögen ihn füllen!"

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Kritik von Tobias Roth



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Un grand Partisan francais: Akademie für Alte Musik Berlin, Sunhae Im

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Georg Philipp Telemann, Nicolas Clerambault, Jean-Philippe Rameau

Mitwirkende: Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester)

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Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthaus Berlin

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