> > > > > 16.01.2011
Dienstag, 29. November 2022

Klassiches Ballett von Strawinsky bis Sciarrino

Theater der Körper

Heinz Spoerli übernahm die Leitung am Zürcher Ballett im Jahre 1996 und führte es in der Folgezeit zum Parnass des klassischen Tanzes. Am Ende der Spielzeit 2011/12 heißt es Abschied nehmen von dem charismatischen Choreografen und Ballettdirektor. Spoerli wird zu Ende der Saison von seiner Position am Zürcher Ballett zurücktreten und ein Ensemble erstklassiger Tänzer an die Nachfolge übergeben. Zeit also, um auf eine Ära des klassischen Tanzes in der Schweiz zurückzublicken. An der Zürcher Oper wurde in einem neuen Ballettabend in diesem Sinne bereits eine erste Retrospektive gewagt: Spoerli (*1940), Kylián (*1947) und Hauert (*1967) heißen die prominenten Protagonisten und Vertreter dreier Generationen.

Il giornale della necropoli

Der damit fast in Epochen des modernen, klassischen Tanzes gegliederte Abend eröffnet mit Hauerts subtiler Wegführung zu Salvatore Sciarrinos 'Il giornale della necropoli'. Der in Palermo geborene italienische Komponist entfaltet in seinem kammermusikalischen Orchesterstück die für ihn typische musikalische Sprache zwischen ungeahnten Obertonspektren, zarten Klangfarben und einer dem Hören verpflichteten Sehnsucht nach Stille. Der expressive Tanz mitsamt seiner dynamischen Bewegung mag diesem Augen- und Ohrenmerk zunächst bewusst entgegenwirken. Oft ruhen schließlich bei Sciarrino die Klänge in einer zwanglosen Statik, entfalten sich weit mehr räumlich als zeitlich und verleihen so auch dem solistischen Akkordeon eher einen spazialen Raum des Andenkens als eine melodische Richtung. War doch die Nekropole als Weihestätte des griechischen Altertums ebenso die zeitlose Polis der Erinnerung an die Toten (nekros). In diesem Sinne hat Sciarrino geradezu ein Requiem der Klangfarbe komponiert, das dem Nachklingen, dem Echo, ja dem Absterben der Töne und Rhythmen gewidmet scheint.

Hauert hat auf diese Hinweise in der Partitur viel Wert gelegt und eine wohldurchdachte, unprätentiöse Choreographie zu der introvertierten Musik entworfen. Das Movens der Körper schwankt zwischen Improvisation und Eigenverantwortlichkeit, dem Kalkül einer Komposition und dem Einbruch des Zufalls in ebenjene Strukturen. Leider hat Hauert dem tanztechnischen Erfahrungsschatz des Zürcher Ensembles nur viel zu wenig Virtuosität abgerungen; denn gerade dort, wo er dies verlangte, changiert das Ballett zwischen zwei subtil differenzierbaren Bedeutungsebenen – dem Narrativ eines enthemmten "Theaters der Körper" und der puren, fast maschinellen Motorik von unbelebten Gliederpuppen. Form und Formlosigkeit, Formfreiheit und Formzwang werden so auch als Modi der belebten und unbelebten Bewegung verständlich, die sich im singulären Akt jedoch oft nur noch an ihren eigenen Grenzen und Übergängen unterscheiden lassen. Gerade die Bewegung, die an ein fast alltägliches Gehen, Schreiten und Rennen erinnert, eröffnet so ihren choreographischen Sinn, ähnlich wie Sciarrinos Stille die verschütteten Klänge der Instrumente eigens wachrüttelt. Indem letztlich auch die pastellfarbenen Batik-Kostüme die Subtilität von Klang und Bewegung aufgreifen, entsteht ein in sich geschlossenes Ballett – gleichsam als Beweis für eine zeitgenössische Form des klassischen Tanzes.

Falling Angels

Ebenso überzeugend, wenngleich weitaus expressiver musste die Umsetzung von 'Falling Angels' von Jiri Kylián wirken. Der am Zürcher Ballett bereits aus mehreren Aufführungen bekannte tschechische Ballettdirektor wählte für seine choreographische Komposition zu Steve Reichs 'Drumming' ausgerechnet acht Frauenkörper – geradezu als wolle er das alte Klischee des rhythmisch-männlichen Perkussionsideals durch eine feminine Geste dekonstruieren. Schließlich wurde schon bei Hesiod der Rhythmus der Trommeln mit einer männlichen, zudem pseudo-afrikanischen Körperlichkeit in Bezug gebracht. Dass hierin lediglich ein antiquiert-kulturelles Vorstellungsmuster liegt, hatte nicht zuletzt Steve Reich frühzeitig erkannt. Der amerikanische Komponist studierte zwar in Afrika, Asien und Indien am Ursprungsort rhythmischer Virtuosität – transkribierte die Strukturüberlagerungen der Gamelan- und Xylophon-Orchester, aber er integrierte letztlich doch das gesammelte Material in eine musikalische Sprache, die von der Kritik nur unzureichend als westliche Minimal Music apostrophiert und anerkannt wurde. In den frappanten Pattern und hypnotischen Phasenverschiebungen erkannte Reich vielmehr eine universelle Möglichkeit, mit Rhythmus umzugehen, wie sie in der abendländischen Tradition nur Strawinsky angedeutet hatte. Für den Tanz eröffneten sich damit ganz neue Perspektiven, auf Rhythmus, Impuls und Groove zu reagieren.

Le Sacre du printemps

Jiří Kyliáns akzentbetont, dynamische Choreographie, präzise gesetzt in eine geometrisierende Lichtregie, wurde nach der Pause von Spoerlis Versuch an 'Le Sacre du printemps' in ihrer Intensität und Ausdruckskraft noch gesteigert. Der musikalische Großrhythmus, der dominante Grundimpuls war in den Solisten ebenso präsent wie im ganzen Corpus des Ensembles. Die kultische Gebärde und der Mythos des "Frühlingsopfers" wurden jedoch im Sinne eines "Headhunting" zurückgenommen. Spoerli hat mit seiner Kopfjagd eine klassisch-souveräne Interpretation des berühmten Werkes geliefert, das auch dank des glänzenden Orchesters der Oper Zürich unter Zsolt Hamar in alter Überzeugungskraft daherkam. Für einen Strawinsky dieser Intensität kann man sich nur begeistern!

Bereits Spoerlis Erstaufführung vor zehn Jahren war ein großer Erfolg. Auch 2011 ist das Publikum euphorisch und emotional. Die apokalyptische Endzeitstimmung, das Animalische der Motorik, die Brutalität der Geste und die Verzweiflung der Mimik sind nicht mehr ausschließlich im Ritual aufgehoben, sondern tatsächlich Ausdruck ihrer Protagonisten. Dies gibt dem 'Sacre' eine zwingende Aktualität. Identifikation wird wieder möglich. Man fühlt sich ergriffen. Der Tanz schlägt auf das Publikum über. Bühne und Podium rücken nah zusammen. Adornos Urteil über den 'Sacre' – "Der Primitivismus ist die Einfalt von heute" – war in diesem Sinne sicher nicht wertend gemeint, sondern konstatierte lediglich die Unerbittlichkeit, die Strawinsky anno 1913 entworfen hatte – im selben Jahr wie Freuds "Totem und Tabu" und vieler anderer Schriften, die auch als Abschied einer abendländischen Tradition von Werten und Vorstellungen verstanden werden können. Als ein Abschied von Worten also, für den nicht zuletzt auch das klassische Ballett stand. 'Le Sacre du printemps' ist in vielerlei Hinsicht das erste und letzte modern-radikale Tanzstück. In seiner respektvollen Annäherung ist Spoerli diesem hohen Anspruch auf Modernität und Radikalität in überzeugender, selbstloser Weise gerecht geworden. Er hat nicht den Fehler begangen, 100 Jahre nach dem 'Sacre' noch provozieren und steigern zu wollen. Die Choreographie ist werkdienlich, authentisch, und unterscheidet sich doch von den musealen Rekonstruktionen, wie sie in Zürich leider auch stattgefunden haben. Das Revolutionäre von 1913, die Tumulte der Uraufführung im Théâtre des Champs-Élysées wird man heute nicht mehr heraufbeschwören können. Einfangen können wird man sie nie, und es ist dies wohl auch nicht nötig. Wege der zeitgenössischen Choreographie, wie sie Thomas Hauert und Jiří Kylián aufzeigen, stehen mit einem anderen, ja vielleichst "post-modernen" Gestus in der Tradition von Strawinsky und Djagilew. Der Tanz hat mit ihnen auch im klassischen Ballett noch eine gewisse und hoffnungsvolle Zukunft, besonders in Zürich.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Toni Hildebrandt



Kontakt zur Redaktion


Il giornale della necropoli/Fallings Angels/Sacre: Ballette von Hauert, Kylián und Spoerli

Ort: Opernhaus,

Werke von: Salvatore Sciarrino, Steve Reich, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Kiri Kylián (Choreographie), Zsolt Hamar (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sergej Tanejew: Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello E-Dur op.20 - Adagio piu tosto largo - Allegro agitato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich