> > > > > 29.01.2011
Donnerstag, 19. September 2019

Rossinis 'Comte Ory' am Opernhaus Zürich

Eremit im Wohnwagen

Die Story von Rossinis Graf Ory ist denkbar einfach gestrickt: Da gibt es einen frivolen jungen Aristokraten namens Comte Ory, der als verkleideter Eremit tagtäglich zahlreiche Frauen, darunter auch die Gräfin Adele, in seine Behausung lockt und ihnen dort Genüsse bereitet, auf die sie zu Hause verzichten müssen, da sich ihre Ehemänner gerade auf Kreuzzug befinden. Das unterhaltsame Leben des Möchtegern-Don-Giovannis findet ein rasches Ende, als ihm sein Erzieher auf die Schliche kommt und seine Identität enttarnt. Doch Ory und seine Freunde geben sich nicht so leicht geschlagen: Als Nonnen verkleidet stehen ihnen Tür und Tor von Adele Schloss offen. Doch hat Ory die Rechnung ohne den Pagen Isolier gemacht, denn dieser tauscht kurzum mit der Gräfin die Kleider, und wird so zur Angebeteten seines Herrn. Bevor die Situation für die Beteiligten allerdings so richtig peinlich zu werden beginnt, kündigen die Kreuzritter ihr Rückkunft an.

Ein Maskenspiel ist auch Rossinis Musik. Er verwendete für die Partitur große Puzzleteile aus seiner Oper 'Il viaggio a Reims', die 1825 anlässlich der Krönungsfeierlichkeit für den französischen Karl X. entstand und am Paris Theatre Italien lediglich vier Mal gegeben wurde.

Zürichs Regieduo Mosher Leiser und Patrice Caurier verpasst der Story eine gehörige Portion szenischer Schminke und macht das Kreuzrittermilieu zum Frankreich der 60er Jahre, als man gerade damit beschätigt war, gegen Algerien Krieg zu führen. Christian Fenouillat ließ sich als Schauplatz ein spießiges Dörfchen einfallen, in dem der angebliche Eremit mit falschem Bauch offenbar in einem Wohnwagen der billigsten Sorte Hof hält, der nach und nach zum Bordell mutiert. Cecilia Bartoli hat bei ihrem ersten Auftritt die Lacher auf ihrer Seite: Nicht nur, dass sie mit einem Citroën 2CV (im Volksmund "Ente" genannt) auf die Bühne kommt - das biedere Kostüm zeigt gemeinsam mit der optisch wenig schmeichelhaften Brille eine Bartoli, die man erst auf den zweiten Blick erkennt, bei ihrer Unterredung mit dem "Heiligen" aber rasch eine Persönlichkeitsänderung erfährt. Die Mischung aus subtiler Ironie und zweideutiger Situationskomik beherrscht auch den zweiten Akt mit seinem die reinste Tristesse ausstrahlendem Wohnzimmer.

Cecilia Bartoli ist natürlich der große Name der Neuinszenierung, deretwegen Fans aus ganz Europa auch diesmal wieder nach Zürich aufbrechen. Bartoli hat sich hier wieder einmal eine Sopranrolle erarbeitet, deren Tessitura ihr keine Probleme bereitet und deren Koloraturfeuerrwerk noch mit den Farben eines Mezzos aufgemöbelt wird. Die Titelrolle mit ihren zahllosen Acuti und langen Legatobögen in der Mittellage auch nur halbwegs gut zu singen, ist für die meisten Tenöre eine unüberwindbare Hürde. Der diesmal auch darstellerisch superb agierende Javier Camarena meistert die Anforderungen mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn in die unangefochtene Spitzenposition unter den heutigen Rossini-Tenören katapultieren würde, gäbe es da nicht auch den charismatischeren und interessanter timbrierten Juan Diego Flórez. Rebeca Olvera in der Hosenrolle als Page Isolier, Liliana Nikiteanu als Adèles Vertraute Ragonde und vor allem Carlos Chausson als Orys Erzieher vervollständigen das Ensemble, das ohne Schwachpunkte wäre, würde nicht Oliver Widmer Orys Vertrauten Raimbaud singen, dessen große Arie im zweiten Akt die immer bescheidener werdenden stimmlichen Möglichkeiten des Baritons deutlich überstrapazieren.

Die hauseigene Originalklangformation La Scintilla ermöglicht dem Opernhaus, Rossinis Werk im Stil der Historischer Aufführungspraxis zu spielen. Wahrscheinlich bietet man so ein weltweites Unikum. So recht glücklich macht das Ergebnis allerdings nicht; Muhai Tang versucht am Dirigentenpult gleich am Beginn der Vorstellung die Musiker so richtig in Fahrt zu bringen, tut dies aber mit allzusehr durchgedrücktem Gaspedal in Sachen Tempo und Lautstärke. Die doch recht polternde Klangkulisse tut der Wirkung des Abends keinen Abbruch.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Rossini: Le Comte Ory: Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Muhai Tang (Dirigent), La Scintilla (Orchester), Moshe Leiser (Regie), Oliver Widmer (Solist Gesang), Carlos Chausson (Solist Gesang), Liliana Nikiteanu (Solist Gesang), Juan Diego Flórez (Solist Gesang), Cecilia Bartoli (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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