> > > > > 26.08.2004
Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Haitink dirigiert Mozart und Bruckner in Dresden

Großartiger Saisonauftakt voller Wehmut

Die neue Spielzeit in Dresden hat begonnen. Das erste Konzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung ihres Chefdirigenten Bernard Haitink war zugleich Vorbereitung zu einer Gastspieltournee, die das Orchester nach Luzern, Edinburgh und London führt. Es wurde ein glanzvoller Saisonauftakt. Zu Danken ist das zu allererst Bernard Haitink am Pult, der ja bekanntlich nach dem überraschenden Tod Giuseppe Sinopolis im April 2001 dieses Amt vorübergehend übernommen hatte. Haitinks Interpretationen mit der Staatskapelle, der er schon lange verbunden ist, zeichnen sich von Anfang an vor allem durch deutliche Strukturen und größtmögliche Transparenz des Gesamtklanges aus, Tugenden, die seine Vorgänger Sinopoli und Bychkov nicht immer mit solcher Überzeugung umzusetzen wussten. Haitink ist neben dem regelmäßig nach Dresden kommenden Colin Davis, der letzte große Dirigent der älteren Generation, der kontinuierlich mit der Kapelle arbeitet.

Das zweite Tourneeprogramm, das dieser Rezension zu Grunde liegt, machte exemplarisch deutlich, wo Haitinks Meriten liegen. Zu Beginn Mozarts C-Dur Sinfonie KV 551, auch als Jupiter-Sinfonie bekannt. Allen moderneren Ansätzen der Originalklangbewegung trotzend, setzt Haitink hier auf die große Spieltradition der Kapelle; die Darbietung wird vor allem zum klanglichen Erlebnis. Der satte Streicherklang und die hervorragenden Bläsersolisten dürfen ihren Wohlklang üppig ausbreiten. Haitink hetzt nicht, lässt sich Zeit, setzt deutliche Zäsuren und legt so den Aufbau für jeden im Zuschauerraum der Semperoper nachvollziehbar offen, ohne dabei die Sinfonie zu zerfasern. Große Ruhe liegt über seiner Deutung, sein Dirigierstil ist angenehm unspektakulär. Die klaren Gesten der rechten Hand mit dem Stab malen die Deutlichkeit der Umsetzung geradezu vor, die linke unterstützt dies hin und wieder, vieles passiert über Blicke und kleine Wendungen des Körpers, der sonst aufrecht vor dem Orchester steht. Dies genügt um grandiose Effekte zu erzielen, wie beispielsweise die Umsetzung der Terrassendynamik im dritten Satz, die gerade in ihrer scheinbaren Simplizität viel über die hohen spieltechnischen Qualitäten der Musiker aussagt.

Nach der Pause dann Anton Bruckners Siebte Sinfonie, E-Dur. Haitink ist unumstritten einer der erfahrensten Bruckner-Dirgenten unserer Zeit, seine Aufnahmen mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, die bis in die 1960er zurückreichen, sind noch immer Referenzaufnahmen der Werke. Im Laufe der Jahre ist seine Sicht auf Bruckners Siebte ruhiger, abgeklärter geworden. Das zeigt sich nicht zuletzt in den zeitlichen Ausmaßen der Interpretation, die deutlich länger geworden sind. Anders als bei einigen seiner Kollegen, hat die Innenspannung in diesem Alterstil jedoch nichts von ihrer Kraft verloren. Die Nuancen die Haitink er Staatskapelle bereits in den ersten beiden Takten des einleitenden Streichertremolos entlockt, um darauf dann mit konsequenter Steigerung das bekannte Dreiklangthema aufzubauen, öffnen sofort ein klangästhetisches Spektrum, das an Differenziertheit kaum zu überbieten sein dürfte. Die große Erfahrung der Sächsischen Staatskapelle mit dem romantischen Repertoire wird hier wie im Folgenden deutlich: die romantischen Farbmischungen, das Zusammenspiel einzelner Gruppen, die Soloeinsätze der Bläser, die effektvolle, dynamische Balance - das alles klingt homogen entwickelt, hat großen Atem und Zusammenhang.

Auch hier, wie schon im Mozart, leitet Haitink mit großer Abgeklärtheit, exponiert die Themen in aller Deutlichkeit, folgt ihnen in der Durchführung nachvollziehbar bis in kleinste Verästelungen. Stets ist dabei die Gesamtkonstruktion des formal anspruchsvollen Werkes präsent. Der zweite Satz mit dem Trauermarsch erklingt mit großer Klangfülle, allein der Aufbau der Bläserschichtungen ist phänomenal kalkuliert. Es gab in den letzten Jahren durchaus Bruckneraufführungen an selber Stelle, wo bei Orchestertutti eigentlich nur noch eine große, überlaute Klangwolke zu vernehmen war. Anders bei Haitink. Immer ist jede Gruppe deutlich vernehmbar, selbst in der kraftvollen Schlussapotheose sind die einzelnen Streichergruppen noch differenziert wahrnehmbar und erfüllen mehr als die bloße Aufgabe eines bloßen Untergrundeffektes.
Ob es an den klaren Gliederung und den gewählten Tempi lag, dass die Bläser der Staatskapelle noch besser klangen, als sie das ohnehin tun? Ihr Spiel im Scherzo war von äußerster Transparenz und rhythmischer Disziplin geprägt, feinste Abstufungen wurden hörbar und fügten sich nahtlos in den Gesamtklang des Orchesters ein. Eine Darbietung von dieser Qualität ist auch für die Staatskapelle nicht selbstverständlich.

Und dennoch war es zugleich ein wehmütiges Konzer, denn Bernard Haitink wird nicht mehr oft am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden stehen, er hat über Streitigkeiten, die die Chefdirgentennachfolge betreffen, seine Zusammenarbeit mit dem Orchester vorzeitig aufgekündigt. Im Oktober wird er wohl sein letztes Konzert in Dresden dirigieren; so jedenfalls der momentane Stand. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen alles erdenkliche versuchen werden, Haitink noch umzustimmen, denn seine Interpretationen gehören seit Jahren mit Abstand zum besten, was es in Dresden zu hören gibt. Fabio Luisi, sein Nachfolger, der noch relativ wenig mit dem Orchester zusammen gearbeitet hat, wird es schwer haben, diese Rolle zu übernehmen.

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Kritik von Uwe Schneider



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