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Samstag, 28. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Alfred Brendel bei den Dresdner Musikfestspielen

Von der Einfachheit der Interpretation

Was manche Klavierabende wirklich groß macht, ist nicht die halsbrecherische Virtuosität des Solisten, nicht die leidenschaftliche Bearbeitung des Flügels und auch nicht spektakuläre Geschwindigkeit oder intensive Dynamik. Nein, es ist die Einfachheit und Selbstverständlichkeit mit der Stücke vorgetragen werden; wenn die Werke für sich stehen bleiben können und man die Gewissheit hat, ja, so und nicht anders muss es gerade sein, dann ist eine der höchsten Stufen der Vollkommenheit von Interpretation erreicht.

Alfred Brendel, dem mittlerweile 72-Jährigen, gelang dies einmal mehr. Im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele kam er seit langer Zeit wieder in die Elbestadt und hatte für sein Recital in der Semperoper Mozart, Schubert und Beethoven im Gepäck. Er begann mit Mozarts etwas sperriger Fantasie in c-moll KV 396, ein Werk, dass eigentlich die Bearbeitung eines fragmentarischen Sonatensatzes für Klavier und Violine ist und erst nach Mozarts Tod seine heutige Gestalt bekam. Die Fantasie setzt mit Arpeggien immer wieder neu an, grübelt, gelangt schließlich zur Melodieentfaltung und endet mit einem leichtfertigen Epilog. Ein formal schwieriges, weil ungewohntes Stück. Alfred Brendel, so scheint es, gestaltet es von Anfang an in bewusster Auflösung der Form. Die einzelnen Ansätze, wie das innige Adagio, die kontrastierenden Prestoläufe, die dominante Melodieentwicklung im Mittelteil, bleiben nebeneinander stehen, nichts wird zwanghaft aneinandergebunden. Bewusst setzt Brendel ab, bevor das nächste Arpeggio einen neuen Teil einleitet - und erreicht in diesem gestalterischen Paradoxon erst den Zusammenhalt. Wenn das Stück fast unvermutet im leichtgewichtigen Allegretto endet, wird erst rückblickend die Organisation des gesamten Stückes deutlich.

Gefolgt wurde dieser ungewöhnliche Beginn von zwei der bekannteren Mozart-Sonaten: denjenigen in B-Dur KV 281 und Es-Dur KV 282. Diese beiden frühen Sonaten des Achtzehnjährigen sind thematisch knapp konzipiert, haben etwas Liedhaftes und überraschen mit kleinen formalen Experimenten. Brendels Anschlag ist hier voller Wärme, mit kecken, den Leitton hervorhebenden, kleinen Ausbrüchen. Es wurde eine jener Interpretationen, wo jede Phrase, jede kleine Verzierung, jedes rubato unvermeidlich scheint, wo die Balance der einzelnen Stimmen so stimmig ist, dass sie sich gegenseitig beflügeln und vorantreiben. In solchen Augenblicken scheint es dem Zuhörer, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit diese Stücke zu spielen. Keine Note bleibt ohne Bezug zum Gesamtgeschehen und dennoch gibt es immer wieder kleine Momente der Überraschung, etwa wenn Läufe plötzlich aufblitzen oder rhythmische Akzente kurzzeitig aus der Natürlichkeit des Aufbaus hervorstechen und scheinbar in eine andere Richtung der Entwicklung mitzureißen versuchen. Alles ist so schlüssig, selbstverständlich, dass eine Diskussion, ob dies denn nun ein vielleicht zu romantischer Klang für Mozart sei, überflüssig wird.

Die Außergewöhnlichkeit von Alfred Brendel als Gestalter bestimmt die erste halbe Stunde nach der Pause: Franz Schuberts viel zu selten gehörte ‚Drei Klavierstücke D 946’ stehen auf dem Programm. Auch hier, wie schon zu Beginn des Konzerts, formal Ungewöhnliches. Die drei je zehnminütigen Klavierstücke entstanden im Zusammenhang mit den ungleich bekannteren Impromptus, die schon im Namen von der Suche nach formal Neuem zeugen. Die drei zu Gehör gebrachten Stücke experimentieren vor allem mit der Menuettform und dem Wechselspiel von Dur- und Moll-Färbungen. Brendel gelingt zunächst das Kunststück, diese formalen Versuche im Zusammenhang schlüssig klingen zu lassen, die heterogenen Teile zyklisch zu gestalten. Mit großer Klarheit trägt Brendel Schuberts Einfälle vor, wiegt sie, entwickelt sie weiter, treibt sie zum Höhepunkt - um sie dann wieder zu ersticken, um neu ansetzen zu können. Elegant werden die großen Phrasen entwickelt, mit Passion spricht hier die Musik selbst, ganze Episoden erinnern an die Organisation von Liedkompositionen Schuberts; dominiert in einem Moment die Melodieführung, so wird im nächsten Augenblick die unscheinbar vorbereitetete Gegenstimme beherrschend. Die Verweise innerhalb eines Stückes werden transparent und aus den vielen kleinen Miniaturen, aus denen diese drei Stücke zusammengesetzt scheinen, formen sie ein geschlossenes Ganzes.

Zum Schluss des Konzerts Beethovens op. 109, die bekannte E-Dur Sonate. Auch sie - und hier zeigt sich die Intelligenz der Programmgestaltung Brendels – ein formal höchst merkwürdiges Werk, mit zwei extrem kurzen Sätze und einem ausladenden Schlusssatz. Auch hier gilt, erst Brendels interpretatorischer Zugang erschließt die umrisshaften Züge der Sonatenform. Brendel spielt nicht nur die ersten beiden Sätze in ihrer Vielschichtigkeit, als könnte jeder für sich alleine bestehen, sondern löst auch den Finalsatz in die einzelnen Blöcke der sechs Variationen auf, die er durch deutliche Pausen markiert. Hörästhetisch wird so die Dreisätzigkeit scheinbar aufgehoben, doch zugleich wird die gesamte Sonate durch eine konstante Steigerung über alle drei Sätze hinweg zusammengehalten. Die Tempi werden zusehends straffer, der Anschlag allmählich gewichtiger, die Intensität angespannter. Schließlich gibt es nur noch ein mögliches Ende: Ein plötzliches Verklingen des Themas in seiner Urgestalt, die letzten Töne sind akzentuiert und weisen ins Nichts. Die Stille wird zum letzten, nicht komponierten Ton Beethovens. Wer sagt hier was? Ist es noch Beethoven oder schon sein Interpret Brendel?
Eine Pointe die sich einprägt.

Begeisterter Applaus in der ausverkauften Semperoper und Schuberts Ges-Dur Impromptu in einer launigen, funkensprühenden Zugabe beenden einen großen Abend.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Klavierrecital Alfred Brendel: Mozart, Schubert, Beethoven

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Alfred Brendel (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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