> > > > > 31.10.2008
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Peter Tschaikowsky

„Schwanensee“ in Chemnitz

Der Schwan in dir….

Es gibt Menschen, die verstummen, wenn sie Musik hören. Andere haben das Bedürfnis darüber zu sprechen und noch andere bewegen sich zur Musik. Sie tanzen. Alles ist Echo.
Am Chemnitzer Opernhaus ist jetzt ein Echo auf Tschaikowskys Schwanensee zu erleben. Der Ballettdirektor und Chefchoreograf der 23köpfigen, international besetzten Compagnie stellt seine Version des Märchens vor. Von dem Moment an, in dem es dieser starken Truppe gelingt, ihre Energien zu verbreiten und somit der weitverbreiteten Meinung, man wüsste schon wie „Schwanensee“ gehe und vor allem auszusehen habe, konsequent entgegen zu tanzen, nimmt der Abend einen glücklichen Verlauf. Ein Anlauf aber war nötig, und der Beginn, wenn die Tänzerinnen und Tänzer mit Bögen als Jagd- und Animierwaffen hantieren, gehört nicht zu den überzeugendsten Szenen. Dann aber nimmt Devos mit seiner Choreografie und vor allem mit seinen Tänzerinnen und Tänzern das Publikum mit auf einen so romantischen wie rauschhaften Weg, der zu einem Ziel führt, das so überraschend wie verblüffend ist, auf keinen Fall aber unangemessen erscheint.
Am allgemeinen Handlungsverlauf wird ja auch gar nicht so viel verändert. Auf Divertissements und Nationaltänze wird zugunsten einer fortlaufenden Erzählweise verzichtet. Das mag mancher bedauern, „Entschädigung“ erfährt man aber, wenn jene Musiken teilweise in den Verlauf eingebunden sind und je nach Temperament und Gestus Anlass bieten für ausgelassene Sprungvarianten oder stimmungsvolle, romantische Passagen. Kein klassischer Spitzentanz, aber ein Abend, an dem spitzenmäßig getanzt wird. Klassische Elemente auf halber Spitze, oder Sequenzen des modernen Tanzes und schöne Zitate aus der Kunst des Showtanzes mischen sich organisch, was die Attraktivität der Gruppenchoreografien ausmacht und in den intimeren Szenen, Soli oder Duetten, äußerst ansprechend von den Solisten dargeboten wird.
Es beginnt mit wildem Balzen und Bolzen, es wird gejagt und man jagt sich. Dann fließt der Alkohol. Alles endet in einem Rausch, der den jungen Prinzen Siegfried, zu dessen Junggesellenabschied die wilde Fete steigt, in einen entrückten Traum, geradewegs an den Schwanensee führt.
In der springfidelen Gesellschaft übermütiger Jägerinnen und Jäger fühlte sich der Prinz nicht recht wohl. Clément Bugnon gibt den gebrochenen Träumer. In seinen Sprüngen scheint er sich selbst einfangen zu wollen. Seinem Gestus nach scheint an der romantischen Grundfrage zu laborieren, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..“, oder gegenwärtiger, ich weiß nicht wohin ich gehöre…
Wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, zumal sich ja von Beginn an auf der Bühne von „Katxua“, José Pelejero Pastor, Gegenstände wie von Geisterhand geführt bewegen, herein oder heraus schweben, dass da nicht nur ein Zauber waltet sondern auch ein Zauberer seine Hand im Spiel hat. Armin Frauenschuh ist der Rotbart mit raumgreifendem Gestus im weiten Schamanenrock, den er gebieterisch zu tragen und zu bauschen weiß, besonders bei den Drehungen und in den weiten Sprüngen.
In dessen Reich also, am Schwanensee, erfährt der Prinz seine Schicksalsbegegnung in Gestalt der leicht, verspielt, elegant und wenn es sein muss auch sehr bestimmt tanzenden Leslie Humbert als weiße Schwanengestalt Odette. Dazu der ganze Schwanenrausch, die Compagnie in weiß, wilde Schwäne, männlich und weiblich, alle haben Federn gelassen, denn gerade in den Sprungvariationen der ganzen Gruppe bricht sich unbändiger Freiheitswille Bahn. Mit denen über den Wolken, das ist Siegfrieds Traum, ein Vogel zu sein, ein weißer Schwan, was sonst.
Aber erst mal ist der Traum aus. Brautschau ist angesagt. Drei Bräute werden nach dem Aufwachen bei Frau Mutter im Schloss präsentiert. Anne-Frédérique Hoingne, Marija Buschujewa und Caroline Fabre geben als schwarze, hellblaue und silberne Prinzessin in schicken Kleidern (Kostüme Christiane Devos) ihr Bestes, kommen aber nicht an gegen die Träume eines jungen Mannes, der sich nicht sicher ist, ob er wirklich nur vom Fliegen geträumt hat oder schon geflogen ist. Und schon ist er da und spürbar, der Stachel im Fleisch, das Schwingen der Seelenflügel, denn Rotbart präsentiert den Schwanentraum in schwarz, Leslie Humbert als Odile, ihre Züge der Odette gar nicht leugnend. Siegfried taumelt in Rotbarts Falle, schwört dem schwarzen Schwan die Treue und bricht den Schwur, den er dem weißen gab. Mein lieber Schwan. Wie soll das ausgehen. Es geht wieder an den Schwanensee, zu den verzauberten Männern und Frauen, Traumwesen in weiß, aber handfest. Natürlich hat Rotbart noch mal seinen gewaltigen Auftritt, er sitzt auch am Ende auf dem Thron, aber ob es wirklich seiner Macht zuzuschreiben ist, dass Siegfried sich zu seiner wahren Schwanennatur bekennt, endlich die Flügel weit ausspannt und mit Odette in grenzenloser Freiheit über den Wolken dahin fliegt, bleibt zumindest fraglich. Das Publikum steigt nach anfänglichen Irritationen im Verlauf des Abends mit auf und hebt am Ende ab. Dies sicher nicht zuletzt auch Dank der musikalischen Qualität der Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung von David Marlow mit Heidrun Sandmann als Solistin an der Violine.
Schwanensee in Chemnitz, ein Abend, dessen gelungene weiße Bilder vor allem, mit den so wilden wie majestätischen, kraftvollen und eleganten Schwanenmännern und Schwanenfrauen, wir getrost zu den vielen Schwanenseevarianten hinzuzählen dürfen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Die Theater Chemnitz: Ballett Chemnitz, Schwanensee

Ort: Städtische Theater,

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Robert-Schumann-Philharmonie (Orchester)

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