> > > > > 10.05.2008
Samstag, 28. Mai 2022

Midori und Charles Abramovic auf Zollverein

Ein Kammermusikabend der Superlative

Der Auszeichnung für das beste Konzertprogramm in der Saison 2007/08 zum Trotz: Wenn man in Essen ein wenig Abwechslung vom Mozart-Beethoven-Brahms-Trott sucht, mit dem die Philharmonie einen überwiegenden Teil ihrer Kammerkonzerte zu pflastern pflegt, sollte man einmal die Aufmerksamkeit auf das Kulturangebot der Zeche Zollverein richten. Zwar gibt es im Weltkulturerbe-Ambiente eine Beschränkung auf wenige Konzerte pro Saison, doch bekommt man dafür auch erlesene Dinge zu hören, die man ansonsten in Essen vergeblich suchen würde. So gestaltete am Samstagabend die Geigerin Midori gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Charles Abramovic auf der Bühne von Halle 12 A an Schacht XII ein abwechslungsreiches Duoprogramm, das sich ausschließlich aus Werken noch lebender Komponisten zusammensetzte und sehr unterschiedliche ästhetische Ansätze miteinander vermittelte. Eine solch durchdachte Programmkonzeption ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der sich Künstler bei ihrer Werkauswahl häufig genug an dem orientieren, was das Publikum gerne hören möchte.

Midori und Abramovic hingegen forderten sich selbst und ihre Zuhörer von der ersten Minute an, begannen das Konzert mit ‚Coruscation and Reflection’ (1998) von Huw Watkins, setzten es mit der epischen Violinsonate Nr. 2 (1999) von Krzysztof Penderecki fort, ließen dann im zweiten Teil die ‚Sonatas’ (1979) von Magnus Lindberg und die Miniatur ‚After the Tryst’ (1988) von James MacMillan folgen und beendeten ihren Auftritt schließlich mit der Komposition ‚Road Movies’ (1995) von John Adams. Keine leichte Kost also, trotz der über weite Strecken hinweg neoromantischen oder an Schostakowitsch gemahnenden Komposition Pendereckis und der eher leichtgewichtigen Miniatur von MacMillan. Was den Abend nun so mitreißend machte, war das spannungsreiche Agieren des Duos: Denn das Konzert geriet zum Beleg dafür, wie stark ein durchdachter Körpereinsatz die Wiedergabe von Musik unterstützen kann, so dass für den beobachtenden Hörer eine ganz besondere Erfahrungsdimension hinzutritt.

Entsprechend glänzte Midori bei ihrem Violinspiel durch eine perfekte Ausnutzung spielbezogener Gestik, durch ökonomische Bewegungsabläufe, die niemals äußerlich oder als Showelemente wirkten und gerade deshalb die Wirkung des Vortrags verstärkten. Dass es ihr darüber hinaus mittels zarter Formung von Tonpunkten und -linien, aber auch durch energiereich in den Raum gestellte Klänge gelang, dem Publikum ihre eigenen, an der Beschaffenheit der Musik orientierten Atembögen aufzuzwingen und die Anwesenden an den Phasen von An- und Entspannung teilhaben zu lassen, war ein weiteres Indiz für ihr enormes Können. Abramovic wirkte demgegenüber wie ein ruhender Gegenpol, dessen Arme, Hände und Finger jedoch unermüdlich in fliegender Bewegung waren und den Klavierklang vom gehämmerten Unterarmcluster bis hin zum filigranen Gewebe wunderbar modellierten. Im Zusammenspiel agierten die Duopartner phänomenal konzentriert und zeichneten sich durch ein präzises Miteinander aus, gestatteten aber auch dem jeweils anderen dort genug Freiheit zur individuellen Entfaltung, wo die Musik dies zuließ.

Mit welch enormem klanglichem und dynamischem Nuancierungsvermögen dies geschah, konnte bereits in den extrem gegensätzlichen Teilen von Watkins’ eröffnendem Diptychon erlebt werden, kam dann aber in Pendereckis Sonate voll zur Geltung. Beeindruckend war hier die Mischung aus Behutsamkeit und Bereitschaft zum überraschenden Stimmungsumschlag, die von den Musikern zur Gestaltung des riesenhaften Werkes eingesetzt wurde und es zum gleichsam emotionalen Drama werden ließ. So führte Midori das solistisch angestimmte ‚Larghetto’ von den leisen, aber intensiven Pizzicati des Beginns zu gewaltigen Steigerungen und zeichnete gemeinsam mit Abramovic das Zentrum des Werkes, das in der Mitte stehende ‚Notturno’, als Szene von großer Dichte. Großartig gelang aber auch die Darstellung der ineinander verzahnten Instrumentalstimmen in Lindbergs ‚Sonatas’: Die sinnliche Formung von Phrasen, die eruptiven Ausbrüche, aber auch jene Passagen, an denen Midoris Violinklänge förmlich aus dem Nichts zu kommen schienen und plötzlich zwischen den Klavierfigurationen an Klangvolumen zunahmen, gehörten zu den eindrücklichsten Momenten des Abends.

Und da war dann auch noch John Adams’ dreiteilige Komposition ‚Road Movies’: Midori und Abramovic stimmten sie – im Ruhepunkt des langsamen Satzes klangvoll innehaltend – als fulminantes Vorwärtsstürmen an, dessen komplex verschachtelte rhythmische Abläufe mit atemberaubender Genauigkeit umgesetzt wurden, den Zuhörer mitrissen und ihn am Ende fast atemlos zurückließen. Es war dies der perfekte Schlusspunkt für ein Konzert der Superlative – eine Veranstaltung, die eindrücklich demonstrierte, auf welch hohem Niveau sich die Interpretationskunst von Midori und Adamovic bewegt. Für diesen in jeder Hinsicht gelungenen Abend, der trotz des herrlichen Biergarten-Wetters seine Zuhörerschaft angezogen hatte, muss man dem Konzertveranstalter, der Stiftung Zollverein, wirklich gratulieren.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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Zollverein Konzert: Midori und Charles Abramovic

Ort: Zeche Zollverein (Schacht 12, Halle 14),

Werke von: Magnus Lindberg, John Adams, Krzysztof Penderecki, James Macmillan

Mitwirkende: Charles Abramovic (Solist Gesang), Midori (Solist Instr.)

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