> > > > > 22.03.2008
Mittwoch, 23. Oktober 2019

1 / 5 >

Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Altus Philippe Jaroussky im Berliner Konzerthaus

Konkurrenzlos gut

Ein Jammer, hätte der meterlange Hals der Theorbe Björn Colells den Sänger Philippe Jaroussky k.o. geschlagen. Nur ein Zentimeter fehlte zwischen dem Instrument und Jarousskys Kopf, das Publikum im kleinen Saal des Berliner Konzerthauses schnappte kurz nach Luft und lachte dann mit dem sympathischen Altus.

Jaroussky ist unter den Countertenören derzeit die überragende Gestalt. Die öffentliche Aufmerksamkeit könnte jedoch größer sein, denn Jarousskys stimmliche Qualitäten sind ziemlich konkurrenzlos. Anders als bei vielen seiner Kollegen klingt Jarousskys Organ nicht nach dürrem Falsett, also nach der puren Kopfstimme, die in bestimmten Lagen gern in die ‘normale’ Männerstimme kippt. Jaroussky bleibt stets im Register. Schneidende Spitzentöne, gehauchte tiefe Töne, von dem Franzosen kriegt man das nur zu hören, wenn es im Sinn der Interpretation ist. Vielmehr leuchten seine hoch angesetzten Töne himmlisch edel und schlank. In barocker Manier lässt er sie anschwellen und wieder ins Piano zurücksinken. Das macht ihm kaum einer nach. Falls überhaupt ein Countertenor in der Lage ist, eine Ahnung davon zu vermitteln, wie der sinnliche Gesang der Kastraten des 17. und 18. Jahrhunderts auf das Publikum gewirkt haben muss, dann Jaroussky. 

Das Programm, das er im Rahmen der ‘Italienischen Nacht’ neben zahlreichen anderen Künstlern im Konzerthaus sang, stellte Werke großer Madrigalisten des 17. Jahrhunderts in den Mittelpunkt, etwa Musik Claudio Monteverdis, Sigismondo d’Indias, Jacobo Peris, dazu gesellten sich heitere Lieder von Benedetto Ferrari. Die Komponisten erschufen mit jedem Werk für Theorbe und Sänger ein kleines Drama, gesättigt mit hochfahrenden Emotionen, mit todtraurigen Klagen, mit jauchzenden Liebesschwüren. Es ist dies Musik, die uns heute nicht mehr nah ist, die auf Dauer gerade in ihrer ständigen Abwechslung einförmig wirken kann. Die Hörgewohnheiten haben sich von dieser Kunst, die dem Rezitativ enger verwandt ist als der Arie, weit entfernt. Da bedarf es schon eines Sängers wie Jaroussky, der sich den Gehalt dieser italienischen Dramen ganz zu eigen macht. Wer sich scheut, sie gleichsam auf der vorgestellten Opernbühne zu durchleben, der braucht gar nicht erst anzufangen. Manierismus ist hier eine Tugend.

Unter den Cantate ragten diejenigen Barbara Strozzis heraus. Diese Komponistin hat überraschende ,Opern’ für einen Sänger geschrieben, die zwischen ariosen, rezitativischen Passagen und schlichten Melodien wechseln. Strozzis ‘Lagrime mie’ war der Höhepunkt des Abends. In diesem Stück präsentierte Jaroussky sämtliche Facetten seiner Stimme. Dafür war er bereit, dem Ausdruck die stimmliche Schönheit zu opfern.

Das Publikum feierte Jaroussky und seinen Begleiter Björn Colell, der sich in zwei schönen Suiten als Meister auf der Barockgitarre erwies, euphorisch. Als Zugabe schmeichelte Philippe Jaroussky seinen Fans mit einem zauberhaft interpretierten ‘Amarilli mia bella’ von Giulio Caccini, einem frühen Hit des 17. Jahrhunderts.  

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



Kontakt zur Redaktion


Italienische Nacht : Philippe Jaroussky, Gesang; Björn Colell, Laute

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Claudio Monteverdi, Sigismondo d' India, Jacopo Peri, Benedetto Ferrari, Barbara Strozzi, Giulio Caccini

Mitwirkende: Philippe Jaroussky (Solist Gesang)

Jetzt Tickets kaufen
Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthaus Berlin

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Ouverture

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich