> > > > > 12.09.2007
Montag, 6. Dezember 2021

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Beethovenhalle Bonn, Copyright: Leonce49=Hans Weingartz

Beethovenhalle Bonn, © Leonce49=Hans Weingartz

Helmuth Rilling dirigiert Brittens „War Requiem“

Mehr als eine leuchtende musikalische Phrase

‘Joy’ ist das Motto des diesjährigen Bonner Beethovenfestes. Der britische Kulturraum ist Themenschwerpunkt und Benjamin Brittens Werke sind in dieser Spielzeit besonders präsent. Brittens ‘War Requiem’ ist ein Werk der Versöhnung. Ganz bewusst wollte der Komponist die Solistenpartien bei der Uraufführung des großen Chorwerks von einem Briten, einer Russin und einem Deutschen singen lassen. Der Anlass hätte von britischer Seite nicht passender (und delikater) sein können: die Einweihung der im Krieg von deutschen Bomben zerstörten und in modernen Formen neben der Ruine wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry. Das Vorhaben des Komponisten, die im Zweiten Weltkrieg verfeindeten Nationen musikalisch zusammenzuführen, verhinderte die Kunstpolitik der UdSSR. Die Sopranistin Galina Wischnewskaja durfte nicht anreisen und Heather Harper musste kurzfristig für die Russin einspringen.

Mit Sinn für Dramatik

Brittens Kriegsrequiem ist Totenklage und glühendes Bekenntnis zum Pazifismus in Einem. In seinem Chorwerk stehen sich die Texte der lateinischen Totenmesse und Dichtungen von Wilfred Owen gegenüber, in denen die Grauen des Ersten Weltkrieges eingefangen werden. Die Grauen des Krieges beschwor auch Helmuth Rilling in seiner Lesart des ‘War Requiem’, die er am Mittwochabend in der Beethovenhalle entfesselte. Homogener Klang, weitsichtige Disposition und monolithische Klangmassen prägten Rillings Lesart. Zwischen den einzelnen musikalischen Blöcken, dem großen Chor mit Sopransolo, dem Knabenchor (Aurelius Sängerknaben Calw) mit der Orgel und dem Klangkörper des kleinen Kammerorchesters mit Bariton- und Tenorpartie differenzierte Rilling genau und nutzte die verschiedenen Klangfarben, ohne die größere Form aus dem Auge zu verlieren. Mit deklamatorischem Feingefühl und Sinn für Dramatik präparierte Rilling einzelne Phrasen, wie das ‘Kyrie’ des Chores heraus, ließ im Chor beklemmendes Brausen aufbranden, das Blech titanisch aufblitzen und den existenziellen Schrecken des Krieges förmlich mit Händen greifen.

Makelloser Zusammenklang

Brillant waren die Leistungen von Tenor und Bariton, die zusammen mit dem Kammerorchester (Leitung Robin Engelen) auf der Empore der Beethovenhalle aufgestellt waren. Der lyrische Tenor James Taylor sang mit englischem Stimmklang, idiomatischem Feingefühl, uneingeschränkter Textverständlichkeit und liedhafter Präzision. Wort für Wort interpretierte er Owens Lyrik und setzte ein großes Repertoire an Ausdrucksmitteln dazu ein: ahnungsvoll, zart aber auch blutleer und fahl konnte er klingen, um die Dichtung bis in den letzten Winkel der Bedeutungsebene auszuleuchten. Eine musikalisch zu Herzen gehende und rhetorisch beeindruckende Leistung.

Der Bariton Christian Gerhaher zeigte, was er bei Fischer-Dieskau, Inge Borkh und Elisabeth Schwarzkopf gelernt hat. Gerhahers edler und facettenreiche Klang verbindet sich mit einer deutlichen Diktion, konzentrierter Tonbildung und intelligentem Vortragsvermögen. Geradezu makellos waren bei diesen Voraussetzungen die Passagen des ‘Dies irae’, in denen Bariton und Tenor über lange Strecken gemeinsam singen. Im ‘Dies irae’ nutzte Rilling erneut die Gelegenheit, den Chor massiv eingreifen zu lassen und die Klanggewalt des Orchesters zu mobilisieren. Die derzeit gefeierte Anette Dasch gestaltete ihren Sopranpart mit konzentrierter Tonbildung und ausdrucksvollem Stimmklang, wobei sie neben der Interpretation der beiden Herren schon deshalb zurückstehen musste, weil Britten ihnen die dankbareren Partien in die Kehlen geschrieben hat.

Zentraler Satz des Abends

Im ‚Libera me’ fasste Rilling mit eisernem Formwillen die Aussagen des Requiems und die musikalischen Ebenen zusammen, die Britten in mahlerschem Klangstaffelung miteinander kombiniert. Knabenchor, Chor und Einzelstimmen drängte Rilling wie in einem Bach-Choral zu ergreifender Wucht zusammen. Schließlich gestalteten Tenor und Bariton das stille Gespräch zwischen den gefallenen Soldaten am Ende des Riesenwerkes. ‘It seems that out of battle I escaped’ wurde so – kurz vor Schluss – zum Höhepunkt des Abends. Die Zeile ‘I am the enemy you killed, my friend’ gesungen von Christian Gerhaher war in diesem Zusammengang mehr als nur eine leuchtende, makellos interpretierte musikalische Phrase. Sie war der zentrale Satz des Abends.

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Kritik von Miquel Cabruja

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Mehr als eine leuchtende musikalische Phrase: Helmuth Rilling dirigiert Brittens „War Requiem“

Ort: Beethovenhalle,

Werke von: Benjamin Britten

Mitwirkende: Aurelius-Sängerknaben Calw (Chor), Helmuth Rilling (Dirigent), Annette Dasch (Solist Gesang), James Taylor (Solist Gesang), Christian Gerhaher (Solist Gesang)

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